Süddeutsche Zeitung

Erwerb neuer Spieler in der NFL:Amerikas größte Zirkusmanege

Lesezeit: 4 min

In der Footballliga NFL suchen sich die Vereine die Nachwuchsspieler für die kommende Saison aus. Die besten sind bereits vergeben, die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf Verteidiger Michael Sam. Er wäre der erste homosexuelle NFL-Spieler. Doch gibt es einen Verein, der ihn aufnimmt?

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Im Jahr 1967, da war die Auswahl talentierter Nachwuchsspieler durch die Profivereine der nordamerikanischen Footballliga NFL eine recht entspannte Angelegenheit. NFL-Chef Pete Rozelle stand mit einem Stück Kreide vor ein paar Schultafeln; als die Baltimore Colts den Verteidiger Bubba Smith wählten, notierte Rozelle seinen Namen in Großbuchstaben - dann waren die Minnesota Vikings dran. Smith dürfte in Deutschland weniger aufgrund seiner Leistungen als Footballspieler als vielmehr wegen seiner Rollen als Moses Hightower in der Klamauk-Reihe "Police Academy" bekannt sein.

Das führt direkt zum Erwerb neuer Nachwuchsspieler aus den Teams der Colleges und Universitäten in diesem Jahr, dem sogenannten Draft, der am Donnerstagabend in der Radio City Music Hall in New York begonnen hat. Es ist ein gewaltiges Spektakel, eine Mischung aus dramatischer Aufführung, peinlicher Hundeschau und überdimensionalem Wettbüro. Die Teams, die in der vergangenen Saison am schlechtesten abschnitten, dürfen zuerst wählen, der Super-Bowl-Sieger als letztes. Pro Runde darf sich jeder Verein einen Spieler aussuchen, dann geht es in die nächste. Seit Wochen werden die Spieler von Vereinen und Experten gewogen, gemessen und bewertet, nach jedem öffentlichen Training wird die mögliche Reihenfolge geändert, nach jeder Aussage eines Akteurs ein neues Psychogramm erstellt.

Freilich ist der Draft sportlich höchst interessant, weil sich Vereine durch kluge Entscheidungen immens verbessern können - und das nicht nur in der ersten, sondern auch in späteren Runden. Die Seattle Seahawks etwa tauschten im Jahr 2010 zwei Draft Picks gegen den Running Back Marshawn Lynch von den Buffalo Bills. Ein Jahr später wählten sie in der fünften Runde den Defensivspieler Richard Sherman, 2012 fügten sie in der dritten Runde den Spielmacher Russell Wilson hinzu. Die drei Akteure waren die prägenden Figuren beim Gewinn der Meisterschaft in der vergangenen Saison.

Nun also werden die Sportler bis Samstag auf einer gewaltigen Bühne vorgeführt, wenn die Klubs ihre Auswahl verkünden. Mehr als 1000 Journalisten sind akkreditiert, es gibt deshalb mehr als 1000 Vorhersagen: Welcher Verein schnappt sich wen? Wo bietet sich sogleich ein lohnendes Tauschgeschäft an? Wer könnte sich gewaltig verzocken? Die 30 vielversprechendsten Athleten werden in der First Class eingeflogen, sie residieren in einer Suite in einem Fünf-Sterne-Hotel und bekommen zahlreiche Geschenke von Sponsoren - ein kleiner Ausblick auf das Leben, das sie künftig womöglich führen werden.

Wer den Wahnsinn verstehen will, dem sei der Film Draft Day mit Kevin Costner empfohlen, der gerade in den USA in die Kinos gekommen ist, in Deutschland jedoch noch keinen Starttermin hat.

Die Experten waren sich einig, dass die Houston Texans - sie haben als Verein mit der schlechtesten Bilanz der Vorsaison die erste Wahl - den Verteidiger Jadeveon Clowney von der University of South Carolina verpflichten werden. So kam es auch.

