Die knapp 130 Kilometer lange Strecke zwischen Landshut und Bad Tölz kennt Axel Kammerer mittlerweile fast auswendig, da der Bad Tölzer Mitte Februar den Posten des Sportlichen Leiters des EV Landshut übernommen hat. So intensiv wie in den vergangenen Tagen war das Hin und Her für den 57-Jährigen aber noch nicht. Das liegt daran, dass er nun in doppelter Funktion unterwegs ist: als Sportlicher Leiter - und als Interimstrainer des niederbayerischen DEL2-Klubs.
Die Landshuter hatten sich am vergangenen Freitag von ihrem Cheftrainer Leif Carlsson getrennt. Sein letztes Spiel als EVL-Trainer hatte der Schwede gewonnen, 2:1 nach Verlängerung gegen die Tölzer Löwen. Dass die Luft für Carlsson schon vor dem Derby dünn war, wurde dadurch deutlich, dass Kammerer gegen seinen Heimatklub bereits neben ihm an der Bande stand. "Zur Unterstützung", wie der Klub es formulierte. Fünf Tage später war die Unterstützung der Klubverantwortlichen für den Schweden verflogen. "Weil wir dadurch, dass wir im Sommer mehr investiert haben, höhere Erwartungen haben", erklärte Kammerer.
Nur drei Siege nach 60 Minuten waren für das Potential des neuen Kaders zu wenig
Denen wurde die Landshuter Mannschaft in den ersten zwölf Saisonspielen nicht gerecht. Nur drei Siege nach 60 Minuten sind für das Potential des Kaders deutlich zu wenig - darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass die EVL-Saison mit neun Auswärtsspielen am Stück begann, da die renovierte heimische Arena erst Ende Oktober bezugsfertig war. Platz elf ist und bleibt enttäuschend. Deshalb steht nun Kammerer hinter der Bande, was durchaus kurios ist, denn er ersetzt übergangsweise jenen Mann, der ihn im Januar 2020 als Landshuter Cheftrainer abgelöst hatte.
Der EVL-Kader wurde zu Saisonbeginn hoch gelobt - Franz-David Fritzmeier, Manager der favorisierten Löwen Frankfurt, verwies stellvertretend für zahlreiche DEL2-Verantwortliche darauf, dass sich die Landshuter "enorm verstärkt" hätten. Auch die EVL-Spieler hatten dieses Gefühl. Der erfahrene Thomas Holzmann, einer von 16 neuen Spielern, sagte vor dem Saisonstart, "wir wissen natürlich, dass wir sehr viel Potential in der Mannschaft haben". Für die Konkurrenz zählten die Niederbayern vor allem aufgrund ihrer funkelnden Offensive zu den Mitkonkurrenten um den Titel. Doch die Offensive strahlte bisher nur selten: Andreé Hult und Sahir Gill, zwei der klangvollsten Sommerverpflichtungen, die reichlich Erfahrung vorweisen können, haben erst vier- beziehungsweise dreimal getroffen; der letztjährige DEL2-Topscorer Marco Pfleger, der ebenfalls neu im EVL-Trikot ist, hat in zwölf Spielen fünf Treffer erzielt. Alles ausbaufähig.
Der Interimstrainer Kammerer soll nun das Potential der Spieler herauskitzeln, die der Sportliche Leiter Kammerer verpflichtet hat
Nach Carlssons Entlassung sind auch die Spieler gefragt. "Natürlich ist die Mannschaft in der Pflicht, ganz klar", betonte Kammerer. Geschäftsführer Ralf Hantschke unterstrich, man habe "ganz bewusst einen Impuls in Richtung der Mannschaft setzen" wollen. Der Interimstrainer Kammerer soll nun das Potential der Spieler herauskitzeln, welche der Sportliche Leiter Kammerer zum Großteil verpflichtet hat.
Kammerer hat mehrere Gründe ausgemacht, die zur Entlassung Carlssons geführt haben. Die fehlende Konstanz im Spiel, die Chancenverwertung und "irgendwo auch unser Defensivdenken", sagte er. Probleme also an beiden Enden des Eises. Wie lange der Trainer Kammerer versuchen wird, diese zu beheben, ist noch offen. Der 57-Jährige möchte einen Schnellschuss bei der Trainerwahl vermeiden, er sagt, "wir haben nicht die totalste Eile". Er befinde sich noch in einer "Sondierungsphase". Ideal wäre ein Trainer mit DEL2-Erfahrung, verriet Kammerer, Ausschlusskriterium sei das aber nicht. Auch wenn Kammerer den im Landshuter Umfeld zu vernehmenden Vorwurf, Carlsson sei teilweise zu weich mit seinen Spielern umgegangen, nicht bestätigen will ("Das kann ich nicht beantworten, da war ich oft auch zu weit weg"), schimmert durch, welche Art von Trainer nun kommen könnte. Der neue Mann solle einer mit "klarer Linie und klarer Ansprache" sein, der den Spielern Selbstvertrauen gebe, erklärte Kammerer.
Sein Fokus liegt erst einmal - wie oft in solchen Fällen - darauf, das Spiel einfach zu halten und die defensive Verantwortung in den Mittelpunkt zu stellen. "Im Tennis würde man sagen, wir machen zu viele unforced errors", sagte er, sprich unerzwungene Fehler. "Offensiv haben wir sehr viel Talent, aber wir müssen jetzt schauen, dass der Grundstock, die Abwehr, intakt ist." Die Basisarbeiten können im heimischen Ambiente vorgenommen werden. Angefangen mit dem Heimspiel am Dienstag (19.30 Uhr) gegen die Dresdner Eislöwen tritt der EVL bis Anfang Dezember siebenmal in Folge zuhause an. Kammerer ist von der Mannschaft "ganz überzeugt", für ihn ist es nur "eine Frage der Zeit, bis sie in die Spur kommt". Sein Gefühl im Training ist gut - die Antwort können aber erst die Spiele geben.
