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Erste Meisterschaft des FC Bayern:Die Rothosen

1932 gewann der FC Bayern die erste von inzwischen 25 deutschen Meisterschaften. Der Klub und sein jüdischer Präsident Kurt Landauer wurden dafür von den Nazis geächtet und verfolgt.

Von Ludger Schulze

Mittags gegen zwei Uhr wurde er an seinem Arbeitsplatz im Wäschehaus Rosa Klauber, Theatinerstraße 35, von der Gestapo verhaftet. Von München brachte man ihn zusammen mit Hunderten anderen Häftlingen auf Lastwagen nach Dachau, dort trieb man sie durch das eiserne Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" hinein in das Konzentrationslager. In der eisigen Kälte mussten sie stillstehen, Stunde um Stunde um Stunde; wer nur einen Finger krümmte, bekam Schläge auf den Kopf, die Schultern, den Rücken. Später führte man sie in die Baracken, wo SS-Leute ihnen den Schädel kahl schoren. Man drückte ihnen ein Schild mit dem Namen in die Hand, machte ein Foto und schrieb die Daten auf. Kurt Landauer bekam die Häftlingsnummer 20009. Alle mussten ihre persönliche Habe abgeben und die Kleidung ablegen. "Ausziehen, Judensau!", brüllten die Wachen. Nackt drängte man sie unter die Dusche, wo sie mit groben Besen malträtiert wurden, und nun sahen sie, dass die Körper der anderen von blutigen Striemen übersät waren. Die SS-Männer machten sich einen viehischen Spaß daraus, abwechselnd den Hahn mit dem kochend heißen und dann den mit dem eiskalten Wasser aufzudrehen. Schließlich drückte man ihnen die blau-weiß gestreifte Anstaltskleidung in die Hand, die wie ein Schlafanzug aussah und hauchdünn war.

Es war der 10. November 1938, der Tag nach der Reichspogromnacht, in der der Judenhass der Nazis in reinen Terror, in blanke Gewalt umschlug. Im ganzen Reichsgebiet wurden jüdische Geschäfte, Synagogen, Friedhöfe und Wohnungen zerstört, etwa 400 Menschen kamen durch den entfesselten Mob ums Leben. Und 30 000 wurden in "Schutzhaft" genommen und in KZs zusammengepfercht. Einer von ihnen war Kurt Landauer, damals 54 Jahre alt. Sein Verbrechen: Er war Jude. Für den ehemaligen Präsidenten des FC Bayern München begann ein Kampf ums Überleben, ein Albtraum aus Folter, Prügeln, Schikanen und Demütigungen.

"Und als das zweite Tor schoß unser Krumm // da fasst die Massen das Delirium."

Ein paar Jahre vorher hatte halb München diesen Kurt Landauer wie einen Volkshelden gefeiert. Gemeinsam mit der Mannschaft des FC Bayern war er am Nachmittag des 13. Juni 1932 mit dem Zug aus Nürnberg am Hauptbahnhof eingetroffen und in Pferdekutschen zum Marienplatz gefahren worden. Es war der erste Korso, der des Fußballs wegen in München stattfand. Rund hunderttausend Menschen bejubelten die Meisterfußballer und ihren Präsidenten, unter ihnen wohl der eine oder andere, der später zu Landauers Peinigern im KZ Dachau gehört haben könnte. "Der Einzug in München war", notierte die Chronik des FC Bayern zum 50. Vereinsgeburtstag im Jahr 1950, "ein triumphaler. (. . .) In einer Kette von mit Schimmeln bespannten Landauern" - in diesem Fall ist die Viersitz-Kutsche dieses Namens gemeint - "zogen wir vom Südbau des Hauptbahnhofs über den Stachus durch die Neuhauser und Kaufingerstraße in die Münchner Stadt ein. Große Gruppen von Aktiven und Jugendlichen, alle im schmucken rot-weißen Bayerndreß, eröffneten und schlossen den Zug. (. . .) Die Heil- und Hochrufe und das Fähnchenschwenken wollten kein Ende nehmen. München begrüßte seinen ersten und bisher einzigen Deutschen Fußballmeister, seine 'Bayern', in stürmischer Sportbegeisterung."

