Facholympisch (5) Der Fahnenträger

Die Frage, wer bei einer olympischen Eröffnungsfeier die deutsche Fahne trägt, erregte schon politischen Streit. Für Peking ist sich die Öffentlichkeit fast einig.

Von Thomas Hummel

Die Arbeit des Fahnenträgers ist im profanen Alltagsleben eine ganz und gar nicht beliebte Angelegenheit. Stundenlang eine oft schwer behängte Stange schwenken, während die Mitmenschen sich bereits den Freuden eines Feuerwehr-, Trachten- oder Sportfestes hingeben? Da schickt man gerne die Halbwüchsigen nach vorne und erklärt ihnen, wie ehrenhaft das Fahnentragen doch sei, die Blicke des ganzen Ortes seien schließlich auf sie gerichtet.

Eine große Ehre: Der Springreiter Ludger Beerbaum trägt die deutsche Fahne 2004 ins Athener Olympiastadion.

(Foto: Foto: dpa)

Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele ist der Vorgang an sich ähnlich: Vorne schwenkt ein Athlet die Fahne, muss schön lächeln und darf dem Mädchen mit dem Nationenschild nicht auf die Hacken steigen, während hinten vielleicht ein Kollege sein heimlich mitgebrachtes Kaltgetränk öffnet.

Und dennoch hat der Springreiter Ludger Beerbaum vor vier Jahren in Athen gesagt, dass Fahnentragen sei für ihn "absolut etwas ganz Besonderes", er "freue sich riesig" und wäre dafür sogar zu Fuß nach Athen gelaufen. Auch der bald benannte deutsche Fahnenträger für Pekings Eröffnungsfeier am kommenden Freitag wird das wohl so formulieren.

Bei der olympischen Eröffnungsfeier wird das Fahnetragen zur allgemein anerkannten "großen Ehre". Erstens ist diese Position nur alle vier Jahre zu haben, zweitens gibt es mehr als 400 Mitstreiter, und drittens schaut nicht der ganze Ort, sondern die ganze Welt zu. Das Symbol des Fahnetragens wirkte schon so stark, dass sogar auf politischer Ebene heftig darum gestritten wurde.

Denn in den sechziger Jahren gab es zwar bereits zwei deutsche Staaten, das IOC erkannte diese Konstellation aber lange nicht an. So liefen bei den Spielen in Melbourne (1956), Rom (1960) und Tokio (1964) jeweils gesamtdeutsche Mannschaften ein. Weil allerdings die westdeutschen Athleten deutlich in der Überzahl waren, durften sie auch den Fahnenträger stellen. Am härtesten geriet der Streit vor den Spielen in Mexiko 1968. Das IOC ließ zwar nun zwei deutsche Teams zu, die aber unter der gleichen Fahne antreten mussten, mit dem gleichen Emblem und der gleichen Hymne.

Schlussendlich liefen die Athleten der BRD und der DDR hintereinander ins Aztekenstadion, der westdeutsche Ringer Wilfried Dietrich und die ostdeutsche Hürdenläuferin Karin Balzer hielten eine schwarzrotgoldene Fahne mit weißen olympischen Ringen hoch. Als Hymne lief Beethovens "Ode an die Freude".

Soweit reicht die Diskussion um den Fahnenträger heute nicht mehr, sie wirbelt nur noch einige Internetforen auf. Und wenn die deutsche Mannschaftsleitung bei ihrer Entscheidung am 6. August auf die dortige Mehrheitsmeinung hört, kann es im Pekinger Vogelnest nur einen geben: den Basketballer Dirk Nowitzki.

DOSB-Chef Thomas Bach nannte Nowitzki bereits einen "idealen Botschafter für die gesamte Mannschaft". Wohl vor allem deshalb, weil Nowitzki sich in der Vergangenheit wie kaum ein anderer Sportler zur olympischen Idee bekannt hat. Als Jugendlicher nannte er Olympia sein Ziel. Und dass der vielbeschäftigte Profi in der Spielpause der amerikanischen Liga NBA sich in die zähe Olympia-Qualifikation gestürzt hat, rechnen ihm viele hoch an. Dennoch wäre die Nominierung des Würzburgers ein Novum.

Bislang trugen immer Athleten die Fahne, die vorher olympische Meriten verdient hatten. Beerbaum war 2004 vierfacher Olympiasieger, die Kanutin Birgit Fischer (Sydney 2000) gehört zu den erfolgreichsten Olympioniken überhaupt, der Fechter Arnd Schmitt (1992 Barcelona) hatte zweimal Gold geholt. Nowitzki ist in Peking zum ersten Mal überhaupt dabei. In diesem Sinne würden sich eher die viermalige Olympiasiegerin Kathrin Boron (Rudern) anbieten, oder der Schütze Ralf Schumann (dreimal Gold).

Auch sie würden sich sicher über die große Ehre freuen. Ob sie deshalb aber zu Fuß den weiten Weg nach Peking gehen würden, ist doch fraglich.

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