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Euroleague:Bayern siegt nach großem Kampf

Gegen Istanbul misslingt den Basketballern des FC Bayern das erste Viertel vollkommen. Doch dank der gestärkten Defensive kämpfen sich die Münchner eindrucksvoll zurück.

Von Ralf Tögel

Die Basketballer des FC Bayern haben ihren zweiten Coup auf ihrer Euroleague-Charterreise gelandet: Nach dem überraschenden 85:82-Triumph beim israelischen Serienmeister Maccabi Tel Aviv haben die Münchner auch den Final-Four-Kandidaten Fenerbahce Istanbul mit 75:71 Punkten in dessen Halle düpiert und damit die beiden Auswärtserfolge in Berlin vor Wochenfrist und am Mittwoch in Israel eindrucksvoll bestätigt. Es ist zwar nach vier Spieltagen in der europäischen Königsklasse noch ein bisschen früh für belastbare Prognosen. Aber mit 3:1 Siegen stehen die Münchner nun als Tabellenvierter in der Euroleague-Spitzengruppe und haben den schwachen Eindruck aus der Vorsaison, als der FCB zum Zeitpunkt des Corona-bedingten Abbruchs Vorletzter war, schneller als erhofft revidiert. Zudem ist schon früh in der Saison, die am Sonntag in der ersten Pokalrunde in Weißenfels mit der Partie gegen Bayreuth fortgesetzt wird, die Handschrift des neuen Trainers Andrea Trinchieri zu erkennen: Die Bayern erkämpften sich erneut mit großem Einsatz einen Erfolg und zeigten phasenweise ein sehenswertes Kombinationsspiel.

Danilo Barthel hatte vor dem Spiel in Istanbul verraten, dass er sich besonders darauf freue, mit seinen Kumpels Vladimir Lucic und Paul Zipser ein bisschen zu quatschen. Die beiden waren ihm in seiner Münchner Zeit offenbar besonders ans Herz gewachsen. Mittlerweile spielt der 28-jährige Nationalspieler bekanntlich für Fenerbahce, der Traditionsklub hatte den Kapitän des FC Bayern mit einem lukrativen Angebot zum Wechsel bewegt. Nun also stand das Wiedersehen auf sportlicher Ebene an, der vierte Spieltag sah das Gastspiel des runderneuerten Münchner Teams beim runderneuerten Gastgeber aus der 15,5-Millionen-Metropole vom Bosporus vor, beides Ausdruck einer im Basketball üblichen hohen Spielerfluktuation.

Die Ziele des FC Bayern sind bescheidener als jene von Fenerbahce

Welche Ansprüche der 13-malige türkische Meister hat, wurde auch Barthel schnell klar: "Von den Strukturen, Trainingsmöglichkeiten und der Organisation steht Bayern nicht schlechter da. Aber sportlich merkst du einfach, dass alles eine Nummer größer ist. Du bist in einem Klub, in dem die Erfolge Wirkung gezeigt haben. Und du spielst mit großen Spielern." Seit den vergangenen sechs Spielzeiten steht der Klub immer in der Euroleague-Endrunde der besten vier Teams des Kontinents, 2017 gewann Fenerbahce den Titel. Die Ziele der Bayern sind bescheidener: "Wir sind nach der letzten Saison ein bisschen geerdet. Irgendwann wollen wir in die Euroleague-Playoffs, aber das ist in dieser Spielzeit nicht realistisch. Wir wollen aber schon zeigen, dass wir kein Kanonenfutter sind", hatte Geschäftsführer Marko Pesic mitgeteilt. Das ist seinem Team bis dato recht passabel gelungen.

Dabei wirkte es zunächst, als hätten die Bayern ihre Energie im Charter-Flieger gelassen, den sie eigens für ihre umfangreiche Auswärtstour geordert hatten. Zwar hatte auch Fenerbahce eine anstrengende Partie am Mittwochabend zu absolvieren - die gegen ZSKA Moskau auch noch unglücklich mit 77:78 nach Verlängerung verloren ging - aber doch den Vorteil auf seiner Seite, dass beide Spiele in der heimischen Ulker Sports and Event Hall stattfanden. Die Spieler konnten sich also zu Hause erholen. Was der Mitfavorit auf den Titel zunächst zu nutzen wusste: Immer wieder tauchte der baumlange Center Jan Vesely frei unter dem Korb auf.

Der tschechische Nationalspieler war mit 25 Punkten auch Topscorer des Abends. Zumeist wurde er von Spielmacher Nando De Colo in Szene gesetzt (18 Punkte), womit die beiden Hauptverantwortlichen für das fürchterliche 9:28-Startviertel der Bayern genannt sind. Die Münchner wirkten abwesend, nichts zu sehen von der bissigen Abwehr, die zwei Tage vorher Tel Aviv den Zahn gezogen hatte. "Ich hätte nicht geglaubt, dass wir so schlecht spielen können", beschrieb Trinchieri das erste Viertel aus seiner Sicht, "das war beschämend." Zwar steigerten sich die Münchner und konnten das zweite Viertel ausgeglichen gestalten, aber sie schleppten immer noch einen Malus von minus 20 Punkten (20:45) in die Kabine.

Erneut hat sich gezeigt, wie gut die Münchner gescoutet haben

"Dem Trainer zuhören, das tun, was er sagt und auf dem Feld zusammenstehen", so beschrieb Jalen Reynolds die Absprache in der Pause. Und er war derjenige, der den Vorgaben von Trinchieri besonders gut gelauscht hatte. Der Center brachte viel Energie aufs Feld, erzielte insgesamt 17 Punkte und setzte zu Beginn der zweiten Halbzeit wichtige Impulse. Die freilich ansteckend auf die Kollegen wirkten: Plötzlich packte die Defense zu, plötzlich fielen die Würfe. Und je besser die Bayern ins Spiel kamen, desto nervöser wurde der favorisierte Gastgeber. "Wir haben unsere DNA gefunden", sagte Trincheri, "die ist Defense, Defense, Defense." Erneut bot Vladimir Lucic eine herausragende Leistung, er war in den kniffligen Momenten zur Stelle und mit 18 Punkten bester Schütze. Vor dem Schlussabschnitt hatten die Bayern den Rückstand auf zehn Punkte (48:58) verkürzt.

Beim Gegner schwand die Energie. Dabei zeigte sich erneut, wie gut die Münchner gescoutet haben, wie breit der Kader aufgestellt ist. Dieses Mal war es neben Wade Baldwin, der den Gegenspielern immer wieder mit seinen schnellen Händen Bälle klaute, Guard-Kollege Zan Sisko, der zu großer Form auflief. Nicht nur wegen seiner elf Punkte war er auffällig. Sisko gab die meisten Vorlagen und traf drei von vier Dreierversuchen. Neben Lucic, Reynolds und Sisko traf noch Kapitän Nihad Djedovic (10) zweistellig.

Viel Zeit, diesen "süßen Sieg" beim Titelmitfavoriten zu genießen bleibt nicht, denn schon am Samstag hat der Charterflieger den Bayern-Tross nach Leipzig gebracht, von wo aus es nach Weißenfels geht. Dort spielen die Münchner am Sonntag in ihrer Pokalgruppe gegen Bayreuth, das Corona-Format sieht vier Vierergruppen vor, der jeweils Erste qualifiziert sich für das Finalturnier, das im Münchner Audi Dome stattfinden wird. Also ging es zurück in den Bus, ins Hotel und tags darauf in den Flieger. Danilo Barthel hatte nach dem Spiel sowieso keine große Lust, mit den ehemaligen Kollegen zu plaudern.

© SZ vom 18.10.2020/dsz

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