Nach dem Empfang vor dem Rathaus zog die ausgelassene Prozession weiter in den Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz. Dort wurden Lieder gesungen und Lobreden gehalten, beispielsweise vom Mundartdichter Michl Ehbauer ("Helden des Rasens - rasende Helden!") oder vom Gstanzl-Sänger Weiß Ferdl, dem Autor der bekannten Straßenbahn-Hymne "Ein Wagen von der Linie acht". Weiß Ferdl bedachte die Sieger-Bayern mit einem speziellen Gedicht und folgendem Vers: "Und als das zweite Tor schoß unser Krumm // da fasst die Massen das Delirium."

Als früher Hitler-Sympathisant war der Volkssänger schon Anfang der Zwanzigerjahre bei Unterhaltungsabenden der Braunhemden aufgetreten, er galt als Repräsentant der bedrohlich anwachsenden Gruppe revanchistisch-völkischer Rechter in der Stadt und verbreitete in seinen Spottgesängen übelste antisemitische Vorurteile. Ausgerechnet ein Judenhasser also war Stargast der Feier im Löwenbräu, die nicht nur den Fußballern galt, sondern auch den jüdischen Vereinsfunktionären. An diesem bierseligen Abend aber wusste niemand, wie jäh das Leben in Deutschland schon bald erstarren sollte. Kurt Landauer war kein sonderlich politischer Mensch, und so hat er sich wohl kaum vorstellen können, wie kurz die Machtergreifung der Nazis bevorstand, welche Albträume er selbst durchleiden sollte.

Und schon gar nicht wird er geahnt haben, was einem Verwandten, Michael Siegel, nur ein Dreivierteljahr später widerfahren sollte. Der Rechtsanwalt hatte am 10. März 1933 zugunsten eines ebenfalls jüdischen Mandanten im Polizeipräsidium an der Ettstraße vorgesprochen. Doch die SS-Leute ließen ihn nicht zu Wort kommen, sie verprügelten ihn, schlugen ihm Vorderzähne aus, schnitten die Hosenbeine ab und hängten ihm ein Pappschild um den Hals. Darauf stand: "Ich bin Jude, und werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren." Dann trieben ihn die Nazi- Polizisten, deren Chef der Polizeipräsident Heinrich Himmler war, von der Ettstraße zum Hauptbahnhof, also ziemlich genau jenen Weg, den auch die Bayern und ihr Vorsitzender im Juni '32 im Triumph zurückgelegt hatten, nur in umgekehrter Richtung. Zwölf Tage später trat Kurt Landauer als Bayern-Präsident zurück.

Die erste Meisterschaft der Rothosen, wie man damals sagte, war sein Werk. 1919, nachdem er als Leutnant aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt war, wurde Kurt Landauer erneut zum Vorsitzenden des FC Bayern gewählt, so wie vor dem Krieg schon einmal. Landauer, Sohn des "Königlich Bayerischen Hoflieferanten" Otto Landauer, der in der Kaufinger Straße 26 ein angesehenes Geschäft für Damenoberbekleidung unterhielt, galt als prinzipientreuer und gleichzeitig pragmatischer Mann, aus Überzeugung liberal und zutiefst konservativ, ein jovialer Lebemann, der eine Maß nicht verschmähte, stets elegant gekleidet und sehr charmant den Damen gegenüber war. Bis 1933 arbeitete er als Anzeigenleiter bei den Münchner Neuesten Nachrichten, dem Vorgänger der Süddeutschen Zeitung.

Seine Leidenschaft, sein Herz gehörten dem FC Bayern. Landauer war ein tatkräftiger Mensch mit konkreten Vorstellungen, was den Fußball betraf - ein visionärer Manager wie ein halbes Jahrhundert später Uli Hoeneß. Gegen die verknöcherten Chauvinisten im Deutschen Fußball-Bund kämpfte er einen aufreibenden Kampf. Damals, in den Zwanzigerjahren, bekamen die DFB-Funktionäre kollektiv Hautausschlag, wenn nur das Wort "Profifußball" fiel. 1925 schränkte man den Spielverkehr mit ausländischen Teams drastisch ein, "um unerwünschte Elemente fernzuhalten", Ausländerfeindlichkeit wurde in den Statuten des Verbandes verankert. Auch versuchte man, Spieler aus dem Ausland daran zu hindern, sich deutschen Vereinen anzuschließen. Landauer war diese kleingeistige Haltung zuwider, seine Bayern maßen sich so oft es ging mit Teams aus ganz Europa.