Die St. Louis Rams entschieden sich danach für den Offensive Lineman Greg Robinson von der Auburn University. Die Jacksonville Jaguars erwärmten sich überraschend für den Spielmacher Blake Bortles - und nicht für den hoch gehandelten Johnny Manziel. Der spektakulär spielende Manziel wurde erst an Position 22 von den Cleveland Browns genommen

Die spektakulärsten Entscheidungen sind gefällt, nun wird es interessant, weil die NFL-Klubs eine gesellschaftlich relevante Entscheidung zu treffen haben. Der Verteidiger Michael Sam hatte am 9. Februar seine Homosexualität öffentlich gemacht, bei einer Verpflichtung durch einen Profiverein wäre er der erste offen homosexuelle Sportler in der Geschichte der NFL. Am Donnerstagabend entschied sich noch kein Verein für ihn, es war bereits vorausgesagt worden, dass er erst in einer der letzten Runden gewählt werden dürfte. Wenn überhaupt.

"NFL in einer heiklen Situation"

In den vergangenen Wochen wurde heftig darüber debattiert, ob diese Gladiatoren-Liga mit ihrer Macho-Mentalität dafür bereit ist - der Manager eines Vereins sagte unter Zusicherung der Anonymität: "In zehn Jahren vielleicht. Derzeit jedoch sorgt ein offen homosexueller Spieler für Unruhe in der Umkleidekabine, das kann kein Verein gebrauchen. Ich glaube nicht, dass Sam gewählt wird und einen Profivertrag erhält."

Vor der Bekanntgabe im Februar war Sam als Dritt-Runden-Auswahl gehandelt worden, mittlerweile ist er - auch aufgrund schwacher Leistungen bei den öffentlichen Übungseinheiten - deutlich nach hinten gerutscht. Brancheninsider rechnen gar damit, dass er gar nicht gewählt wird und sich während der Saisonvorbereitung als vertragsloser Spieler zu beweisen hat.

Wade Davis, der erst nach seiner aktiven Karriere seine Homosexualität thematisierte, sagt: "Die NFL befindet sich in einer heiklen Situation: Wird Michael Sam in der zweiten oder dritten Runde ausgewählt, dann wird es heißen, dass die Liga ein Team dazu gezwungen hat. Wird er später oder gar nicht selektiert, dann wird es mit seiner Homosexualität begründet werden."

Sam selbst hat mittlerweile verkündet, dass er sich nicht als Pionier sehe und auch keine zusätzliche Aufmerksamkeit wolle: "Ich wünschte, die Menschen würden mich einfach als Footballspieler betrachten - anstatt immer den Zusatz 'schwuler' zu verwenden." Dennoch ist der Rummel um Sam immens: Der Sender ESPN hat ein Porträt vorbereitet für den Fall, dass Sam am Freitag oder Samstag gewählt wird.

Er selbst ist nicht nach New York gekommen, er wird sich die Auswahl in seinem Haus im kalifornischen San Diego ansehen. Gemeinsam mit Familienmitgliedern, Freunden und Spielervermittlern - und natürlich einem Kamerateam des Senders, das Live-Bilder nach New York schicken kann.

Am Donnerstagabend begann der Zirkus, er wird bis zum Samstag dauern. Ein Spieler übrigens hat keine Lust mehr auf das ganze Spektakel, auf die Gladiatorenkämpfe im Stadion, bei denen - das verdeutlichen immer mehr Studien - die Gehirne der Athleten immens geschädigt werden. Der Running Back Rashard Mendenhall erklärte im Alter von 26 Jahren seinen Rücktritt.

"Ich werde meine Gesundheit nicht mehr zu Unterhaltungszwecken gefährden", sagte Mendenhall, der im Jahr 2008 mit den Pittsburgh Steelers die Meisterschaft gewonnen hatte: "Ich habe Spaß gehabt, einen Haufen Geld verdient und coole Menschen kennen gelernt. Ich will einfach nicht mehr spielen - ich will um die Welt reisen und Schriftsteller sein." Er könnte mit einem Buch über den Draft beginnen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1955808
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/jbe/sonn/holz
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.