Süddeutsche Zeitung

Schalke vor Aus in der Europa League:Rangnicks Blamage im Raúl-freien Raum

Der FC Schalke 04 zeigt eine kopf- und planlose Vorstellung in Helsinki und bangt nach dem 0:2 ums Weiterkommen in der Europa League. Für noch mehr Probleme könnte allerdings der Umgang mit Raúl sorgen.

Thomas Hummel

Franz Beckenbauer hat bekanntlich immer recht. Ein Beckenbauer-Zitat können die Archivare als immerwährende Wahrheit in Stein meißeln lassen. So bleibt der Uefa-Cup bis in alle Ewigkeit der "Cup der Verlierer", auch wenn ihn der Europäische Fußball-Verband in Europa League umbenannt hat. Und wer will schon Teil eines Verlierer-Cups sein?

Ob die deutschen Klubs in dieser Saison besonders an Beckenbauer denken? Nach den ersten Auftritten der Verlierer-Cup-Aspiranten ist jedenfalls auffällig, dass sie viel dafür tun, nicht dabei sein zu müssen. Es könnte der Bundesliga zum ersten Mal passieren, dass sie überhaupt nicht an der Europa League teilnimmt.

Der FSV Mainz 05 hat sich bereits in der Qualifikation als erster deutscher Klub verabschiedet. Gegen einen Klub namens Gaz Metan Media aus Rumänien, der in dieser Woche in den so genannten Play-offs gegen den Fußballriesen Austria Wien 1:3 verlor.

Hannover 96 ist Opfer des schwersten Loses geworden, lieferte gegen den FC Sevilla zwar ein begeisterndes Hinspiel und gewann 2:1. Der Einzug in die Gruppenphase ist den Niedersachsen zweifellos zuzutrauen, angesichts internationaler Unerfahrenheit aber unsicher. Bleibt noch der FC Schalke 04.

Angesichts der Teilnahme am Champions-League-Halbfinale im April kann hier von internationaler Unerfahrenheit niemand sprechen, der Kader beinhaltet sogar den Rekordspieler und Rekord-Torschützen der Champions-League-Geschichte. Doch weder das eine noch das andere nutzte am Donnerstagabend. Die Schalker Mannschaft kickte beim 0:2 in Helsinki, als würde sie nicht nur das erste Mal im Europapokal, sondern das erste Mal überhaupt zusammen auf dem Platz stehen. Und Rekordspieler Raúl war nicht einmal mitgefahren in den Norden, was in Gelsenkirchen nun für erheblichen Ärger sorgen wird.

Raúl ist durch seine Leistungen, vor allem aber durch seinen integeren, freundlichen und professionellen Charakter in Schalke zum Publikumsliebling geworden. In den Tumulten der vergangenen Saison strahlte der Spanier so etwas wie Vertrauen aus. Als sich Manuel Neuer nach dem Pokalsieg nicht traute, im Stadion vor die Fans zu treten, nahm ihn Raúl an der Hand und zog ihn nach vorne. Kein Fan traute sich da noch zu pfeifen.

Horst Heldt versucht zu vermitteln

Inzwischen ist aber klar, dass Trainer Ralf Rangnick mit Raúl wenig anfangen kann. Raúl war noch nie der Schnellste, mit 34 Jahren wird sich das auch nicht mehr ändern lassen. So scheint der Stürmer den Vorstellungen Rangnicks von einem Tempofußball, wie er ihn einst in Hoffenheim organisiert hat, im Wege zu stehen. Das Verhältnis der beiden ist stark abgekühlt, wie es im Umfeld heißt.

Nach Finnland fuhr Raúl nicht mit. Offiziell, weil Schalke die Sehnen und Knochen des betagten Angreifers auf dem Kunstrasen in Helsinki nicht ramponieren wollte. Doch den Beobachtern fiel auf, dass Raúl bei einem Einsatz am Donnerstag für keinen anderen Klub mehr im Europapokal hätte spielen dürfen, was die Aussichten auf einen Verkauf geschmälert hätte.

Dumm nur, dass die Schalker ohne Raúl völlig kopflos in die finnische Abwehr hineinrannten und -passten. Ohne Inspiration und Ideen, vom Rangnickschen Tempofußball so weit entfernt wie ein Traktor von einem Formel-1-Rennen. "Wir haben über weite Strecken die falschen Mittel gewählt, sind viel zu früh von außen nach innen gezogen und haben so diesem Bollwerk in die Karten gespielt", erkannte der Trainer immerhin. Um hinzuzufügen: "Ich glaube, dass es auch für Raúl nicht einfacher gewesen wäre."

Dumm allerdings auch, dass Raúl am vergangenen Samstag einiges dazu beigetragen hat, dass die Schalker das Bollwerk 1. FC Köln mit 5:1 abfertigen konnten. Zum Beispiel ein herrliches Lupfer-Tor, das noch in jedem Jahresrückblick einen Sonderplatz einnehmen wird.

Hier der leuchtende spanische Weltstar, von dem nie ein böses Wort kommt, dafür regelmäßig ein zauberhafter Moment der Fußballkunst. Dort der bekannt selbstbewusste, bisweilen launische Trainer, der eine Blamage in Finnland verantworten muss. So steht es gerade um die Schalker Befindlichkeit und damit steht es nicht besonders gut um Ralf Rangnick und den Klub.

In dieser prekären Lage steuern die Gelsenkirchener auf das Gastspiel in Mainz zu (Sonntag, 15.30 Uhr). Die Rheinhessen haben sich nach ihrem Aus in der Europa League erstaunlich schnell erholt und stehen wie im Vorjahr mit Rangnickschem Tempofußball auf Platz eins. Ob Raúl im neuen Mainzer Stadion wieder dabei ist? Manager Horst Heldt versucht zwischen den Parteien zu vermitteln so gut er kann, noch vor dem Spiel in Mainz soll es ein Gespräch mit allen Beteiligten geben. Doch die Erfolgsaussichten scheinen gering. Aus Málaga meldete sich etwa Scheich und Klubinhaber Abdullah Al-Thani und behauptete: "Wir haben erreicht, dass Weltklassespieler zu Málaga kommen wollen, wie in den Fällen von Raúl, Sneijder und Eto'o, die alle Interesse zeigen, zu uns zu wechseln", sagte er der Sportzeitung As.

Málaga wäre finanziell interessant, doch Raúls Verzicht auf die Reise nach Helsinki zeigt eher, dass der 34-Jährige noch einmal im Europapokal wirken möchte. Málaga hat sich nicht einmal für die Play-off-Runde zu Beckenbauers Cup der Verlierer qualifiziert. Ob es aber für Schalke noch zu mehr reicht, ist nach dem 0:2 am Donnerstagabend sehr unsicher. Ob mit oder ohne Raúl.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1132827
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sueddeutsche.de/mikö, luk
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.