Eintracht-Gegner im Finale:Völkerwanderung für die Rangers

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Eintracht-Gegner im Finale: Freudensprünge im Fußballtempel: Glasgow-Rangers-Kapitän James Tavernier bejubelt einen Treffer im heimischen Ibrox Park.

Freudensprünge im Fußballtempel: Glasgow-Rangers-Kapitän James Tavernier bejubelt einen Treffer im heimischen Ibrox Park.

(Foto: Kirk O'Rourke/Shutterstock/Imago)

Die Glasgow Rangers sind eine Institution auf der Insel - und für die Fans viel mehr als ein Fußballverein. Im Europa-League-Finale ist der Erfolgsdruck auf die Spieler deshalb sehr hoch.

Von Sven Haist, Sevilla

Die Vorfreude auf das bedeutendste Spiel des Rangers Football Club seit dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister vor genau 50 Jahren lässt sich für die Anhängerschaft kaum mehr aushalten. Um die Wartezeit vor dem Finale in der Europa League am Mittwoch (Anpfiff 21 Uhr) gegen Bundesligist Eintracht Frankfurt zu verkürzen, veröffentlichten die dem Klub nahe stehenden Brüder Stevie und Alan Jukes, bekannt als Musikgruppe Saint Phnx, zu Wochenbeginn eine Motivationshymne. Der Titel: "Make us dream" - Bringt uns zum Träumen!

Schon wenige Stunden nach Erscheinung ging der Song per Internet um die Welt. Kaum ein anderer Verein bewegt die Menschen in Schottland so sehr wie die Rangers. Die Textstrophen veranschaulichen das Seelenleben des uralten, im Jahr 1872 gegründeten Leidenschaftsklubs - insbesondere der Refrain, der alles enthält, was die Rangers vor dem Showdown gerade umtreibt: "Egal was passieren möge, wir werden immer weitergehen / Wir haben unsere dunkelsten Tage hinter uns / Jetzt ist wieder unsere Zeit gekommen / Das Schicksal an die Wand geschrieben...".

Mit diesen Zeilen verabschiedete die Anhängerschaft die Elf um Trainer Giovanni van Br­onck­horst nach Sevilla, ins Endspielstadion Ramón Sánchez-Pizjuán. Allerdings trifft das nur bedingt zu, denn die Sympathisanten reisten dem Team unmittelbar hinterher. Bereits im Februar, als ein Finaleinzug trotz des Erfolgs über Borussia Dortmund in der Zwischenrunde noch ähnlich weit entfernt war wie Sevilla selbst, buchten erste Fans ihren Trip an die spanische Mittelmeerküste. Mit jedem weiteren Sieg gegen Roter Stern Belgrad, SC Braga und RB Leipzig im Achtel-, Viertel- und Halbfinale taten es ihnen immer mehr Menschen gleich. Die Reisekosten explodierten, aber das Endspielerlebnis scheint jeden Preis wert zu sein.

Vor 14 Jahren führte die finale Europareise nur bis Manchester

Aus aller Welt machten sich bis zu 100 000 "Gers", so der Rufname der Rangers-Fans, auf den Weg nach Sevilla, die meisten ohne Tickets, einige sogar ohne Unterkunft. Die abenteuerlichen Reiseberichte lassen sich in den Inselmedien nachlesen. Ein Fan, Derek MacDougall, erzählte bei BBC Scotland, dass er für dieses Spiel sogar aus Australien angereist sei, obwohl er nicht mal eine Eintrittskarte hat. Doch er müsse einfach dabei sein. Schon am Montag gingen 32 Charterflüge aus Glasgow in Richtung Andalusien. Die Völkerwanderung erinnert an die zurückliegende Finalteilnahme der Rangers, als der Wettbewerb noch Uefa-Cup hieß, 14 Jahren ist das jetzt her. Damals begleitete das Team sogar eine Viertelmillion Leute - allerdings nur über die innerbritische Grenze bis nach Manchester. Für ein Fußballspiel wohlgemerkt, das Glasgow dann mit 0:2 gegen Zenit St. Petersburg verlor.

