Vermutlich hat sich Christian Streich zusammengerissen. Er musste wissen, dass er nicht unbeobachtet war, irgendeine Kamera würde es mit Sicherheit einfangen, wenn er jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen oder auch nur die Augenbrauen nach oben ziehen sollte. Der ehemalige Langzeittrainer des SC Freiburg hielt sich also zurück. Als rechtschaffener Badener hätte sich Streich aber wohl selbst dann nichts anmerken lassen, wenn er am Donnerstagabend zu Hause im Wohnzimmer und nicht im Freiburger Stadion gesessen hätte.
Streich, 60, ist ein gebürtiger Pessimist. Als sein Platz noch nicht oben auf der Tribüne war, sondern unten auf dem Trainerstuhl, sah er manchmal selbst dann noch Abstiegsgespenster, als andere schon lange die Frage erörterten, ob sich seine Mannschaft für die Europa League oder doch eher für die Champions League qualifizieren würde. Was dachte Streich also wohl, als der Vierte Offizielle in der 74. Minute eine Tafel hochhielt und die Zahlen 7, 9, 19 und 32 zum Leuchten brachte?
Vincenzo Grifo und Yuito Suzuki raus, Derry Scherhant und Lucas Höler rein: Der Doppelwechsel, den Julian Schuster am Donnerstag beim Freiburger 3:0 im Europa-League-Viertelfinale gegen Celta Vigo vornahm, kam nicht über den Rang einer Randnotiz hinaus, zu mitreißend war das Spiel gewesen, zu funkelnd das Gesamtbild, das Freiburg an diesem Abend abgab. Im Grunde aber war der Doppelwechsel alles, was man über die Post-Streich-Freiburger wissen muss.
Das Duell mit Vigo ist das erste europäische Viertelfinale überhaupt, das der Sportclub in seiner Klubgeschichte spielt. Und weil Schusters Mannschaft nach den Toren von Grifo (10.) und Niklas Beste (32.) ohnehin schon 2:0 führte, hätte es nach Branchenlogik nahegelegen, eine Viertelstunde vor Schluss ein, zwei Offensivspieler in den wohlverdienten Feierabend zu schicken und ein, zwei Verteidiger einzuwechseln, um das Ergebnis abzusichern. Ein 2:0 wäre doch eine ziemlich hervorragende Ausgangslage fürs Rückspiel gewesen. Damit ließe sich – zumindest wenn man nicht gerade Christian Streich ist – guten Mutes nach Vigo reisen, um es zu Ende zu bringen und ins Halbfinale einzuziehen. Und dafür brauchte es jetzt in einem ersten Schritt nur noch ein, zwei Spieler, die etwas davon verstehen, Tore zu verhindern. Aber was machte Schuster? Er wechselte Scherhant und Höler ein – zwei Spieler, die hauptberuflich Tore schießen, anstatt sie zu verhindern.
Nicht einmal fünf Minuten später stand es nach einer Ecke und einem Kopfball von Matthias Ginter dann 3:0, was Freiburg eine noch viel hervorragendere Ausgangslage fürs Rückspiel verschaffte und wie eine Botschaft an die anderen Viertelfinalisten daherkam. Die Nachricht lautete, versehen mit einem Ausrufezeichen: Mit uns kleine Freiburger isch zu rechne!
Wobei: Geht Freiburg überhaupt noch als klein durch?
Das 3:0 sei „ein erster Schritt“, sagt Trainer Schuster, „nicht mehr und nicht weniger“
Es mag mal eine Zeit gegeben haben, in der Fußball-Deutschland darauf wartete, wann sie am Tor zum Schwarzwald endlich zur Besinnung kommen. Ewig konnte das ja nicht so weitergehen, dass diese Mannschaft über ihre Verhältnisse kickt und Vereinen wie Schalke, dem HSV und dem 1. FC Köln vormacht, wie man in der Bundesliga Schritt für Schritt vorwärtskommt. Irgendwann würde Freiburg den großen Klubs nicht mehr die Zunge entgegenstrecken, sondern die Realität anerkennen müssen und sich mit den St. Paulis, Heidenheims und Augsburgs dieser Welt im Abstiegskampf herumschlagen. Spätestens seit Donnerstagabend und diesen 90 Minuten gegen Celta Vigo weiß man: Irgendwann ist immer noch nicht. Und dass es überhaupt noch einmal so weit kommt, scheint geradezu abwegig zu sein – außer natürlich für denjenigen, der immer und überall Abstiegsgespenster sieht.
Mit welch vereinnahmender Energie die Freiburger Vigo begegneten, mit welch eiserner Disziplin sie verteidigten, wie abgeklärt sie auftraten, all das wirkte, als tue der Sportclub schon seit Jahren nichts anderes, als internationale Viertelfinals zu spielen. Und gerade das ist es auch, was Schusters Elf zu einem ernsthaften Anwärter auf den Titel macht: Es ist nicht die Euphorie, die diese Mannschaft durch Europa trägt, sondern die Substanz, die Geschlossenheit und die Zuverlässigkeit, mit der ein Rädchen ins andere greift.
Sein Team habe „unglaublich verteidigt“, betonte Schuster und lobte seine Spieler in erster Linie für ihre Widerstandsfähigkeit. Tatsächlich war das die größte Leistung, die die Freiburger vollbrachten: Sie gingen mit einer derartigen Power zu Werke, dass sie Vigo, gerade zu Beginn des Spiels, beinahe überrannt hätten. Sie verstanden es aber auch, nicht zu überdrehen, ihren schier überbordenden Eifer in Bahnen zu lenken und bei allem Offensivrausch mit maximaler Gewissenhaftigkeit zu verteidigen. Ist die Mannschaft also sogar reif für den ganz großen Wurf?
„Nach Siegen besteht grundsätzlich die Gefahr, vielleicht etwas den Fokus zu verlieren“, sagte Julian Schuster und klang nur deshalb nicht wie Christian Streich, weil niemand wie Christian Streich klingt. Das 3:0 sei „ein erster Schritt – nicht mehr und nicht weniger“, meinte Schuster, und man sah vor dem inneren Auge Streich, wie er milde und zufrieden lächelte.


