BMX bei den European Championships:Zu groß für die Nische

Lesezeit: 4 min

BMX bei den European Championships: Im Finale geht Lara Lessman volles Risiko, entgegen ihrer sonstigen Strategie gleich im ersten der beiden Läufe.

Im Finale geht Lara Lessman volles Risiko, entgegen ihrer sonstigen Strategie gleich im ersten der beiden Läufe.

(Foto: Michaela Rehle/Reuters)

Professionelle Arbeitsbedingungen, gleiche Bezahlung von Männern und Frauen: Alles längst erfüllt. Die deutsche Gold-Kandidatin Lara Lessmann ärgert sich, dass ihr Sport trotzdem noch immer unterschätzt wird. In München will sie zeigen, wie falsch das ist.

Von Ralf Tögel

Lara Lessmann ist genervt. Der Wind. Über ihrem Kopf flattert die Sonnenschutzplane auf der Empore des BMX-Parks dermaßen, dass einen die Sorge überkommen könnte, sie würde sich gleich in Richtung See verabschieden. "Das ist für uns eine Katastrophe", sagt die beste deutsche BMX-Fahrerin. Windböen können die Athletinnen und Athleten auf ihren handgefertigten Spezialrädern aus Titan und Carbon so gar nicht gebrauchen. Wenn die Freestyler in ein paar Metern Höhe schwierigste Tricks und Backflips (was früher Salto hieß) ausführen, entscheiden Millimeter darüber, ob sie das Pedal richtig treffen und perfekt auf dem Parcours landen - oder eben nicht. Die Qualifikation für das Finale am Freitag (15.30 Uhr) hat Lessmann dennoch locker als Dritte erreicht. "Ich hatte ein bisschen zu kämpfen, aber der erste Druck ist weg, die ersten Eindrücke sind da, morgen gehe ich all in."

Normalerweise fährt und fliegt die 22-Jährige zuerst einen Sicherheitslauf. Bei dieser BMX-Europameisterschaft, die im Rahmen der Multi-EM European Championships stattfindet, will sie nach zwei zweiten EM-Plätzen aber gleich im ersten Finallauf den großen Wurf landen. Zumal sie als Medaillenanwärterin gehandelt wird, was auch ihrem eigenen Anspruch in diesem BMX-Park mit den riesigen Rampen und Kickern auf dem Olympiaberg entspricht. Und dieses Mal herrscht Chancengleichheit.

BMX bei den European Championships: In Tokio wurde sie Sechste - da war Lara Lessmann aber noch angeschlagen.

In Tokio wurde sie Sechste - da war Lara Lessmann aber noch angeschlagen.

(Foto: Naoki Morita /Aflosport/Imago)

Bei den Olympischen Spielen in Tokio, wo Lessmann Sechste wurde, war das nicht ganz der Fall. Zum einen war sie von einem Schlüsselbeinbruch gehandicapt, den sie sich bei der WM in Montpellier in Frankreich sechs Wochen vor den Spielen zugezogen hatte: "Ich war einfach noch nicht fit, das hat mich schon behindert." Zum anderen hatten sich die Wettbewerber aus England und Australien einen Vorteil verschafft, indem sie den Parcours von Tokio in ihren heimischen Trainingshallen identisch nachgebaut hatten. Wenig verwunderlich ging Gold bei den Frauen an die Britin Charlotte Worthington und bei den Männern an den Australier Logan Martin. Neben Lessman zählt Worthington auch auf dem Münchner Olympiaberg wieder zu den Favoritinnen, sie gewann bereits die Qualifikation. Dann gibt es noch die Olympiadritte und EM-Titelverteidigerin Nikita Ducarroz aus der Schweiz, die Zweite der Qualifikation - eine der drei Athletinnen wird sich den Titel nach Lage der Dinge schnappen. Verlässliche Prognosen allerdings wie in anderen Sportarten seien nicht möglich, erklärt Lessmann: "Das macht BMX Freestyle ja so interessant". Jede Athletin habe die Möglichkeit, den Parcours nach ihren Vorstellungen zu befahren und "kreativ zu sein, gute Tricks zu zeigen, es geht hier nicht um die Zeit oder irgendwelche Vorgaben".