500 erwerbslose Bayern-Fans fuhren die 170 Kilometer bis nach Nürnberg mit dem Rad

Auch plädierte er, obwohl als konservativer Kaufmann vorsichtig im Umgang mit dem Vereinsvermögen, für eine anständige Bezahlung der Spieler - nur so, wusste er, konnte man mit den Spitzenklubs 1. FC Nürnberg, Spielvereinigung Fürth, Hamburger SV, Hertha BSC Berlin und auch dem Lokalrivalen 1860 München mithalten. Landauer verkörperte die Werte des FC Bayern wie kein anderer: Weltoffenheit, Internationalität, Toleranz und eine gewisse Noblesse waren Bestandteile einer ungeschriebenen Vereinssatzung. Von der Vereinsgründung im Jahr 1900 an hatte sich der Klub stets mit Ausländern verstärkt, und, ja, sogar Preußen waren willkommen. Ein Niederländer wurde bereits 1903 Präsident, Willem Hesselink; den englischen Trainer William Townley engagierte Landauer gleich zweimal.

1926 schien sein großer Traum vom ersten Titel nach etlichen Anläufen endlich wahr zu werden. Mit brillantem Kombinationsfußball und dem sagenhaften Torverhältnis von 56:17 in den zehn Spielen der süddeutschen Meisterschaft stürmten Landauers Bayern 1926 in die Endrunde zur deutschen Meisterschaft. Allein vier Akteure, Emil Kutterer, Ernst Nagelschmitz, Ludwig Hofmann und Torjäger Josef "Pötschge" Pöttinger, der in dieser Saison in allen Spielen zusammengerechnet 57 Treffer erzielt hatte, bildeten bei einem 4:2 gegen die Niederlande einen Bayern-Block in der Nationalmannschaft, die Münchner waren die Nummer eins im deutschen Fußball. Doch dann kam die jähe Ernüchterung, der Favorit schied schon im ersten Endrundenspiel krachend gegen einen krassen Außenseiter aus, 0:2 gegen einen Klub aus Leipzig namens Fortuna. Von da an hatten die Münchner ihren Ruf als launische Diva weg.

Landauer führte die Pleite zu der Erkenntnis, dass mit der ewigen Schönspielerei seiner Elf nichts zu gewinnen war. Sie musste zielstrebiger, kraftvoller, taktisch variabler werden. Ein neuer, innovativer Trainer sollte frischen Wind bringen. Er verpflichtete einen 42 Jahre alten Österreicher, der als Trainer in halb Europa gearbeitet hatte, zuletzt beim FC Barcelona, bei 1860 und dem VfR Mannheim: Richard Kohn, wegen seiner geringen Körpergröße auch "Little" genannt. Während eines Engagements in Ungarn hatte Kohn seinen Namen geändert, er hieß nun Dombi, "kleine Exzellenz". Der gebürtige Wiener bevorzugte eine Mischung aus dem feinen Techniker-Fußball der österreichisch-ungarischen Schule und dem schottischen Flachpass. Dombi übernahm beim FC Bayern Aufgaben, die über seine Pflicht hinausgingen: "Er war Trainer, Fitmaker, Masseur, Geschäftsführer und Organisator in einer Person", heißt es in der Vereinschronik. Und Dombi war, wie Landauer, Jude.

Richard Dombi übernahm eine intakte Mannschaft junger Spieler, die zum größeren Teil aus der eigenen Jugend stammten. Das Durchschnittsalter betrug 23 Jahre. Die Bayern waren für ihre erstklassige Nachwuchsarbeit bekannt. Großen Anteil daran hatte der Nachwuchsleiter Otto Beer. Auch er war Jude.

Richard Dombi, "ein Würdiger bei Würdigen" wie die Bayern-Annalen rühmen, war seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus, er verfügte über profunde medizinische Kenntnisse und kannte sich in der Psychologie aus. Unter ihm laufen die Bayern zu Hochform auf, ungefährdet gewinnen sie 1932 ihre Spiele in der Endrunde um die nationale Meisterschaft. 4:2 im Achtelfinale gegen Minerva 93 Berlin, 3:2 gegen den PSV Chemnitz und schließlich im Halbfinale 2:0 gegen den alten Rivalen, Rekordmeister 1. FC Nürnberg. Als Endspielgegner qualifiziert sich Eintracht Frankfurt, Endspielort ist Nürnberg.

