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European Championships:Wettbewerbe der kurzen Wege

50 Jahre nach den Olympischen Spielen findet in München wieder ein Multisportereignis statt: Die Stadt setzt sich gegen elf Konkurrenten durch.

Von Ralf Tögel und Sebastian Winter

Heide Rosendahl BR Deutschland; Heide1972

1972 sprang Heide Rosendahl bei den Olympischen Spielen zu Gold in München. 2022 wird der Olympiapark zum Herz der European Championships.

(Foto: imago/Horstmüller)

Uli Hoeneß kritisiert immer wieder gern, dass sich die bayerische Landeshauptstadt allzu gerne hinter seinem FC Bayern verstecke. Von wegen Sportstadt München, merkt er dann mit spitzer Zunge an, was bliebe denn an Spitzensport von internationalem Gewicht, wenn man seine Fußballer - und seit geraumer Zeit auch die Basketballer - ausklammern würde? Städte wie Berlin oder Hamburg, so setzte der scheidende FCB-Patron gerne die Pointe, seien München nicht zuletzt wegen vieler Großveranstaltungen enteilt.

So ganz falsch lag er da nicht, denn allzu oft erinnerten die Verantwortlichen in der Kommune daran, dass sie den städtischen Auftrag vor allem in der Unterstützung des Breitensports sähen. Die Zukunft nun vermittelt ein anderes Bild. Vom kommenden Jahr an reihen sich Wettbewerbe von großem internationalen Interesse aneinander - und nur einmal steht der FC Bayern im Mittelpunkt, oder vielmehr seine Arena. Dann nämlich, wenn München im Frühsommer 2022 das Finale der Fußball-Champions-League austragen wird. Ein paar Monate später gastiert ein internationales Sportereignis mit einem weitaus größerem Umfang in München: die European Championships. Die Wettkämpfe der Multi-Europameisterschaften sind zwischen dem 11. und 21. August geplant, in diesem Zeitraum ermitteln Golfer, Leichtathleten, Radfahrer, Ruderer, Turner und Triathleten ihre neuen Europameister. Möglicherweise kommt noch eine siebte Sportart hinzu. Als aussichtsreichste Kandidaten gelten dem Vernehmen nach Kanu und Beachvolleyball, auch Tischtennis hat offenbar Chancen. Die Schwimmer, die bei der Premiere der European Championships 2018 in Glasgow und Berlin noch dabei waren, werden in München nicht starten, sind aber weiterhin im Rennen; Rom gilt demnach als mögliche Ausrichterstadt.

München gibt in den nächsten Jahren sehr viel Geld aus, um den Ruf als Sportstadt aufzupolieren

Dass München exakt 50 Jahre nach den Olympischen Sommerspielen wieder ein großes Sportereignis mit mehr als 4000 Athleten und 150 Medaillenentscheidungen ausrichtet, ist natürlich kein Zufall. Der Olympiapark wird erneut der Kernort der Wettkämpfe sein, nur die Ruderer (zur Olympia-Regattastrecke in Oberschleißheim) und die Golfer müssen an den Stadtrand ausweichen. Neue teure Hallen und Anlagen braucht es nicht, auch keine monströsen Athletendörfer, es sind außerdem Wettbewerbe der kurzen Wege. Dieses nachhaltige Konzept in Verbindung mit dem Jubiläumsjahr der Spiele hat auch die Dachorganisation European Championship Management Sàrl überzeugt, die Wettbewerbe nach München zu vergeben - und nicht an eine der elf anderen Städte, die ebenfalls Interesse hatten.

Das kleine Unternehmen mit nur einer Handvoll Mitarbeitern residiert in 8 Chemin de Chantegrive, Nyon, Schweiz. Dort, nicht einmal einen Kilometer vom Genfer See entfernt, halten die Geschäftsführer Marc Jörg und Paul Bristow die Rechte am Format der European Championships. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, den olympischen Sport zu bündeln und entsprechend fernsehtauglich zu vermarkten. Damit Disziplinen, die übers Jahr hinweg gesehen nicht sehr im Fokus stehen, mehr Aufmerksamkeit auch abseits von Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften finden. Mit der Europäischen Rundfunkunion, deren Sportchef der Schweizer Jörg früher war, haben sie einen mächtigen Medienrechtepartner an ihrer Seite. Die Austragungs-, Medien- und Sponsoringrechte bleiben bei den Sportverbänden.

130 Millionen Euro kostet alleine die EM

Schon die Erstauflage der Multi-EM vor rund 15 Monaten in Berlin und Glasgow hatte die Erwartungen der Sportler, Fans und auch der Fernsehsender übertroffen. Fast eine Milliarde Zuschauer hatten die European Championships weltweit an die Fernsehgeräte gelockt, dazu kamen Zigtausende in die Arenen. "Wenn man mit isolierten Ruder-Finals an einem Sonntagvormittag Fernsehzuschauer anlocken will, hat man einen schweren Stand. Wenn aber Sportarten parallel laufen, wird das Angebot interessant. Wir wollen den EM-Titel aufwerten", hatte Jörg damals der Neuen Zürcher Zeitung gesagt.

Nun also München. Die Stadt gibt in den nächsten Jahren sehr viel Geld dafür aus, die These von Uli Hoeneß zu widerlegen. 2020 finden in der Fußball Arena München, wie das Stadion des FC Bayern dann vorübergehend heißt, vier Spiele der Fußball-EM statt, und nach dem Champions-League-Finale und den European Championships 2022 folgt 2024 die nächste Fußball-EM hierzulande - München ist wieder als Austragungsort gesetzt. 130 Millionen Euro kostet alleine die EM in den sechs olympischen Sportarten; für 100 Millionen kommen Stadt, Land und Bund zu je einem Drittel auf, die restlichen 30 Millionen schießt die Olympiapark GmbH vor, ein Tochterunternehmen der Stadt. Viel Geld, das Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter hervorragend investiert sieht. Er spricht schon von "einer mitreißenden Atmosphäre" bei den Wettkämpfen, und sagt: "München ist eine Sportstadt." Na also.

© SZ vom 13.11.2019

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