Der große Bruder von Lara Lessmann war ebenfalls BMX-Profi, da war ihr Weg praktisch vorgezeichnet

Dabei wird nicht nur das Spektakel bewertet, es geht auch um Technik und Ausführung, um die Jury zu überzeugen. Zu Lessmanns Stärken zählt, dass sie mit Druck gut umzugehen weiß: "Ich kann eigentlich schon liefern, wenn es drauf ankommt". Das ist der rote Faden in ihrer bisherigen Karriere, in der es trotz ihres noch jungen Alters von 22 Jahren schon große Erfolge vorzuweisen gibt.

Im Alter von neun Jahren begann sie mit dem BMX-Fahren, ihre beiden älteren Brüder waren schon vor ihr begeistert dabei, einer sogar als Profi, soweit man zu dieser Zeit von professionellen Strukturen sprechen konnte. Die kleine Schwester zeigte ein so großes Talent, dass sie sich bald entscheiden musste, ob sie den Weg des großen Bruders einschlagen wollte. Sie wollte, und zeigte dabei eine beeindruckende Zielstrebigkeit.

Mit 17 zog sie wegen der besseren Trainingsmöglichkeiten alleine nach Berlin in ein Sportinternat, wo sie ihr Abitur machte. Kein leichter Entschluss, wie sie erzählt: "Meine Mutter hat das immer unterstützt und gesagt, ich soll es probieren, und wenn das Heimweh zu groß wird, einfach anrufen, dann holt sie mich ab."

Die Frage, ob BMX eine Randsportart sei, nervt die 22-jährige Wahl-Berlinerin gewaltig

Der Anruf blieb aus, auch weil sich bald große Erfolge einstellten. Zu Beginn ihrer Karriere hatte sie sich noch mit männlichen Kollegen messen müssen, weil es schlichtweg so gut wie keine Wettbewerbe für Frauen und Mädchen gab - das hat sich mittlerweile grundlegend geändert. 2018 gewann Lessmann die Goldmedaille bei den Olympischen Jugend-Spielen, im Folgejahr stand sie in jedem Weltcup auf dem Podium. Dann kam Corona, was ihren Weg nach ganz oben zunächst bremste. "In Deutschland wurde alles dicht gemacht", erzählt sie, auch die Olympiastützpunkte, erst fehlte das Training überhaupt, dann das in der Gruppe: "BMX Freestyle lebt aber von der Gemeinschaft", sagt sie. Viele Nationen hätten diese bleierne Zeit genutzt um aufzuholen, findet Lessmann, in einem Sport, der spätestens mit der Aufnahme ins olympische Programm einen entscheidenden Schub bekommen habe. Ob BMX wohl irgendwann die Nische der Randsportarten verlassen könne?

Eine Frage, die Lara Lessmann mindestens so nervt wie der Wind: "Das ist bereits geschehen", sagt sie, "Sportarten wie Klettern, Beachvolleyball, Breakdance, Surfen oder BMX werden immer interessanter, das kann man doch nicht übersehen." Und: "Equal Payment gibt es bei uns längst, Männer und Frauen haben schon lange die gleichen Preisgelder." BMX sei ein Hochleistungssport, argumentiert sie, die Athleten zudem Profis - und dementsprechend groß sei ihr Aufwand. Im BMX gebe es wie in vielen jungen Sportarten zudem weniger Regeln, die Kreativität spiele dagegen eine tragende Rolle. Ihre These, BMX sei eine noch immer unterschätzte Sportart, untermauert Lara Lessmann mit einer schlüssigen Frage: "Wie viele Sportarten haben denn ein Problem, Nachwuchs zu finden? BMX sicher nicht!"

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