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Fußball-WM im E-Sport:League of Legends sei viel anspruchsvoller, sagen Kritiker

So weit will Tim Reichert, Chief Gaming Officer bei Schalke 04, nicht gehen. Sein Verein nimmt in der E-Sport-Szene eine besondere Position ein. Schalke gilt als der Bundesligist, der sich am intensivsten mit dem Thema befasst - und anders als viele Liga-Konkurrenten beschränkt er sich nicht auf Fifa, sondern ist auch bei E-Sport-Titeln wie League of Legends dabei.

"Das Fifa-Ökosystem in seiner jetzigen Form bedarf einer grundlegenden Überarbeitung. Es gibt zu viele Wettbewerbe, so dass für die Fans nicht immer nachzuvollziehen ist, wie die Leistung eines Spielers einzuordnen ist. Ein Titel verliert seinen Reiz, wenn er durch zu viele Events verwässert", sagt Reichert.

Grundsätzlich sei der Ansatz ja richtig, erfolgreiche Modelle aus dem traditionellen Sport mitzunehmen. "Allerdings lässt sich nicht alles einfach eins zu eins übersetzen", sagt Reichert, "teilweise sind die Unterschiede dann doch zu groß."

Erst zwei Eins-gegen-eins-Duelle, dann ein Doppel

In London führt dieser Spagat zu einer zunächst seltsam erscheinenden Konstellation. Obwohl es als Nationalmannschaftsturnier vermarktet wird, spielen Bittner (Gamer-Name: "MegaBit") und Harkous ("MoAuba") nicht etwa mit dem virtuellen Abbild der aktuellen DFB-Auswahl. Sondern es gilt der bei Fifa19-Turnieren in der Regel gewählte Ultimate-Modus, in dem die Teilnehmer nach Herzenslust Spieler aus aller Welt in ihr virtuelles Team nehmen können, von Ronaldo bis Messi.

Hintergrund ist, dass sich die Stärke jedes Spielers im Konsolenspiel an der Stärke des realen Spielers orientiert. Der Gamer, der etwa für Saudi-Arabien bei der WM in London antritt, hätte also mit dem virtuellen saudischen Kader gegen den virtuellen deutschen sehr reduzierte Chancen. Von daher gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ein Modus, in dem alle Spieler aller Mannschaften dasselbe Level haben und dafür ihrer spielerischen Besonderheiten beraubt werden; das heißt im Fachjargon "85er-Modus" und wurde etwa im Klub-Wettbewerb der virtuellen Bundesliga so gehandhabt.

Oder es bleibt der Ultimate-Modus. Trainer Saltzer macht keinen Hehl daraus, dass Ultimate für die Spieler die angenehmere, gewohntere Variante ist. Die Fifa sagt auf Anfrage nichts dazu. Der DFB teilt mit: "Natürlich wäre es eine schöne Verbindung, wenn sich die Kader im virtuellen Fußball analog zum realen Fußball widerspiegeln würden. Aus Verbandssicht wäre es wünschenswert, wenn dies in Zukunft machbar wäre. Allerdings ginge das aus verschiedenen Perspektiven an der aktuellen Realität des tatsächlich stattfindenden eFootball vorbei." Der Ultimate-Modus ermögliche ein attraktiveres, kompetitiveres Spiel.

Die große Frage ist, ob das Bemühen der großen Verbände beim Zuschauer und im E-Sport-Markt verfängt. E-Sport-Kenner sehen große Unterschiede zwischen Fifa und Spielen wie League of Legends. Letztere sind für sie viel anspruchsvoller, versuchen jegliche Zufallskomponenten zu eliminieren und bieten mehr Abwechslung. Und interessanterweise enthalten diese Spiele auch mehr Team- und Taktikelemente als der Fußball-Simulator, der in der Regel ein Einzel-Wettbewerb ist. In London etwa gibt es jeweils ein Eins-gegen-eins-Duell an der Xbox und an der Playstation, dann ein Doppel an einer Konsole.

"Ein bedeutender Unterschied zwischen Fifa und League of Legends ist, dass eine Begegnung in Fifa zu schauen nicht dieselbe Faszination mit sich bringt wie ein League of Legends-Spiel", sagt Tim Reichert: "Fifa ist ein Spieler-Sport, aber nicht unbedingt ein Zuschauer-Sport."

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