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Europa League:Fünf Treffer für die Zukunft

Könnte im Finale zwei Rekorde einstellen: Romelu Lukaku, Inters Doppeltorschütze gegen Donezk.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Inter Mailands Einzug ins Finale der Europa League versöhnt Trainer, Investor und Umfeld. Alle zusammen hoffen auf große Zeiten mit Lionel Messi.

Von Ulrich Hartmann, Düsseldorf

Da sage noch einer, der Mann spreche kein Italienisch: Der Einzug von Inter Mailand ins Endspiel der Europa League war erst ein paar Minuten alt, da ballte Klubpräsident Steven Zhang, vor 28 Jahren in der ostchinesischen Stadt Nanjing geboren, in der Düsseldorfer Arena die rechte Faust und rief, so euphorisch ihm das beim Selbstfilmen mit dem wackligen Handy möglich war: "Andiamo!" Mit diesem gestelzt anmutenden "Auf geht's!" wandte er sich, dann wieder auf Englisch, "an alle Inter-Fans dieser Welt" - mit der Bitte, den Klub ins Finale am Freitag in Köln zu begleiten. Gedanklich.

Zhang, Milliardärssohn und seit 2018 Klub-Präsident, wird im Gegensatz zu den Inter-Fans dieser Welt natürlich im Stadion dabei sein, wenn der Klub gegen den FC Sevilla den ersten Titel seit neun Jahren gewinnen kann - 2011 war es die Coppa Italia. Weltweit von sich reden gemacht hat der Verein zuletzt 2010, als er unter Trainer José Mourinho das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League dadurch errang, dass er in Madrid den FC Bayern 2:0 besiegte. Damals war Zhang 18 Jahre alt. Ob er ein Poster des Doppeltorschütze Diego Milito über seinem Bett hängen hatte oder eines von Wesley Sneijder oder Samuel Eto'o? Die Liebe bahnt sich im Fußball manchmal seltsame Wege.

Inters Fans können sich mit dieser ersten Finalteilnahme seit neun Jahren darüber hinwegtrösten, dass der Erfolg mit chinesischen Yuan erkauft wurde. Fußball ist ein grenzenloses Vergnügen. Die Stürmer Romelu Lukaku und Lautaro Martinez, die den Finaleinzug beim 5:0 gegen Schachtjor Donezk mit je zwei Treffern maßgeblich vorantrieben, stammen aus Belgien und Argentinien, aber wenigstens der Trainer Antonio Conte, der sein Amt vor einem Jahr angetreten und Inter auf den zweiten Platz der Serie A sowie ins Halbfinale der Coppa und nun ins Endspiel der Europa League geführt hat, ist gebürtig aus Lecce in Apulien und damit offenkundig ein echter Italiener.

110 Tore hat Inter in den bislang 53 Pflichtspielen dieser Saison geschossen. Lukaku mit 33 und Martinez mit 21 kommen gemeinsam auf 54 Treffer und damit nahezu auf die Hälfte der gesamten Ausbeute. Der 27 Jahre alte Belgier spielt eine Saison der Rekorde und könnte im Finale zwei Bestmarken knacken, die einst Fußballer mit dem Namen Ronaldo aufgestellt haben: In elf aufeinanderfolgenden Champions-League-Spielen hat der Portugiese Cristiano Ronaldo 2018 für Real Madrid getroffen, Lukaku fehlt nun noch ein Tor im Endspiel gegen Sevilla, um diesen Rekord in der Europa League zu egalisieren. Und sollte er dieses eine Tor noch schießen, dann hätte er zudem wie der Brasilianer Ronaldo 34 Pflichtspiel-Treffer in einer Saison geschafft - 1998 war jenem das Kunststück für Inter Mailand gelungen. Lukaku würde dann unweigerlich in den Annalen von Internazionale landen.

Auf diese besseren Zeiten hat der Klub lange warten müssen; sie werden bereits überlagert von zukunftsgewandten Spekulationen, Zhang locke mit seinen reichlich vorhandenen pekuniären Argumenten den des FC Barcelona womöglich überdrüssigen Lionel Messi zu Inter in die Metropole der Lombardei. Von einem Angebot für einen Vierjahresvertrag mit einem Bruttogehalt von 65 Millionen Euro pro Saison ist bereits recht konkret die Rede, allerdings vielleicht erst für nächsten Sommer, wenn Messis Vertrag bei Barca ausläuft. Bei der festgeschriebenen Ablöse von 700 Millionen Euro in diesem Sommer bekäme sogar Zhang etwas Bauchweh.

Ob Conte, der Italiens Nationalteam bei der Europameisterschaft 2016 bis ins Viertelfinale gegen Deutschland geführt hatte, dann noch Inters Trainer ist, muss man abwarten. Der Finaleinzug dürfte sein bei Zhang offenbar nicht übermäßiges Ansehen deutlich aufpolieren, und bei einem Titelgewinn wäre er schwerlich zu entlassen. Die italienischen Medien jedenfalls schwärmten von Inters jüngstem Auftritt und versöhnten damit auch Conte, den sie nach Beendigung der Serie A noch hart kritisiert hatten, wogegen sich dieser mit emotionalen Worten wehrte. "Da muss man durch", sagte Conte nun deutlich entspannter und betonte, er äußere sich eigentlich immer konstruktiv, nie beleidigt.

Den 5:0-Sieg seiner Mannschaft gegen Donezk - nie zuvor hatte es in der Geschichte dieses Europapokal-Wettbewerbs ein derart hohes Halbfinal-Ergebnis gegeben - nannte Conte "nahezu perfekt". Gegen die mit sechs Brasilianern in der Startelf gewohnt geschmeidig aufspielenden Ukrainer verteidigten die Mailänder nach gewohnt italienischem Gusto gewissermaßen al dente und nutzten die lehrbuchhaft vorgetragenen Gegenzüge mit enormer Effektivität. Gegen den fünfmaligen Cup-Sieger Sevilla, der keines seiner Finals verloren hat, wird Inter diese Leistung wiederholen müssen, um den ersten Europa-League-Titel eines italienischen Klubs seit 1999 (AC Parma) gewinnen zu können. Dann würde sich Zhang bestimmt wieder mit italienischem Grundvokabular an die Fans wenden.

© SZ vom 19.08.2020

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