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Ewald Lienen bei St. Pauli:St. Pauli verwandelt sich unter Lienen

Beim FC St. Pauli dagegen haben Verantwortliche und Mannschaft sich in dieser Saison offenbar auf ein gemeinsames Ziel eingeschworen. Als Lienen kam, war Pauli Tabellen-18., er bewahrte die Hamburger vor dem Abstieg und hat als Ligazweiter derzeit beste Aussichten. Pauli-Präsident Oke Göttlich hat denn auch Lienen bei der Mitgliederversammlung am Wochenende einen verbalen Lorbeerkranz geflochten. Diesmal, formulierte Göttlich launig, habe man zur Weihnachtszeit nicht vor, den Trainer zu entlassen. Es gibt auch wenig Grund dafür, die gerade erst begonnene Ära Lienen zu beenden.

Aus der schlechtesten Abwehr der Liga hat er schon in der vergangenen Rückrunde die beste gemacht: Bislang nur elf Gegentore in 14 Spielen sprechen für sich. Lienen hat mit den Pauli-Profis einen Konterfußball erarbeitet, der schwer auszurechnen ist. Und er hat im Sommer das Team verkleinert und einen Mannschaftsgeist entstehen lassen, der im Kampf um die oberen Plätze entscheidend sein könnte.

Lienen bleibt Realist

Als ein Boulevard-Journalist nach dem 4:0 im jüngsten Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf von einem "Quantensprung" fabulierte, zog Lienen ihn damit immer wieder spaßig auf und verwies den Quantensprung dorthin, wo er herkommt: in die Physik. Der sportliche Sprung des FC St. Pauli, der sogar in der ersten Liga enden könnte, ist für Lienen natürlich noch kein Thema. Denn der Fußball-Romantiker ist auch ein Fußball-Realist, der weiß, wie schnell es mit einer erfolgreichen Mannschaft wieder abwärts gehen kann, wenn sie im Überschwang der Gefühle ihre Ordnung vergisst.

Nicht von ungefähr hat er sich den Spitznamen "Zettel-Ewald" erworben, weil er während der Spiele seine wesentlichen Beobachtungen auf Zetteln zu notieren pflegt. Seinen Trainerkollegen Benno Möhlmann, auf den Lienen am Samstag trifft, brachte dies zur Einsicht, dass die Veranstaltung von Geheimtrainings an der Grünwalder Straße in dieser Woche ausnahmsweise sinnlos sei. "Der Ewald weiß eh' schon alles", sagte Möhlmann. Er sprach dies im Scherz. Aber möglicherweise hatte er Recht.

Neulich wurde Lienen auf eine These des argentinischen Weltmeistertrainers Luis Cesar Menotti angesprochen, für den Fußball eine "Mischung aus Ordnung und Abenteuer" ist. Das hat Lienen gut gefallen. Er übersetzte es auf seinen Fußball: Speziell bei Ballbesitz des Gegners "kommen wir ohne Ordnung nicht klar", sagte er. Aber man dürfe "nicht generell ins Schematische abgleiten", sondern müsse "über die Ordnung hinaus Raum für Gestaltungskraft und Individualismus schaffen". Beim TSV 1860 München wissen sie zumindest, dass es noch viel Raum jenseits der Ordnung gibt.

© SZ vom 21.11.2015/tbr

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