Rad-Profi Fabio Jakobsen:Ins Leben zurück gespurtet

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Vuelta a Espana - 16. Etappe

Wieder der Wehrhafteste in den hektischen Massensprints: Fabio Jakobsen bejubelt auf der 16. Etappe seinen dritten Tageserfolg bei der diesjährigen Vuelta.

(Foto: Lalo R. Villar/dpa)

Vor einem Jahr verlor Fabio Jakobsen bei einem Sturz im Zielsprint beinahe sein Leben, nun ist er bei der Spanien-Rundfahrt der stärkste Sprinter. Sein starkes Comeback erklärt er auch mit den schlimmen Erinnerungen von damals.

Von Johannes Knuth

Man muss Fabio Jakobsen nur ins Gesicht schauen. Dann meint man schon, die Bruchstellen zu erspähen, von den rund 130 Stichen, mit denen sie damals sein Gesicht zusammenflickten. Und wenn Jakobsen redet, verschluckt er oft noch Silben, weil seine Stimmbänder nach dem Unfall kurz gelähmt waren und sie ihm auch zehn neue Zähne einsetzten, einige davon in einen neuen Kiefer, den die Ärzte aus Jakobsens Beckenknochen formten.

Man sieht und hört in diesen Tagen schon deshalb recht viel vom Radprofi Fabio Jakobsen, weil der Niederländer schwer gefragt ist als mittlerweile dreimaliger Etappensieger bei der 76. Spanien-Rundfahrt. Er gewann die vierte, achte und zuletzt die 16. Etappe der Vuelta, letztere an seinem 25. Geburtstag. Es war fast schon zu kitschig, wie das alles zusammenfloss. "Zu diesem Zeitpunkt vor einem Jahr wusste ich nicht, ob es jemals wieder etwas wird mit dem Radsport", sagte Jakobsen am Dienstagabend im Ziel von Santa Cruz de Bezana, deshalb sei er "extrem dankbar" dafür, das er das alles überhaupt wieder erleben dürfe.

Er wurde von der Idealspur und in die Bande gedrängt

Es gibt diese Tage, die ein Leben in ein davor und danach trennen, bei Jakobsen war es der 5. August des vergangenen Jahres. Die erste Etappe der Polen-Rundfahrt, ein Massensprint in Katowice, es ging bergab, die Anfahrt war seit Jahren in der Szene berüchtigt. Aber bislang war es immer halbwegs gut gegangen, bis zu diesem Mal: Dylan Groenewegen und Jakobsen zankten sich um den Sieg, zwei junge, vom Selbstbewusstsein geküsste Profis aus den Niederlanden.

Dann drängte Groenewegen Jakobsen bei über 70 Stundenkilometern von der Idealspur und in die Bande, es waren fürchterliche Bilder. (Groenewegen wurde später für neun Monate gesperrt, der Rad-Weltverband verschärfte seine Sicherheitsprotokolle, auch wenn das vielen Fahrer noch lange nicht weit genug geht.) Hätte der Franzose Florian Sénéchal, Jakobsens Anfahrer, nicht als einer der Ersten am Unfallort Hilfe geleistet, Jakobsen hätte es vielleicht nicht gepackt.

Noch im Juli machten ihm Nacht für Nacht die Schmerzen zu schaffen

Seine Zukunft war auch in den Wochen danach noch rasend akut, sie hieß: überleben. Fast zwei Monate lag er auf Intensivstationen in Polen und Holland. Viele wären froh, danach ins Leben zurückzukehren; Jakobsen aber, sagten die Teamgefährten, sei rasch davon beseelt gewesen, es wieder in den Sport zu schaffen. Und zwar stärker als zuvor. Nichts habe ihn aufgehalten, nicht die Operationen und wochenlangen Pausen; oder dass er im Juni, bei der Dauphiné-Rundfahrt, einen Monat nach seinem Renn-Comeback, die Nächte vor Schmerzen stöhnte, wie sein Teamgefährte Sénéchal bei der Vuelta berichtete. "Schlecht für ihn", sagte Sénéchal, ehe er im Geiste des bitterkühlen Sportgeschäfts anfügte: "Aber gut für ihn als Radprofi. Wenn du diese Mentalität hast, kannst du alles schaffen."

Kurz darauf, im Juli, gewann Jakobsen bei der Tour de Wallonie wieder eine Etappe - wieder im Massensprint. Auf Videos sieht man, wie er fast mit dem Zweitplatzierten zusammenrasselt.

Die Mentalität ist das eine, in den hektischen Massensprints des Pelotons kommt es auf mehr an als das: Die schiere Kraft für das gewaltige Tempo etwa, das die Anfahrer anschlagen und bei dem sich selbst Topsprinter fragen, wie sie das im Finale noch überbieten sollen. Oder die tausend kleinen Entscheidungen auf den letzten Kilometern: An welches Hinterrad hefte ich mich? Im Kreisverkehr links oder rechts herum? Kurz bremsen, um das Sturzrisiko zu dämmen, im Zweifel aber schon alle Siegchancen vergeuden? Nun denn: Wenn man Jakobsen richtig versteht, war es auch die Nahtoderfahrung, die ihn in jenes Gewerbe zurückführte, das ihn fast das Leben kostete.

"So unglücklich das alles war, es hat mich als Person verändert", sagte er nach seinem ersten Sieg bei der Vuelta: "Ich liebe es, Rennen zu fahren, vor allem für dieses Team." Deceuninck-Quick-Step, sein Arbeitgeber, ist bekannt dafür, dass sich die Fahrer für den anderen aufopfern, weil jeder irgendwann seine Chance auf den Sieg erhält. Der Unfall habe sie noch enger zusammengebracht, sagte Jakobsen. Und letztlich sei es halt so: "Der Schmerz auf den letzten 500 Metern eines Sprints ist nichts im Vergleich zu dem, was ich auf der Intensivstation oder im Operationssaal erfahren habe."

Vuelta a Espana - 16. Etappe

Mit Schrammen im Gesicht: Fabio Jakobsen ist bis heute gezeichnet von seinem Unfall.

(Foto: Lalo R. Villar/dpa)

Sollte Jakobsen die letzten drei schweren Bergetappen bei dieser Vuelta überstehen, könnte er sogar das Trikot des Punktbesten erstehen. Die kommenden Jahre dürften auch unterhaltsam werden, bei Quick-Step und überhaupt: Der Ire Sam Bennett kehrt zwar von der belgischen Equipe zum deutschen Team Bora-Hansgrohe zurück, Mark Cavendish wird aber wohl bleiben, jener Altmeister, der bei der Tour de France zuletzt vier Etappen im Sprint gewann. "Fabio", sagte Anfahrer Sénéchal zuletzt, "ist vielleicht der Schnellste von uns allen im Team"; er meinte: noch schneller als Cavendish und Bennett, zwei der weltbesten Sprinter der vergangenen Monate und Jahre.

"Der Unfall wird für immer ein Teil meines Lebens sein", sagte Jakobsen zuletzt, "aber ich kann ihn nun hinter mir lassen und wieder um Siege fahren. Das ist das Einzige, das ich im Radsport kann: Massensprints gewinnen."

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