Zur Einordnung der ungebremsten Begeisterung hilft ein Anruf bei Schotten-Legende Graeme Souness, 69, dreimaliger Europapokalsieger mit Liverpool, der seine Karriere einst als Spielertrainer zwischen 1986 und 1991 bei den Rangers ausklingen ließ. Die Unterstützung für die Rangers habe nichts mehr "mit normalem Fan-Dasein" zu tun, findet Souness, das sei schon "eine Lebensweise". Die Rangers gehören für ihn mit Stadtnachbar Celtic, dem FC Liverpool und Manchester United zu den vier britischen Klubs, die dem Status eines Vereins längst entwachsen seien. Was sie stattdessen abbilden? "Institutionen!", erklärt Souness: "Wenn sie verlieren, wollen die Leute am nächsten Tag nicht zur Arbeit gehen." Dabei sei der Erfolgsdruck auf Spieler, Trainer und Funktionäre bei den Glasgower Klubs noch höher als in Liverpool oder Manchester, weil aufgrund ihrer Überlegenheit in der Scottish Premiership erwartet wird, dass sie jedes Spiel gewinnen. Die Liga ähnelt deshalb einer Waage: Je mehr der eine gewinnt, desto weniger der andere. Celtic und Rangers vereinen 107 von 126 Meisterschaften, in dieser Saison sicherte sich Celtic den Titel. Die erbitterte Rivalität ist das Lebenselixier beider Klubs - aber gleichzeitig trieb sie die Rangers in den Ruin.

Die Fanorganisation "Club 1872" besitzt fünf Prozent des Vereins

Nach jahrelangem Missmanagement, verursacht durch Eigentümerwechsel und Streitigkeiten mit dem britischen Finanzamt, ging der hochverschuldete Klub vor zehn Jahren bankrott. Durch die Insolvenz mussten die Rangers zwangsabsteigen und den Wiederaufbau unter einem neuen Betreiber in der semi-professionellen vierten Liga beginnen. Doch die Beharrlichkeit der Fans, die selbst den Ibrox Park bei jedem Heimspiel mit rund 50 000 Zuschauern füllten, hielt den Verein am Leben. Die Fanorganisation "Club 1872" besitzt mittlerweile fünf Prozent des Vereins und hat angekündigt, bald die weiteren knapp 15 Prozent des Mehrheitseigners und früheren Vorsitzenden Dave King übernehmen zu wollen. Die restlichen Anteile sind noch mehr aufgesplittet, mit zwölf Prozent fallen die zweitmeisten derzeit auf Klubchef Douglas Park.

Der zwischenzeitlich auf Grund gelaufene Fußball-Tanker setzte sich vor allem mit der Verpflichtung des Ex-Liverpoolers Steven Gerrard als Trainer im Sommer 2018 wieder in Bewegung - und wenn solche Schwergewichte Fahrt aufnehmen, sind sie selten zu stoppen. Neben dem zweimaligen Erreichen des Achtelfinales in der Europa League führte Gerrard eine Elf aus weitgehend unbekannten Spielern zur Meisterschaft 2021, der ersten nach einer Dekade - bevor er sich überraschend im November zu Aston Villa absetzte. Für ihn übernahm der Niederländer van Bronckhorst, 47, der als Profi einst 118 Pflichtspiele für die Rangers bestritt.

Laut Souness hat das Team "keinen offensichtlichen Star", der schon nächste Saison für einen Spitzenverein spielen könnte. Ihm gefällt der trickreiche Angreifer Joe Aribo am besten; der aus Sheffield United geholte Mittelfeldmann John Lundstram habe sich in der zweiten Saisonhälfte gut entwickelt, sagt er. Besonders auffällig sei neben dem 40 Jahre alten Torwart Allan McGregor der Kapitän der Elf, James Tavernier: Rechtsverteidiger - und mit sieben Treffern der führende Torschütze des Wettbewerbs. Nur: Sind die international unerfahrenen Spieler dieser einmaligen Gelegenheit überhaupt gewachsen? Die Spieler seien durch die Heimspiele an "eine große Kulisse" gewöhnt, glaubt Souness, und auswärts trete jeder Gegner ohnehin wie "in einem Pokalendspiel" an. Angesichts des auf internationalem Niveau wenig konkurrenzfähigen Etats würde Souness den Titel in der Europa League als "den größten Erfolg in der Geschichte" des Klubs einschätzen. Allerdings könne er selbst das Spiel nicht anschauen, weil seine Tochter am gleichen Tag heiraten würde. Die Feier sei bereits seit zwei Jahren geplant.

Und damals war es nicht vorstellbar, dass die Glasgow Rangers ihre Fans wieder so schnell zum Träumen bringen könnten.

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