Fußball-EM:England verzichtet auf die Hotelbar

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Harry Kane. (Foto: Owen Humphreys/dpa)

Der Mitfavorit baut stattdessen einen Massagebereich auf, die Türkei beklagt den Ausfall eines wichtigen Innenverteidigers und Österreich trotzt den vielen Verletzungen. Geschichten aus der EM-Vorbereitung.

Von Felix Haselsteiner, Thomas Hürner, Ulrich Hartmann

Etwas mehr als eine Woche vor dem Auftaktspiel der EM reisen zahlreiche Nationen in ganz Europa noch zwischen Testspielen und Vorbereitungscamps herum. Manchen schwinden dabei schon die Kräfte, andere üben ihre Überfalltaktiken – und die Engländer verzichten in Thüringen auf ein kulturelles Stereotyp. Ein kleiner Rundgang durch das Teilnehmerfeld der Europameisterschaft.

Italiener in Sorge

Italiens Trainer Luciano Spalletti. (Foto: Antonio Calanni/dpa)

Ein Schock dürfte italienischen Fans durch die Glieder gefahren sein, als sie die Aufstellung für das Testspiel gegen die Türkei sahen. Nun auch noch Nicolò Barella, der grazile Mittelfeldmann von Meister Inter Mailand, auf den so vieles ankommen wird bei der EM? Die Absenzenliste ist ja auch so schon gewaltig bei der Squadra Azzurra: Francesco Acerbi und Giorgio Scalvini haben sich jüngst verletzt; sie wären Option A und Option B für die Innenverteidiger-Position neben Alessandro Bastoni gewesen. Im Mittelfeld fehlt der hoch veranlagte Sandro Tonali wegen eines Wettskandals, fast 70 Millionen Euro teuer war er vor einem Jahr noch gewesen. Und im Angriff sind Nicolò Zaniolo und Domenico Berardi lädiert, Letzterer war eine Säule beim italienischen EM-Triumph 2021.

Ein Ausfall Barellas wäre somit fatal gewesen, doch Coach Luciano Spalletti konnte Entwarnung geben: Ein wenig müde sei der 27-Jährige, mehr nicht, die Intensität im Training sei hoch gewesen die vergangenen Tage. Und auch seine Kollegen konnten beim Testkick gegen die Türken Ermüdungserscheinungen nicht kaschieren. 0:0 endete die Partie am Dienstag: „Wir waren nicht gerade brillant“, gestand Spalletti, während die Gazzetta dello Sport „wenige Geistesblitze und viel Langeweile“ identifizierte. Immerhin: Mittelfeldmann Nicolò Fagioli, der wie Tonali bei der italienischen Wettaffäre aufflog, hat seine Sperre hinter sich gebracht und war bei seiner Rückkehr einer der wenigen Lichtblicke.

Türken in Trauer

Ozan Kabak wird vom Platz getragen. (Foto: Alberto Pizzoli/AFP)

Vincenzo Montella, der italienische Nationaltrainer der Türkei, hatte geahnt, dass die Sache nicht gut ausgehen würde. Eine „traurige Geschichte“ bahne sich da an, hatte Montella nach der Partie gegen Italien prophezeit – und er sollte Recht behalten: Bei Verteidiger Ozan Kabak wurde am Mittwoch ein Kreuzbandriss im rechten Knie diagnostiziert; zugezogen hat sich der 24-Jährige die Verletzung in einem eher belanglosen Zweikampf an der Seitenlinie.

Kabak war im Duell mit Italiens Stürmer Mateo Retegui im Rasen hängen geblieben, bei seinem Abtransport auf einer Trage hielt er sich vor Schmerzen die Hände im Gesicht. Für die Türken ist das sportlich ein schwerer Schlag, denn Kabak hat sich unter Trainer Montella als Abwehrchef etabliert. Alexander Rosen, der Sportvorstand von Kabaks Klub TSG 1899 Hoffenheim, sprach von einer „unglaublich bitteren Nachricht für Ozan“. Und er ergänzte: „Er hatte den großen Traum, mit seinem Heimatland eine EM in seiner Wahlheimat zu spielen.“

Österreicher im Überfallmodus

Christoph Baumgartner. (Foto: Elisabeth Mandl/Reuters)

In den 1980er-Jahren sang in Österreich einst die Erste Allgemeine Verunsicherung vom Ba-Ba-Banküberfall, was sich langsam auch als Austro-Sommer-Hymne im Jahr 2024 anbieten würde. Umgedichtet auf Tor-Tor-Torüberfall vielleicht, weil die Österreicher unter dem Teamchef und Nicht-Bayern-Trainer Ralf Rangnick eine überfallartige Taktik anwenden, um zu Torerfolgen zu kommen. Im März resultierte das im Rekordtreffer von Christoph Baumgartner nach 6,3 Sekunden, und am Dienstagabend kam ebenjener Baumgartner schon wieder nach handgestoppten 7,1 Sekunden im Strafraum des Gegners aus Serbien an den Ball. Ein klares Foul folgte, nur war offenbar auch das Schiedsrichtergespann noch nicht auf der Höhe des Geschehens, weshalb sich die Österreicher gedulden mussten.

