Süddeutsche Zeitung

Fallschirmspringen:"Das ist wie eine Ganzkörperohrfeige"

Lesezeit: 4 min

Moritz Friess fliegt beim Speedskydiving mit 500 Stundenkilometern durch die Luft.

Interview von Leon Wohlleben

Die Aufgabe im Speedskydiving klingt recht simpel: Erreiche die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit im freien Fall. Ein Perfektionist und aktueller Weltmeister darin ist der Neu-Ulmer Moritz Friess. Sein bisheriger Rekord liegt bei 571 km/h. Seit 2010 betreibt er diese Disziplin und hat seitdem die nationale und internationale Szene mit vorangetrieben. Auf dem Boden arbeitet der 47-Jährige als Mittelschullehrer.

SZ: Herr Friess, wenn Sie bei 4000 Metern Höhe aus dem Flugzeug springen, geht es für Sie darum, sich so schnell wie möglich in die Tiefe zu stürzen. Was spielt sich bei so einem irren Vorhaben in Ihrem Kopf ab?

Moritz Friess: Bei Wettkämpfen ist es ein Balanceakt zwischen Anspannung und Konzentration. Idealerweise versuche ich, schon im Flugzeug fast einzuschlafen, beziehungsweise in einen tranceähnlichen Zustand zu kommen. Wenn ich aktiv versuche, schnell zu sein, funktioniert das alles nicht.

Sich also einfach fallen zu lassen, wäre falsch?

Ja. Wenn ich mich steif mache wie ein Dartpfeil, fliege ich irgendwann gegen eine Wand aus Luft und werde nicht schneller. Und wenn ich andererseits zu locker bin, schlackern die Arme und Beine zu sehr in diesem Luftorkan, der sich beim Fall bildet. Ich muss außerdem, während die Geschwindigkeit zunimmt, permanent meine Körperhaltung verändern.

Wie sieht das aus?

Das ist ein Stück weit mein Betriebsgeheimnis. Daran experimentieren alle Springer permanent. Aber ich hatte zum Beispiel ganz lange die Hände an der Körperseite. Mittlerweile halte ich sie vorne im Schritt. Das hat den Vorteil, dass ich die Schultern einrolle und weniger Luftwiderstand habe. Der Nachteil ist, dass ich dann mit den Händen nicht mehr steuern kann und alles mit den Fußspitzen machen muss.

Vielen Fallschirmspringern geht es einfach darum, den freien Fall möglichst lange zu genießen. Sie selbst haben schon einige Disziplinen mitgemacht, wie das Formationsspringen und das Hochgeschwindigkeitslanden. Was reizt Sie so besonders am Speedskydiving?

Ich habe bei jeder Disziplin immer versucht, die Leistungsgrenze zu erreichen. Wenn ich irgendwann an den Punkt kam, an dem ich mir gesagt habe, noch besser geht es nicht, habe ich neue Herausforderungen gesucht. Dass ich beim Speedskydiving hängen geblieben bin, liegt daran, dass ich mich da noch steigern kann. Inzwischen kommt mir der normale freie Fall mit der Mannschaft geradezu meditativ und beschaulich vor. Speedskydiving ist einfach eine so viel intensivere Erfahrung. Ab dem Moment, in dem ich das Flugzeug verlasse, muss der Sprung quasi fehlerfrei sein bis die Wertung endet und man bei 1700 Metern Höhe anfängt abzubremsen. Bei anderen Disziplinen bleibt hingegen noch Zeit für Korrekturen. Die besondere Schwierigkeit macht den besonderen Reiz aus.

Woran merken Sie, dass ein Sprung gelungen ist?

Beim Sprung selber merke ich das gar nicht. Wenn der perfekt ist, habe ich - trotz der hohen Geschwindigkeit - gar keinen so hohen Luftwiderstand. Wenn der da wäre, würde ich ja nicht so schnell werden. Erst ab dem Zeitpunkt, bei dem ich anfange abzubremsen, merke ich dann auf einmal, wie schnell das wirklich ist. Aber wenn ich bei 500 km/h und mehr auf einmal auf den Bauch drehe, ist das natürlich wie eine Ganzkörperohrfeige.

Braucht es bei solch extremen Sprüngen nicht eigentlich unglaublich viel Routine?

Routine ist immer ganz gefährlich. Das zeigen auch die Statistiken. Das geht in Wellen. Anfänger haben oft Unfälle, weil sie es noch nicht besser können. Und gefährlich wird es wieder, wenn Leute 500 bis 700 Sprünge hinter sich haben. Dann halten sich viele für Profis, obwohl sie bestenfalls ambitionierte Hobbyspringer sind. Und zu viel Routine ist auch nicht gut, damit kommt die Nachlässigkeit. Fallschirmspringen sollte nie mit dem Aussteigen aus der Straßenbahn verwechselt werden.

Wie oft passieren Unfälle?

Es geht meistens, aber nicht immer, glimpflich aus und ganz oft wird es so verkauft: Das Gefährlichste am Fallschirmspringen ist die Fahrt zum Flugplatz. Da bin ich inzwischen aber anderer Meinung. Wenn ich auf meine Zeit zurückblicke, habe ich doch viele Leute bei diesem Sport sterben gesehen und Freunde verloren. Dabei waren das auch gute Springer. Wenn jemand mehrere 10 000 Sprünge macht und die Statistik sagt, jeder 50 000. Sprung ist tödlich - dann ist ja klar, dass Unfälle nicht ausgeschlossen werden können.

Wegen Materialfehlern?

Die Mehrzahl der schweren Verletzungen und der tödlichen Unfälle geschehen mit voll funktionsfähigen, voll geöffneten Hauptfallschirmen. Unfälle passieren viel mehr aufgrund menschlichen Versagens. Wie Fehler bei der Landung, wenn zum Beispiel die Kurve zu niedrig ist und man in den Boden knallt. Aber wir legen extrem großen Wert auf die Kontrolle unserer Ausrüstung.

Mitte Oktober haben Sie sich in Australien zum Weltmeistertitel gestürzt, dabei lagen Sie zwischenzeitlich nur auf Rang 25. Einige ihrer ersten Sprünge waren ungültig. Wie kann das passieren?

Auf einer Weltmeisterschaft kann ich eben nicht mit Sicherheitssprüngen in die Wertung gehen. So kann ich das Ding ganz sicher nicht gewinnen. Damit ein Sprung als sauber gilt, darf der Luftdruckunterschied zwischen den Messgeräten an beiden Körperseiten nicht zu groß sein. Das zu schaffen, ist nicht immer leicht. Die besten der Welt sind so gut, weil sie volles Risiko gehen und damit durchkommen. Man muss bereit sein, dieses Spiel mitzumachen. Letztendlich war es ein Alles-oder-Nichts-Finale. Die letzten drei von acht Sprüngen mussten alle gültig sein und schnell - was fast schon ein Widerspruch ist. Ich war ziemlich angespannt. Von der Dramaturgie her war das mein extremstes Erlebnis überhaupt.

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Quelle:
SZ vom 31.10.2018
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