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Fans:Berliner Bemühungen

1. FC Union Berlin - Fans im  Stadion Alte Försterei

So voll soll es nach dem Wunsch der Verantwortlichen von Union Berlin auf den Rängen bald wieder sein.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Trotz der abschlägigen Haltung der Politik forcieren die Hauptstadtklubs Union und Hertha die Rückkehr von Zuschauern in die Stadien.

Von Johannes Aumüller, Berlin/Frankfurt

Wenn es nach den Verantwortlichen von Union Berlin geht, sollen im Stadion an der Alten Försterei bald wieder Momente zu sehen sein, wie es sie im deutschen Profifußball zuletzt im März gab. Also Fans, die auf der Tribüne eng beieinander stehen, dabei keine Masken tragen müssen und sich bei einem Tor in die Arme fallen dürfen. Zur Wochenmitte hat Union ein ausführliches Konzept veröffentlicht - und mitgeteilt, dass es beim Gesundheitsamt Treptow-Köpenick für den 5. September ein Testspiel mit 3000 Zuschauern beantragt hat. Kern des Konzeptes: Jeder Besucher soll sich vorher einem Corona-Test unterziehen. Fällt dieser negativ aus, soll der Stadionbesuch ohne Abstandsregeln möglich sein.

Es ist der nächste, sehr unrealistische Versuch im Kampf des Fußballs um eine baldige Rückkehr von Zuschauern. In vier Wochen rollt die Bundesliga wieder los, und einige Fußballvertreter hoffen noch immer, dann zumindest ein paar Zuschauer ins Stadion zu lassen - insbesondere die Berliner Klubs Hertha und Union.

Letztlich entscheidet über diese Publikumsrückkehr nur die Politik. Und deren Botschaft war zuletzt trotz aller Lobbyarbeit des Fußballs klar. Bundeskanzlerin Angela Merkel lehnte weitere Lockerungen ab. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erklärte, Tausende Zuschauer im Stadion passten nicht in eine Zeit, in der das Infektionsgeschehen wieder zunimmt. Diverse Ministerpräsidenten äußerten sich ähnlich abschlägig. Aber in Berlin sieht die Sache etwas anders aus.

Denn während gemäß der gültigen Verordnungen in den meisten Bundesländern Veranstaltungen bis Ende Oktober auf 1000 Teilnehmer begrenzt, lässt Berlin derzeit 5000 Anwesende zu. Und das wollen die Berliner Bundesligisten nutzen, wenngleich auf unterschiedliche Art.

Bei Hertha BSC geht es dabei zunächst um die Heimspiele gegen Eintracht Frankfurt (26. September) und den VfB Stuttgart (17. Oktober), und offenkundig stehen die Aussichten gar nicht schlecht. Das formal zuständige Gesundheitsamt in Charlottenburg-Wilmersdorf teilt der SZ mit, dass es Kenntnis von einem Hygienekonzept von Hertha BSC habe. Einwände habe es keine gegeben. Ein Sprecher der Sportverwaltung des Senates betont auf Anfrage lediglich, dass im Olympiastadion "die Vorgaben der Verordnung, insb. die Abstandsregelung" für insgesamt 5000 Anwesende zu gewährleisten seien. Das dürfte bei einer Kapazität von fast 75 000 Menschen zu machen sein. Die Hertha selbst will noch nicht zu konkret werden, sondern erklärt nur, dass in den vergangenen Wochen ein Konzept erarbeitet worden sei und sich der Klub jetzt im Austausch mit den entsprechenden behördlichen Stellen befinde.

Offensiver und gänzlich anders geht Rivale Union mit dem Thema um. Schon vor ein paar Wochen preschte der Klub mit einem schräg anmutenden Vorschlag vor. Er wolle wieder vor ausverkauftem Haus spielen - und dies sei möglich, wenn jeder Besucher einen negativen Corona-Test vorlege. Man wolle das Stadionerlebnis bewahren, lautete das Argument. Jetzt veröffentlichte Union das konkrete Konzept - für den Test am 5. September sollen es zumindest 3000 Tribünengäste sein. Union sehe sich "in der Pflicht, aktiv und mit ganzer Kraft nach sicheren Wegen zur Rückkehr in einen wirtschaftlichen Betrieb zu suchen", sagte Präsident Dirk Zingler.

Corona-Test statt Abstandsregeln? Politik sieht Unions Idee skeptisch

Gesundheitsexperten sehen diesen Ansatz sehr kritisch. Denn erstens bräuchte es dafür viele Tests - erst recht, wenn auch andere Veranstalter aus dem sportlichen und kulturellen Bereich einen solchen Weg gehen würden. Und zweitens ist die Aussagekraft eines negativen Tests zweifelhaft. Womöglich ist die Probe falsch negativ, womöglich steckt sich jemand erst kurz vor dem Stadionbesuch an. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller gab sich deswegen nach der Publikation des Vorschlages skeptisch. Die Hürden seien hoch. Und die Abstandsregeln der Berliner Verordnung gelten ja noch immer, wie die Sportverwaltung betonte. Sollte es mit dem Test-statt-Abstand-Ansatz nichts werden, gibt es für Union immer noch einen Plan B, wie Präsident Zingler am Mittwoch bekräftigte. Denn der Klub könnte ja auch vor 5000 Zuschauern mit Abstandsregeln spielen.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) kommentiert die Berliner Bemühungen nicht. Sie hatte zuletzt ein Rahmenkonzept beschlossen (unter anderem mit einem Verzicht auf Stehplätze und Gästetickets); doch dabei wurden keine Forderungen formuliert, wann es wieder wie viele Zuschauer sein sollen. Nun arbeiten alle Vereine mit den lokalen Behörden an Konzepten, wie Zuschauer im jeweiligen Stadion konkret möglich wären. Theoretisch könnten sich auch Vereine in den Ländern, in denen gerade nur 1000 Anwesende erlaubt sind, jetzt schon für Zuschauer öffnen. Aber für eine solch geringe Anzahl für ein Bundesligaspiel Lösungen zu finden, sei ein in der Relation zu großer logistischer Aufwand, verlautet aus verschiedenen Vereinen.

Klar ist aber auch: Sollten irgendwann irgendwo wieder Zuschauer ins Stadion dürfen, werden sich zwei Streits intensivieren: der mit den Fans über die Frage, wer eigentlich ein Ticket bekommt - und jener unter den Klubs darüber, ob es in Ordnung wäre, wenn die lokalen Anordnungen zu sehr unterschiedlichen Auslastungen der Stadien führen.

© SZ vom 20.08.2020
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