European League of Football:Auf der Suche nach der Goldader

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European League of Football: Verstärkung für die Hamburg Sea Devils: Kasim Edebali, hier noch im Trikot der Saint Orleans Saints Pelicans.

Verstärkung für die Hamburg Sea Devils: Kasim Edebali, hier noch im Trikot der Saint Orleans Saints Pelicans.

(Foto: Erik S. Lesser/dpa)

American Football etabliert sich allmählich in Europa. Deren Top-Liga startet nun mit einem erweiterten Feld, klangvollen Namen und ambitionierten Vermarktungsplänen.

Von Christoph Leischwitz, München

Kann schon sein, dass er da auf eine Art Goldader gestoßen ist, sagt Zeljko Karajica. American Football passe einfach sehr gut in die heutige Zeit: extreme Athletik und Entertainment, eine Kombination, die man prima über die sozialen Medien bespielen kann. "Es hat aber schon zehn Jahre gedauert, diese Goldader freizulegen", gibt der 51-jährige Geschäftsführer der European League of Football (ELF) zu bedenken. Er selbst war es nämlich, der seinerzeit einen TV-Sender überzeugte, diese US-Profiliga NFL regelmäßig zu übertragen. Goldschürfen kann schon langwierig sein.

Die Anfrage steigt - Mitte Mai lag die Zahl der Ticketbestellungen bei 650000

Die NFL darf sich in Deutschland gut vermarktet fühlen von Karajica und dem ELF-Commissioner Patrick Esume. Die steigende Begeisterung ist messbar. Am 13. November wird die NFL ihr erstes Ligaspiel in Deutschland austragen. Der erfolgreichste Spieler überhaupt, Tom Brady, trifft dann in der Münchner Arena mit den Tampa Bay Buccaneers auf die Seattle Seahawks. Mitte Mai lag die Zahl der Ticket-Anfragen bei 650 000. Und: Football ist laut einer Messung der Arbeitsgemeinschaft Videoforschung nach Fußball schon die zweitbeliebteste TV-Sportart im Land.

Die ELF soll nun das footballfreie Sommerloch füllen. Noch ist sie freilich ein vergleichsweise kleiner und junger Ableger. Am Samstag beginnt mit der Partie der Cologne Centurions gegen die Istanbul Rams (17 Uhr) die zweite Saison, 2000 Zuschauer werden erwartet. Den Meister spielen jetzt zwölf statt acht Teams aus. Neu dazu gekommen sind neben den Rams zwei österreichische Mannschaften. "Wir haben mehr Teams, mehr Spiele und dadurch einen noch stärkeren Wettbewerb", sagt Esume, 48, der nun eine Doppelrolle als TV-Experte und Vermarkter einnimmt, sich dabei aber nicht verstellen muss: "Allen, die den Football lieben, kann ich versprechen: Das wird so richtig knusprig." Esume ist sozusagen der Quarterback jener Kommentatoren-Mannschaft bei ProSiebenSat1, die mit ihrem Gespür für gutes, die vielen Spielpausen füllendes Storytelling über Teams wie einzelne Spieler eine familiäre, zugleich aber große und werberelevante Community zusammengeschweißt hat.

Einige der ELF-Protagonisten sind der Community schon bekannt, denn Football-Karrieren sind keine Einbahnstraßen mehr. Jakob Johnson, der gerade von den New England Patriots zu den Las Vegas Raiders wechselte, wurde nun Anteilseigner der Stuttgart Surge. Dasselbe gilt für Ex-Indianapolis-Profi Björn Werner bei Berlin Thunder; der ehemalige NFL-Profi Kasim Edebali steht für die Hamburg Sea Devils auf dem Feld. Allesamt lokale Helden, die damit jeweils ihre Heimatstadt repräsentieren. Eine kleine Vermarktungs-Goldader könnte auch Jim Tomsula beim neuen Team der Düsseldorf Rhein Fire sein: Der 54-Jährige war schon mal Chefcoach der San Francisco 49ers (die bekanntlich nach einem Goldrausch benannt sind). Das bedeutet viel Strahlkraft, wenngleich Tomsula nicht gerade erfolgreich war.

Auch das wird eingeführt: ein technisch aufwändiger Videobeweis

Schöne Geschichten benötigen schöne Bilder, und so arbeiten die Verantwortlichen im zweiten Jahr verstärkt daran, die Liga, in der die meisten Akteure noch Minijobber sind, weiter dem großen Vorbild anzugleichen. So wird jetzt der technisch aufwändige Videobeweis eingeführt, alle Teams haben sich wegen der Live-Übertragungen an exakte Einlaufzeiten zu halten. "Es ist einfach alles professioneller als in der nationalen Liga", sagt Kölns Trainer Frank Roser, der auch schon an US-Colleges arbeitete. Die Zeit sei reif, europäischen Football größer zu denken. Womöglich hat der nationale Verband diese Entwicklung lange verschlafen. Jetzt haben die einen die Spieler, die anderen mehr Geld, Reibereien waren programmiert. Frank Roser etwa musste wegen seines Jobs bei den Centurions seinen Co-Trainer-Job bei der Nationalmannschaft aufgeben. Die größten Probleme liegen in Städten, die gleichzeitig ein Bundesliga- und ein ELF-Team stellen, dort wird nicht selten um die raren Trainingsplätze gestritten, wobei klassische e.V.-Teams meist den Vorzug bekommen gegenüber privaten Franchises. So sind der Professionalisierung Grenzen gesetzt.

Umso wichtiger, dass die ELF schnell expandiert. Das Fernziel ist eine Liga mit 24 Teams. "Wir haben mit jedem Land, das ein Team stellt, einen TV-Vertrag abgeschlossen", sagt Karajica stolz - das macht schon einmal fünf Länder. Dazu kommt die Kooperation mit einem chinesischen Streamingdienst, auf den hunderte Millionen Menschen zurückgreifen.

Auch in den USA wird zugesehen. Es geht in der ELF zunehmend darum, die besten Europäer für die NFL zu promoten, was auch schon gelang. Dies ist ein anderer Ansatz, als ihn die NFL Europe von 1991 bis 2007 verfolgte. Damals trafen zwar auch schon die Frankfurt Galaxy auf Rhein Fire, so wie am kommenden Sonntag wieder. Heute bestehen die Teams aber vor allem aus besagten lokalen Helden. Somit handelt es sich um ein viel europäischeres amerikanisches Footballspiel.

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