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Tottenham verliert in Antwerpen:Mourinho zerlegt sein Team

FC Antwerpen - Tottenham Hotspur

Bedient in Antwerpen: Tottenhams Coach José Mourinho.

(Foto: dpa)

Der Trainer der Tottenham Hotspur vergreift sich mit der Aufstellung und verliert beim kleinen belgischen Klub Antwerpen - sagt danach aber, er hätte gerne elf Spieler ausgewechselt.

Von Carsten Scheele

Der kurze Blick in die Pressekonferenz nach dem Spiel verriet schon, was dies für ein Abend für José Mourinho gewesen sein muss, ein schlechter nämlich, ein Abend, der dem Portugiesen die Fehlbarkeit seiner eigenen Mannschaft vor Augen geführt hat. Früher hatte der Trainer nach Niederlagen heftig um sich gekeilt, böse Mächte beschworen und sich wie ein Bodyguard vor seine Mannschaft gestellt. Diesmal nicht, denn als Mourinho gefragt wurde, warum er zur Halbzeit des Europa-League-Spiels beim belgischen Klub Royal Antwerpen nur vier und nicht fünf Spieler ausgewechselt hatte, gab der weitgereiste Trainer zurück: "Ich hätte gerne elf ausgewechselt."

Später in der Nacht postete Mourinho, 57, bei Instagram ein Foto, da saß er mit Maske im Mannschaftsbus von Tottenham Hotspur, die Hände gefaltet, den Blick starr nach vorne gerichtet. "Schlechte Leistungen verdienen schlechte Resultate", schrieb Mourinho: "Ich hoffe, jeder im Bus ist so verärgert wie ich. Morgen 11 Uhr Training." Immerhin hatte er nicht 7 Uhr geschrieben.

Mourinho kennt sich aus mit blamablen Niederlagen, mit Chelsea ist er im englischen Pokal einmal gegen den Drittligisten Bradford City ausgeschieden, die Pleite mit dem Champions-League-Finalisten von 2019 am Donnerstagabend in Antwerpen gehört in eine ähnliche Kategorie. 0:1 in der belgischen Hafen-und Grachtenstadt, bei einem der kleineren Klubs dieser Europa-League-Spielzeit, der sich erst spät überhaupt qualifiziert hatte, weil Antwerpen im August das wegen der Corona-Pandemie verlegte belgische Pokalfinale gegen Brügge gewinnen konnte. Die richtig großen Erfolge sind lange her, Antwerpen war zwar viermal belgischer Meister, zuletzt jedoch 1957. Im aktuellen Kader finden sich kaum bekannte Spieler, sie heißen Ritchie De Laet, Pieter Gerkens oder Martin Hongla.

"Ich lerne auch jeden Tag dazu", erklärte Mourinho

Dieser kleine Klub mit seinem wirklich nicht sehr großen Team hat also Mourinho bezwungen, durch einen krachenden Treffer von Lior Refaeov in der 29. Minute, verursacht durch einen schlimmen Fehler von Ben Davies. Mourinho hatte daran seinen Anteil, er hatte einige seiner besten Spieler auf der Bank gelassen, unter anderem auf Harry Kane und Heung-min Son verzichtet, im Glauben, dass es gegen Antwerpen schon reichen würde. Reichte es aber nicht. "Ich lerne auch jeden Tag dazu", erklärte Mourinho und gab zu, dass er sich mit seiner Startaufstellung verzockt hatte: "Es gibt nur einen Schuldigen. Ich bin der Boss, und es liegt in meiner Verantwortung, wer spielt."

Was zweifellos stimmte, Mourinho machte aber ebenso klar, wie enttäuscht er von einzelnen Angestellten war. Die Spieler, die reingekommen sind, konnten ihre Chance kaum nutzen, darunter auch Spurs-Rückkehrer Gareth Bale, der nach nicht einmal einer Stunde gegen Kane ausgetauscht wurde, das war dann die fünfte von fünf möglichen Auswechslungen. Das Spiel werde ihm in Zukunft helfen, sagte Mourinho, und schob, direkt an die Journalisten gewandt, hinterher: "Vor den Spielen fragt ihr immer, warum der nicht spielt oder jener Spieler nicht im Kader steht. Vielleicht werdet ihr das jetzt für ein paar Wochen nicht machen, weil ihr die Antwort bekommen habt."

"Meine zukünftigen Entscheidungen werden sehr einfach sein", sagte Mourinho zum Abschied. Die kommenden Tage in Tottenham dürften ungemütlich werden.

© SZ.de/tbr

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