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Leverkusen-Gegner in der Europa League:Conte hat Inter Leben eingehaucht

Inter Mailand - FC Getafe

Inter Mailands Trainer Antonio Conte hat die Fäden in der Hand.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Er hält Monologe und gibt den Blitzableiter, um sein Team zu schützen: Inter Mailands Trainer Conte entzweit bei allem Erfolg Italien - Bayer 04 muss an diesem Abend aber nicht nur ihn fürchten.

Von Thomas Hürner

Antonio Conte ist nicht nur ein dynamischer Trainer, er ist Dynamit, jederzeit bereit für einen gewaltige Knall. Man hört ihn bis in die hintersten Winkel der Fußballnation, die Tifosi und Branchenkenner gucken dann eingeschüchtert und fragen sich: Was war das jetzt wieder?

Es hätte ein gemütlicher Abschluss der Ligasaison werden können. Inter Mailand, das Team von Conte, hatte am vergangenen Samstag gerade überzeugend mit 2:0 beim direkten Konkurrenten Atalanta Bergamo gewonnen und sich so den zweiten Platz gesichert, am Ende war es nur ein Punkt Rückstand auf den italienischen Serienmeister Juventus. Conte hat dem lethargischen Traditionsklub wieder Leben eingehaucht. Beste Voraussetzungen für einen Angriff auf den Titel in der Europa League, nach einem Pflichtsieg unter der Woche gegen Getafe (2:0) trifft Inter am Montag in Düsseldorf auf Bayer Leverkusen.

Aber Conte wäre nicht Conte, wenn er so eine Bühne nicht nutzen würde, diesen Moment der größtmöglichen Aufmerksamkeit. "Es war ein hartes Jahr für mich, sehr hart", begann Conte also auf der Pressekonferenz in Bergamo, dann folgte ein langer Monolog. "Null Schutz" habe er vom Klub erhalten, der "Blitzableiter" sei er gewesen, weder seine Arbeit noch die der Spieler sei "wertgeschätzt" worden. Und so weiter. Ein Rundumschlag, verpackt in kryptischen Schachtelsätzen. Was war das jetzt wieder?

Der Trainer hat eine Schwäche für verbale Scharmützel

"Inter brilliert, Conte spaltet", titelte daraufhin die Gazzetta dello Sport, am Folgetag legte das rosa Blatt nach: "Conte, ora basta!" Jetzt reicht es. Auch für die anderen Sportzeitungen des Landes war dieser sonderbare Auftritt das Thema der Woche. Die Verwunderung ist deshalb so groß, weil sich niemand so recht erklären kann, was Conte eigentlich bezwecken wollte.

Seither wird spekuliert und diskutiert: Spielte er selbst ganz bewusst den "Blitzableiter", um vor der Europa-League-Endrunde ein bisschen Druck vom Kessel zu nehmen, war alles also nur ein großes Schauspiel? Wollte Conte gar seinen Rauswurf provozieren, damit er wieder bei Erzrivale Juventus anheuern kann, wo er einst Kapitän und dreifacher Meistertrainer war? Am Samstagnachmittag, wenige Stunden nach Juves Aus in der Champions League, wurde deren Trainer Maurizio Sarri gefeuert, das war schon seit Wochen abzusehen. Hatte Conte sich Hoffnungen gemacht, wurden sie am Samstagnachmittag enttäuscht, weil Juve auf Andrea Pirlo setzt.

Oder folgen Contes Worte einem Kalkül, einer inhärenten Logik? Vielleicht, aber sicher weiß man es nicht. Der Trainer schweigt sich zu diesem Thema aus. Beim chinesischen Einzelhandelsriesen Suning, in dessen Besitz der Klub seit 2016 ist, soll Contes Auftritt nahe an der öffentlichen Denunziation empfunden worden sein.

Es ist jedenfalls nicht das erste Mal, dass Conte zu diesem Stilmittel greift. Als Trainer des FC Chelsea kritisierte er die Sportdirektorin Marina Granovskaia so lange, bis er schließlich entlassen wurde. Trotz Meistertitel in der ersten und einem FA-Cup-Sieg in der zweiten Saison. Bei Juventus hatte er zuvor selber hingeworfen, in einer heute noch legendären Pressekonferenz, urplötzlich anberaumt mitten in der Saisonvorbereitung. "Mit 10 Euro", hatte Conte damals gesagt, "kann man nicht in einem Restaurant essen, in dem die Rechnung 100 Euro kostet."

Sollte heißen: In Italien kann ich mit diesem Budget und diesen Spielern gewinnen, aber für Europa reicht das nicht. Massimiliano Allegri, sein Nachfolger bei Juventus, speiste dann trotzdem vorzüglich im Nobeletablissement namens Champions League und schaffte es zweimal ins Finale. Was Conte gar nicht schmecken dürfte: Ausgerechnet Allegri soll ihn laut italienischer Gazzetten auch bei Inter beerben, wenn es es wirklich zum Bruch kommen sollte.

Conte hatte bislang überall Erfolg, er hinterlässt aber auch eine Menge Chaos, wenn ihm der Rest des Klubs nicht kompromisslose Gefolgschaft leistet. Auf dem Platz will er seinen Spielern jeden Pass, jeden Laufweg diktieren. Und zudem bestimmen, welche Spieler seinen Anweisungen Folge leisten dürfen. Am besten alleine. Das Problem ist: Bislang war noch kein Klub bereit, Conte auch formell mit allumfassender Macht auszustatten, in Trainer-Manager-Personalunion nach englischem Modell.

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