Euroleague:Grooven im Schlamm

Lesezeit: 3 min

FC Bayern München - Panathinaikos Athen

Weg da: Darrun Hilliard, bester Werfer der Bayern beim Sieg gegen Athen, verschafft sich gegen Nemanja Nedovic etwas Platz.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Die Basketballer des FC Bayern München erkämpfen sich nach dem Triumph gegen Istanbul auch gegen Athen einen Sieg. Dabei muss Trainer Trinchieri nach wie vor auf wichtige Stützen verzichten.

Von Ralf Tögel

Darrun Hilliard ist ein leiser Zeitgenosse, ein Basketballprofi der stillen Sorte. Sein Spiel ist überlegt, strategisch, zudem hat er die Fähigkeit, mit einem sehr schnellen ersten Schritt den Gegner zu düpieren und zum Korb zu ziehen. Weil er obendrein einen guten Distanzwurf hat, ist er noch schwerer zu verteidigen. Der 28-jährige Guard spielte in der NBA und kam von ZSKA Moskau, einer der feinsten Adressen im europäischen Basketball, allein wegen der finanziellen Möglichkeiten; nur die Besten bekommen dort eine Anstellung. Und natürlich zählt er in München zu den Schlüsselspielern, erzielt in der Euroleague die meisten Punkte für sein Team. Grund genug also, um vor Selbstvertrauen zu strotzen, für laute Ansagen. Aber wer mit Hilliard spricht, begegnet einem höflichen, bescheidenen und zurückhaltenden Menschen, der überlegt, bevor er etwas sagt. Am Donnerstagabend aber stand der 1,96 Meter große Guard auf dem Parkett im Audi Dome und brüllte sich mit einem Urschrei die Anspannung von der Seele. Gerade hatte er im Spiel gegen Panathinaikos Athen mit einem Dreipunktespiel den 69:72-Anschluss hergestellt - und damit die Wende eingeleitet. Letztendlich erkämpften sich die Basketballer des FC Bayern einen 81:78-Heimsieg, vor allem dank Hilliard, der mit 20 Punkten bester Schütze des Abends war.

Es stand viel auf dem Spiel. Eine Niederlage hätte den nicht weniger hart erkämpften 71:63-Sieg gegen Fenerbahce Istanbul vom Dienstag entwertet, so aber haben die Bayern mit 5:6 Siegen den Anschluss an die Playoff-Plätze hergestellt. Sie befinden sich in einem illustren Verfolgerfeld, mit Kontrahenten wie dem viermaligen Champion ZSKA Moskau oder Titelverteidiger Efes Istanbul. Trainer Andrea Trinchieri wähnt seine Auswahl trotzdem "immer noch im Schlamm", womit er meint, dass er längst nicht alle Ressourcen ausschöpfen kann. In Paul Zipser, Leon Radosevic und Zan Mark Sisko fehlen wichtige Stützen, viele der Genesenen sind jenseits ihrer Bestform. Kapitän Nihad Djedovic oder Andreas Obst etwa, der eine lange verletzt, der andere vom Coronavirus erwischt, beides Profis der Extraklasse: Gegen Athen bekamen sie wie Ognjen Jaramaz, der ebenfalls verletzt war, jeweils nur eine Handvoll Spielminuten. Immerhin habe man nun im Schlamm "etwas Luft zum Atmen", findet Trinchieri, dank dem Rest des Teams. In der Euroleague ist die Last meist auf sieben Paar Schultern verteilt, neben Hilliard stehen Vladimir Lucic, DeShaun Thomas (15 Punkte), Augustine Rubit (12), Corey Walden, Hunter Othello und Nick Weiler-Babb auf dem Feld. Trinchieri weiß natürlich, dass es mit einer so kleinen Rotation auf Dauer nicht gut gehen kann, aber er gehe nach seiner Nase bei den Einsatzzeiten, einige Spieler bräuchten "einfach noch Zeit, um in den Groove zu kommen".

Am Sonntag spielen die Bayern in Göttingen, das dritte Spiel in einer Woche. Für die Gastgeber ist es das zweite Spiel im November.

Nicht zu vergessen ist dabei, dass von jenen angesprochenen sieben Akteuren fünf neu im Team sind, von ausgefeiltem Teamplay kann angesichts der durch Corona und Verletzungen verkorksten Vorbereitung und der aktuellen Situation keine Rede sein. Somit leben die Bayern von der Klasse der Protagonisten - und deren Einsatzwillen. Letzteres ist offenbar das erste, was Trinchieri seinen Spielern einbläut. So kämpften sich die Münchner trotz einer schwachen ersten Halbzeit und einem scheinbar aussichtslosen Rückstand (61:70) im finalen Viertel zurück und drehten das Spiel in letzter Sekunde. Freilich auch, weil Athens Okaro White bei eigener 76:74-Führung zwei Freiwürfe vergab und Lucic im Gegenzug nervenstark mit einem Dreier die Entscheidung herbeiführte. Überhaupt muss man sich schon fragen, warum diese stark besetzte Athener Mannschaft mit zwei kümmerlichen Siegen auf dem vorletzten Platz rangiert. In Daryl Macon steht ein pfeilschneller und trickreicher Spielgestalter im Kader, Flügelspieler Ioannis Papapetrou trifft zuverlässig zweistellig, und der ehemalige NBA-Akteur Nemanja Nedovic bereitete den Bayern mit seinen Distanzwürfen große Probleme in der Schlussphase. Aber Trainer Dimitri Priftis gelingt es bislang nicht, das wahre Leistungsvermögen seines zweifellos stark besetzten Teams freizulegen, was ihn schon bald in ernste Schwierigkeiten bringen könnte. Bei seinem von Mäzenen alimentierten Arbeitgeber ist die Zündschnur in schlechten Phasen besonders kurz.

Für die Münchner indes geht es schon am Sonntag mit der Bundesliga-Partie bei der BG Göttingen weiter, das dritte Spiel innerhalb einer Woche - für die Niedersachsen das zweite im Monat November. Keine leichte Aufgabe, auch nicht für ein Euroleague-Team wie München, das vom kontinentalen Spektakel ins Alltagsgeschäft switchen muss. Wie schwer das ist, hat auch Darrun Hilliard schon erfahren, der trotz seiner starken Leistung gegen Athen nicht von sich sprechen will: "Wir wachsen als Team immer mehr zusammen und bilden eine Konstanz, Charakter, Kameradschaft und Chemie."

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