Mesut Özil:Immer noch die Reizfigur

Eintracht Frankfurt - Fenerbahce SK, UEFA Europa League Tor für Fenerbahce zum 0:1 durch Mesut Özil (Fenerbahce SK, 10)

Mesut Özil bringt Fenerbahce Istanbul in Frankfurt in Führung, für den Sieg zum Auftakt der Europa-League-Gruppenphase reicht es aber nicht.

(Foto: Juergen Kessler/imago images)

Mesut Özil erlebt bei seinem ersten Auftritt in Deutschland seit dreieinhalb Jahren Zuspruch, wird aber auch ausgepfiffen. Bei Fenerbahçe Istanbul scheint er seine innere Ruhe gefunden zu haben.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

Es war sicherlich nicht der Abgang, den Mesut Özil im Frankfurter Stadtwald verdient hatte. Noch immer haben ihm offenbar viele Fans seinen geräuschvollen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft nicht verziehen, sonst wären nicht laute Pfiffe ertönt, als der Weltmeister bei seiner Auswechslung nach 77 Minuten beim 1:1 zwischen Eintracht Frankfurt und Fenerbahçe Istanbul seinen Mitspieler Dimitris Pelkas abklatschte, der in der Nachspielzeit einen an ihm selbst verwirkten Elfmeter verschoss. U-21-Europameister Mërgim Berisha traf zwar im Nachschuss, war aber doch deutlich zu früh in den Strafraum gelaufen.

Es war die dramatische Pointe eines stimmungsvollen Europapokalabends, bei dem Özil das erste Mal seit dreieinhalb Jahren wieder ein Pflichtspiel in einem deutschen Stadion bestritt. Der 32-Jährige sollte die polarisierende Figur dieses Europa-League-Auftakts vor den maximal erlaubten 25 000 Besuchern in der Frankfurter Arena sein: Bei Ausführung einer Ecke vor der Eintracht-Kurve flogen Bierbecher, während auf der Gegenseite die Fener-Anhänger gar nicht genug Selfies schießen konnten.

Erik Durm hält mit Özil einen Plausch

Der gebürtige Gelsenkirchener kennt die extremen Ausschläge zur Genüge, beim FC Schalke 04 und Werder Bremen, danach Real Madrid und FC Arsenal verlief seine Karriere stets zwischen Zu- und Abneigung. Und am Ende seiner Nationalmannschaftszeit 2018 hatten seine Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, seinem späteren Trauzeugen, und sein mit Rassismusvorwürfen unterlegtes Rücktrittsschreiben den gesamten deutschen Fußball überfordert.

Sein Wechsel diesen Winter zum 19-fachen türkischen Meister scheint ihm selbst geholfen haben, wieder seine innere Ruhe zu finden. Fast ungerührt ließ Özil am Donnerstagabend sein Können aufblitzen, als die Nummer 10 einen Schnellangriff einleitete, den Pfostenschuss von Mert Hakan Yandaş vorbereite, um dann nach einigen Umwegen selbst zu treffen. Dass der Linienrichter zunächst wegen Abseits die Fahne hob, weil Enner Valencia im Sichtfeld des Eintracht-Torhüters Kevin Trapp gestanden hatte, war eigentlich richtig, doch dann griff der VAR ein - und das Führungstor zählte (10.).

Sein zweiter Pflichtspieltreffer im Dress der Kanarienvögel - zuvor hatte Özil zum Saisonauftakt in der Süper Lig zum 1:0 bei Adana Demirspor getroffen - sollte sein einziges Statement bleiben. Interviews gab er keine, teilte aber über seine sozialen Medien kurz mit: "Da war mehr möglich für uns, aber trotz allem ist es ein entscheidender Punkt." Weltmeisterkollege Erik Durm erzählte von seinem Plausch nach Spielschluss: "Wir hatten eine sehr, sehr schöne Zeit 2014 zusammen. Mesut ist ein super Junge. Ich habe mich einfach nach seiner Familie erkundigt."

Özil hatte zuvor dem Sportinformationsdienst gesagt, dass er sich am Bosporus privat pudelwohl fühle. Tochter Eda sei ein Geschenk und sorge dafür, "dass man eine ärgerliche Niederlage auf dem Fußballplatz doch recht schnell wieder vergessen kann". Fenerbahçe sei überdies seit seiner Kindheit sein Lieblingsklub gewesen. Sein aktueller Trainer Vítor Pereira ("Ich bin sehr happy mit den Spielern und ihrer Einstellung") setzt seinen prominentesten Akteur derzeit dort ein, wo ihn der ehemalige Bundestrainer Joachim Löw am Ende häufig spielen ließ: auf einer halblinken Offensivposition, fast schon als hängenden Linksaußen.

Glasner sieht noch viel Arbeit vor sich

Dass Özil nicht mehr mit der ursprünglichen Dynamik aufwarten kann, ist offensichtlich, aber welcher Weltmeister von 2014 kann das - außer vielleicht Manuel Neuer - schon von sich behaupten. Özils Ballkontakte (42) blieben ebenso wie seine Passquote (72 Prozent) und Zweikampfbilanz (40 Prozent) überschaubar. Bundestrainer Hansi Flick wird als Augenzeuge in Frankfurt nicht ansatzweise über eine Reaktivierung nachgedacht haben, dafür steht Özils Angebot an Vorgänger Löw zu einer Aussprache ("Jogi kennt sich ja auch in Istanbul bestens aus und ist jederzeit zu einem Fenerbahçe-Heimspiel eingeladen") neuerdings im Raum.

Ganz andere Fragen stellen sich bei den Hessen. Wettbewerbsübergreifend in sechs Pflichtspielen ist die Eintracht sieglos, die Aufwand und Ertrag weiterhin nicht in Einklang bringt. Last-Minute-Leihgabe Sam Lammers traf nach Vorlage des inzwischen wieder begnadigten Filip Kostić (41.), doch ansonsten blieb erneut im Offensivbereich vieles Stückwerk. "Wir haben weiterhin viel Arbeit vor uns, aber es kann die Wende in unsere Richtung sein", sagte Trainer Oliver Glasner, der das Spiel nur in der Loge verfolgen konnte, weil er aus seiner Zeit beim VfL Wolfsburg noch eine Innenraumsperre verbüßte.

"Es war hart für mich da oben", räumte der Österreicher ein, der nun mit der Eintracht bei seinem ehemaligen Arbeitgeber aus der Autostadt antritt, wo sich Glasner fast grußlos verabschiedet hatte. Beim Tabellenführer Wolfsburg am Sonntag (19.30 Uhr) das erste Erfolgserlebnis einzufahren, wird ein schwieriges Unterfangen. Aber fast trotzig betonte Frankfurts neuer Fußballlehrer: "Ich sehe uns auf einem guten Weg. Es gibt noch viel zu tun, aber die Basis passt zu 100 Prozent."

© SZ/ska
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