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Fallon Sherrock bei der Darts-WM:Ein Pfeilwurf, der viel verändert

Darts ist eine mit Testosteron vollgepumpte Kneipensportart. Doch bei der gemischten WM in London zeigt es Fallon Sherrock den Männern.

Von Carsten Scheele

Die mehrheitlich heftig angetrunkenen Darts-Fans im Londoner Alexandra Palace waren im Kopf doch noch klar genug, um zu realisieren, dass in ein paar Sekunden Geschichte geschrieben würde. Da stand Fallon Sherrock kurz davor, als erste Frau bei der gemischten Darts-Weltmeisterschaft (PDC) ein Match gegen einen männlichen Kollegen zu gewinnen. Ein paar Pfeile noch. Die 3000 Fans wollten dabei sein, also wurde Sherrock laut bejubelt und besungen ("Sherrock's on fire"), ihr Kontrahent Ted Evetts ausgebuht. Als Sherrock ihren letzten Pfeil ins Feld der Doppel-18 zischen ließ, brüllte das Publikum wie sonst, wenn einer seiner männlichen Helden ein Spiel gewinnt, vielleicht sogar ein bisschen lauter.

Sherrock, geboren 1994 und aus dem englischen Milton Keynes stammend, bedankte sich in alle Richtungen. Sie umarmte ihren Kontrahenten Evetts, dem das Publikum so zugesetzt hatte, und irgendwann glitzerte es in ihren Augen. Sie werde "jede Zeitung kaufen" und ihrem fünfjährigen Sohn zeigen, jubilierte sie am Dienstagabend: "Ich bin einfach froh darüber, was ich für den Darts-Sport erreicht habe."

Ihr Beitrag zur Modernisierung der ansonsten mit Testosteron vollgepumpten Kneipensportart kann kaum zu hoch bewertet werden. Bis vor zwei Jahren waren Frauen bei Darts-Titelkämpfen nur als schmuckes Beiwerk vorgesehen. Als sogenannte "Walk-on-Girls" durften sie in knappen Kleidern und hohen Schuhen die männlichen Darts-Matadoren auf die Bühne führen - ein Bild, so rückständig wie beschämend. Mitspielen durften Frauen bei der Weltmeisterschaft nicht. Doch die "Me Too"-Bewegung hat auch im britischen Sport einiges bewirkt, nicht nur in der Formel 1 wurden die berühmten "Grid Girls" abgeschafft, die knapp bekleidet die Startnummern präsentierten, seit 2018 erledigen Kinder diesen Job.

Auch im Darts hat der Weltverband, die Professional Darts Corporation (PDC), reagiert. Die "Walk-on-Girls" sind Geschichte, seit der vergangenen Weltmeisterschaft werden zwei Wildcards für die besten Pfeilewerferinnen reserviert. Das finden nicht alle gut. Gordon Shumway, der frühere Experte des Spartensenders Sport 1, hat schon im vergangenen Jahr heftig gegen "diesen Zirkus" gewettert - bis ihn sein Sender ersetzte. In diesem Jahr legte er nach, die Wildcard-Politik sei scheinheilig; Frauen sollten ihre eigene WM spielen, nicht bei den Männern mitmischen, die sich aufwendig für die WM qualifizieren müssten, anders als die Frauen mit ihren Wildcards. Neben Sherrock bekam in diesem Jahr auch die Japanerin Mikuru Suzuki das Startrecht zugesprochen. Shumway sagt, beide hätten bei der WM "nichts verloren, weil sie sich nicht regulär qualifiziert haben".

Sie übt, wenn Sohn Rory im Bett liegt

Andere sehen die Wildcard-Vergabe als Anschubhilfe für eine Sportart, die ihre größte Bühne viel zu lange nur für Männer reserviert hat. Sherrock und Suzuki haben zudem gezeigt, dass sie sportlich bestens mithalten können. Die 37-jährige Japanerin lag in ihrem Auftaktmatch 0:2 zurück, erkämpfte den Ausgleich, verlor schließlich knapp. Den großen, ersten Sieg überließ sie Sherrock, die selbst zwar als großes Talent gilt, von einem echten Profidasein aber noch weit entfernt ist. Die gelernte Friseurin übt nach eigener Aussage meist erst, wenn Sohn Rory nach 19 Uhr im Bett liegt. "Es gibt Spielerinnen, die so spielen können wie ich, oder sogar besser", sagte Sherrock in der Presserunde: "Dieser Sieg wird uns helfen. Sie können jetzt nichts mehr sagen, weil wir die Männer besiegt haben."

Im Gegensatz zur PDC-WM, die auf der Insel eines der größten Sportereignisse ist, wird die Frauen-WM der British Darts Organisation (BDO) kaum beachtet. Die sei zwar nett, sagt Sherrock, "aber ich spiele eigentlich lieber gegen Männer". Auch monetär ist der Unterschied gewaltig. Die Siegerin bei der BDO bekommt 10 000 Euro. Bei der PDC-WM gibt's eine halbe Million Pfund.

© SZ vom 19.12.2019/sonn
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