Europa League:Exzentriker in Lila

ACF Fiorentina-CFC Genoa, Florence, Italy - 29 Jan 2017

Der technisch beste und originellste Angreifer des AC Florenz in Feierlaune: Nikola Kalinic, 29, aus Kroatien.

(Foto: Maurizio Degl'Innocenti/EPA)

Der Traditionsklub AC Florenz bringt ein wildes Offensiv-Trio mit zum Hinspiel in der Runde der letzten 32 nach "Monkegladbacke".

Von Birgit Schönau, Florenz

Die Farbe Lila gilt als geheimnisvoll und abgründig, als Lieblingstönung der Exzentriker. Priester tragen Lila zur Versinnbildlichung der Transformation im Advent und in der Fastenzeit, die Frauenbewegung entdeckte Violett als Farbe der Geschlechterrevolution. Am Donnerstagabend wird das Lila auch im Mönchengladbacher Borussenpark einziehen, beim vielleicht emotionalsten Sechzehntelfinale der Europa League. Denn die Fiorentina trägt Violett, ein seltener Fall im Fußball. Verordnet wurde dem AC Florenz die aparte Trikotfärbung in den 1920er-Jahren von Vereinsgründer Luigi Ridolfi Vay da Verrazzano. Der exzentrische Marquis war als faschistischer Dandy ein Anhänger der Futuristen, die Nudeln als Futtermittel für Weicheier ablehnten und als starke Männer grelle Farben bevorzugten.

Vermutlich hätte Ridolfi auch der aktuelle Gegner seiner Fiorentina gefallen: Schwarz-weiß-grün gefärbt ist Monkegladbacke , dieser für Italiener ebenso unaussprechliche wie unerhörte Bundesligist - selbst für Futuristen aus jener Stadt, die immer noch felsenfest überzeugt ist, in der Renaissance quasi nebenbei auch den Fußball erfunden zu haben, während man in Monkegladbacke noch keine raffinierteren sportlichen Aktivitäten kannte, als Kühe um die Wette zu jagen. Fohlen gegen Florentiner, das bedeutet Glanz gegen Gloria - wenn auch bei beiden Vereinen eher aus vergangenen Zeiten.

Der AC Florenz wurde zuletzt Meister, als der Borussia die großen Zeiten noch bevorstanden: 1969 war das, acht Jahre zuvor wurde ein Europapokal der Pokalsieger in den Trophäenschrank gestellt, und 1966 folgte noch ein damals schon nicht mehr so begehrter "Mitropapokal". Seither ist die Fiorentina auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Nach dem finstersten Moment der Klubgeschichte - Pleite und Zwangsabstieg in die vierte Liga 2002 - hat sie sich ganz gut berappelt und zwischendurch auch schon wieder Champions League gespielt. Etwa 2010 gegen die Bayern, die zwar wegen besserer Auswärtstorbilanz das Viertelfinale erreichten, in Florenz jedoch 2:3 verloren. In zehn Begegnungen mit deutschen Mannschaften gelangen den Toskanern nur zwei Heimsiege - in Deutschland hat die lila Mannschaft überhaupt noch nie gewonnen. Andererseits hat sie in dieser Saison auch noch kein Auswärtsspiel in Europa verloren.

In der heimischen Liga ist Florenz derzeit allerdings nur diskreter Tabellenachter. So weit die Statistik. Auf dem Platz erwartet Gladbach ein Team, das denkbar unitalienischen Offensivfußball spielt (15 Tore in diesem Wettbewerb), angeführt von einem "Trio infernale" junger Wilder: Der italienische Nationalspieler Federico Bernadeschi aus der Marmorstadt Carrara spielte schon in frühester Jugend mit dem Senegalesen Babacar für die Fiorentina. Bernadeschi wird am Donnerstag 23, Babacar feiert in vier Wochen seinen 24. Geburtstag. Der blonde, athletische Italiener spielt mit links, bevorzugt auf der rechten Seite oder hinter den Spitzen. Babacar, hoch gewachsen, kopfballstark und wendig, ist der schnellste Sprinter im Team.

Ergänzt wird das Trio durch den Kroaten Nikola Kalinic, 29, der Erfahrungen in England und der Ukraine hinter sich hatte, als er vor zwei Jahren zum AC stieß. Er ist der technisch versierteste und originellste Offensivspieler, der Mann der unverschämten Finten, unerreichten Einfälle und unmöglichen Tore. 14 Saisontreffer gehen auf sein Konto, vier davon erzielte Kalinic in der Europa League. Wegen einer Knieverletzung musste der Kroate zuletzt ein paar Wochen aussetzen, in Mönchengladbach soll er aber wieder mit von der Partie sein. Für Trainer Paulo Sousa ist Kalinic unverzichtbar - zu Sousas Erleichtung ist der seit Monaten verhandelte Transfer des Angreifers nach China soeben geplatzt.

Für Sousa, 46, ist Mönchengladbach kein Neuland, ist er doch in der Bundesliga ein alter Bekannter. Der Portugiese war von 1996 bis 1998 in Dortmund unter Vertrag und gewann mit dem BVB 1997 die Champions League. Das Endspiel in München (3:1) ging damals gegen Sousas Ex-Kollegen von Juventus Turin, mit denen er im Jahr davor auch schon den Henkelpott geholt hatte. "Als ich mit Dortmund die Ehrenrunde drehte, riefen die Juve-Fans meinen Namen und applaudierten", erzählt Sousa gern. Das sei die "anrührendste Erinnerung meiner Laufbahn" gewesen. Dabei ist Juventus in Florenz derart verschrieen, dass die Tifosi bei jedem Match den Erzfeind verunglimpfen, gleichgültig, ob ihre Mannschaft gerade wirklich gegen Turin spielt oder gegen Monkegladbacke.

Im Borussia-Park soll sich also niemand wundern, wenn die mitgereisten Florentiner Juve-Choräle anstimmen. Das ist nur Zeichen der Hochachtung vor dem Gegner, so viel Exzentrik in Lila muss sein.

© SZ vom 16.02.2017
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