Erst neun und 13 Minuten später kamen sie zu zwei Treffern gegen Serbien, die wiederum beide aus einer Balleroberung und einem schnellen Umschalten entstanden. Dreh- und Angelpunkt in der Offensive war – auch weil Champions-League-Finalist Marcel Sabitzer noch auf der Bank geschont wurde – der Leipziger Baumgartner, der das 2:0 erzielte und nachher trotz einer etwas schwächeren zweiten Halbzeit zufrieden die Bilanz vortrug, mit der die Österreicher bald in Richtung Deutschland reisen werden: Sechs Siege in Serie gab es zuletzt und dazu noch „viele Erkenntnisse“ für Teamchef Rangnick.

Eine lautet vor dem finalen Testspiel am kommenden Samstag gegen die Schweiz, dass auch ohne die zahlreichen Verletzten wie David Alaba (der nur als sogenannter „non-playing-captain“ zur EM mitreisen wird), Xaver Schlager und Sasa Kalajdzic eine sehr wettbewerbsfähige österreichische Mannschaft bereitsteht, um in Deutschland zu überraschen. Manchmal sogar innerhalb der ersten Spielsekunden.

Engländer ohne Bar

Wieder dabei: Harry Kane verpasste die letzten Saisonspiele beim FC Bayern mit einer Rückenverletzung. (Foto: Owen Humphreys/dpa)

Ein paar Tage nur blieben den Blankenhainern, um sich neu aufzustellen für den Gästewechsel: In demselben Hotel, in dem bis vor Kurzem die deutsche Delegation ihre Vorbereitung startete, treffen seit Dienstag Betreuer und Staff aus England ein, allerdings ohne kulturelle Stereotype: „Der Bar-Bereich ist auf Wunsch der Engländer beispielsweise der Massage-Bereich“, sagte Resort-Direktor Daniel Stenzel vor Kurzem der Thüringer Allgemeinen.

Weniger an der Bar, dafür aber auf dem hauseigenen Golfplatz dürfte sich dann auch Harry Kane einfinden, der von seinen Rückenbeschwerden genesen ist, die ihm zum Saisonfinale beim FC Bayern noch zwei Spiele gekostet hatten. Im Testspiel gegen Bosnien-Herzegowina wurde Kane nach 62 Minuten eingewechselt, erzielte kurz vor Schluss das 3:0 und gab danach zu Protokoll, sich „wieder gut“ zu fühlen. Falls das in den kommenden Wochen mal nicht der Fall sein sollte, hilft bestimmt der Blankenhainer Massage-Tresen.

Niederländer ohne Dortmunder

Scheint viele gute Außenverteidiger zu haben: der niederländische Bondscoach Ronald Koeman. (Foto: Vincent Jannink/AFP)

Wie die Niederländer gerade drauf sind, wissen sie selbst nicht so genau. Ihr letztes Testspiel ist zehn Wochen her, und dass es eine 1:2-Niederlage gegen Deutschland in Frankfurt war, haben sie längst vergessen, pardon: ausgeblendet. Am Samstag haben sich die 26 Spieler zur EM-Vorbereitung im nationalen Fußballzentrum in Zeist um den Bondscoach Ronald Koeman versammelt. Nicht zu ihnen gehört überraschend in Ian Maatsen jener Dortmunder Linksverteidiger, der immerhin im Champions-League-Finale stand. Koeman favorisiert aber eine Dreierkette und darin links Nathan Aké von Manchester City sowie ganz links außen Daley Blind vom FC Girona.

Ob das eine gute Idee ist, testet Oranje in Rotterdam an diesem Donnerstag gegen Kanada und nächsten Montag gegen Island. Ihr erstes EM-Spiel bestreiten die Niederländer übernächsten Sonntag gegen Polen in Hamburg – in ausgerechnet jenem Stadion, in dem man bei der EM 1988 im Halbfinale Gastgeber Deutschland 2:1 besiegte und nach dem sich der Libero Koeman mit dem ertauschten Trikot von Olaf Thon andeutungsweise den Hintern abwischte. Vier Tage später wurden die Niederlande in München Europameister – bis heute ihr letzter Titel.

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