In diesen frühen Jahren ist der Fußball noch weitgehend unerforschtes Terrain, selbst Spitzenteams trainieren selten mehr als zweimal in der Woche. Dombi geht das Endspiel mit bis dahin nicht gekannter Professionalität an. Selbst die Wahl des Hotels macht er zur strikten Geheimsache und bekommt Ärger mit Präsident Landauer, der nicht eingeweiht ist. Bei der Anreise verlässt die Bayern-Delegation den Zug heimlich schon vor dem eigentlichen Ziel, in Taxis geht die Reise weiter, eventuelle Verfolger werden abgeschüttelt. Statt ein fränkisches Landhotel zu beziehen, mietet sich der ganze Tross im Württemberger Hof ein, in der Nürnberger Innenstadt, direkt gegenüber dem Hauptbahnhof. Erstaunlicherweise finden die Bayern hier eine Oase der Ruhe vor. "Ohne Interviews, Reportagen, Besuche", wie der Chronist triumphierend berichtete, denn diese Dinge "können aber bei einer sensiblen Mannschaft sich psychologisch nachteilig auswirken". Auch Landauer bekommt schließlich ein Zimmer, aber erst als er mit Rücktritt droht. Wie die Spieler muss sich auch der Präsident dem minutiösen Diktat des Trainers unterwerfen und wie alle anderen auch die Schleimsuppe schlürfen. Erst zwei Stunden vor Spielbeginn beendet Landauer das Versteckspiel und lässt die Münchner Stadtfahne vor dem Hotel aufziehen. Die Spieler winken von ihren Fenstern herab und werden mit Sprechchören angefeuert.

Unter den Anhängern sind viele Radfahrer. Der Fußball mobilisierte schon damals die Massen, die meisten reisten in Sonderzügen, Privatautos, Bussen und mit Motorrädern an. Viele aber konnten sich das nicht leisten, die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 hatten sie in Arbeitslosigkeit und Armut getrieben. Ihnen stellte der FC Bayern gratis Eintrittskarten zur Verfügung sowie eine kostenlose Unterkunft in Weißenburg. Rund 500 erwerbslose Bayern-Fans schwangen sich in den Sattel und strampelten die 170 Kilometer nach Nürnberg in der sommerlichen Hitze mit dem Rad herunter, Gangschaltungen waren noch unbekannt. Wie das aussah, kann man sich heute noch anschauen. Eine Installation in der "Erlebniswelt", dem Museum des Vereins in seiner Arena, stellt die Szenerie mit alten Rädern nach. Auch nach dem Endspiel vergaß der FC Bayern seine treuesten Anhänger nicht. An einer Verpflegungsstelle auf halbem Weg erhielt jeder durstige Münchner Radler eine schäumende Siegesmaß.

Die Eintrittskarten kosten zwischen 50 Pfennig - Stehplatz für Arbeitslose - und vier Mark für den Tribünenplatz. Am Ende hatten 55 000 Zuschauer die beachtliche Summe von etwa 60 000 Mark eingespielt. Die Bayern wähnen sich im Vorteil, weil der Lederball - Fußballer sind abergläubisch - angeblich aus der Haut einer oberbayerischen Kuh, Simmenthaler Zucht, gefertigt ist. Außerdem stehen gleich acht Nationalspieler in ihren Reihen: Haringer, Heidkamp, Goldbrunner, Nagelschmitz, Bergmaier, Krumm, Rohr und Welker. Unter ihnen sind starke Typen wie der technisch beschlagene Verteidiger Sigi Haringer, der sich später mit den Nazis anlegen sollte. Der athletische, kopfballstarke Mittelläufer Ludwig "Lutte" Goldbrunner, der bei den Weltmeisterschaften 1934 und '38 sowie bei den Olympischen Spielen 1936 im Nationalteam spielte. Oder der zweikampfstarke Kapitän Konrad "Conny" Heidkamp, den man wegen seiner Schussstärke den "Grenadier" nannte. Auch wegen dieser Asse haben die Münchner, obwohl das Endspiel eine ziemlich ausgeglichene Angelegenheit ist, letztlich die etwas klarere Spielanlage. Torchancen gab es wenige, aber die Münchner nutzen ihre. In einem zeitgenössischen Spielbericht heißt es:

34. Minute: "Aus dem Hinterhalt wird ein Schuß aufs nur von Stubb bewachte Tor geknallt. In letzter Verzweiflung versperrt der internationale Verteidiger der Frankfurter mit seinen Fäusten dem Ball den Weg ins Tor." Den folgenden Elfmeter verwandelt Mittelstürmer Oskar "Ossi" Rohr zum 1:0, auf Fotos sieht man, wie eine Wolke aus Kalk vom Elfmeterpunkt aufsteigt. 75. Minute: "Da dribbelt sich Krumm zurück, passiert Stubb, geht an Mantel vorbei, eine schnelle Wendung, der Münchner steht frei und schießt sofort. In der Luft, ganz nahe am Eintrachttor, dreht sich der Ball, fliegt an den Pfosten und von da hurtig ins Netz." 2:0, "endloser Beifall belohnt die schöne Leistung".

Fraglos waren die Bayern verdiente Sieger, und Landauer wähnte die Mannschaft auf dem Weg, eine Ära mit Titeln über Titeln zu begründen, wie es der 1. FC Nürnberg oder die SpVgg Fürth vorgemacht haben. Doch 233 Tage später übernimmt Hitler die Macht. Die Nazis piesacken den "Judenclub", wie der FC Bayern nun genannt wird, wo es nur geht. Während sich fast alle anderen Vereine, etwa der Ortsrivale TSV 1860, den neuen Herren mit Hurra in die Arme werfen, leisten die Bayern passiven, stummen Widerstand. Heimlich halten sie Kontakt zu Landauer, und erst 1943 wurde ein den Nazis genehmer Kandidat zum Vereinspräsidenten gewählt.

Diese aufrechte Haltung und erst recht die jüdische Vergangenheit musste der Klub büßen. Unterstützung durch die Behörden blieb aus, Schiedsrichter benachteiligten alle Bayern-Teams, die Zahl an Mitgliedern und Zuschauern sank drastisch. Spieler aus nazitreuen Vereinen wurden während des Krieges schon mal daheim beim Arbeitsdienst geschont, die Bayern landeten meist automatisch an der Front. In der sportlichen Rangliste fiel der Meister von 1932 auf Platz 81 im Großdeutschen Reich zurück.

Meistertrainer Richard Dombi verlässt Deutschland kurz nach der Machtergreifung. Seine größten Erfolge feiert er danach mit der zweimaligen niederländischen Meisterschaft bei Feyenoord Rotterdam. Dort preist man ihn mit den Worten: "Vom Himmel gesandt wurde uns der größte Trainer, der jemals in den Niederlanden tätig war." Dombi stirbt 1963 in Rotterdam.

Zwei Spieler der Meistermannschaft, Franz Krumm und Josef Bergmaier, sind unter den Gefallenen des Russland-Feldzugs. Torschütze Ossi Rohr wird Profi in Frankreich. Nach dem Einmarsch stecken ihn die Nazis wegen angeblicher "kommunistischer Umtriebe" ins KZ, anschließend jagen sie ihn an die Ostfront. Rohr überlebt mit viel Glück. Otto Beer, der Jugendleiter, wird 1941 in das KZ Kaunas deportiert und ermordet - mit ihm seine Frau und die beiden Söhne.

Vor der Ausreise in die Schweiz war "Reichsfluchtsteuer" fällig, dann war Landauer mittellos

Kurt Landauer wird am 13. Dezember 1938 aus dem KZ Dachau entlassen, fünf Wochen nach seiner Verhaftung. Er weiß, dass er in München, seiner Heimat, keine Zukunft hat. Nach langem Hin und Her erteilen ihm die Nazis eine Ausreiseerlaubnis, vorher rauben sie ihn gründlich aus. Die "Reichsfluchtsteuer" und die "Auswandererabgabe" zehren seine Habe beinahe vollends auf. Im Mai 1939 erreicht Landauer das Schweizer Exil. Dort kommt er mit der Hilfe von Freunden über die Runden, schwebt aber in ständiger Angst vor Ausweisung. Vier seiner Geschwister, Paul, Franz, Leo und Gabriele, werden in verschiedenen KZs ermordet, nur Henny überlebt, sie ist nach Palästina ausgewandert.

1947 kehrt Kurt Landauer nach München zurück, sofort wählen ihn die Bayern wieder zum Präsidenten. Zum nun vierten Mal. Von ihrem jüdischen Vorsitzenden versprechen sie sich Vorteile bei den amerikanischen Besatzern. Und Landauer gelingt es tatsächlich, den Verein halbwegs in die Normalität zurückzuführen. Bei der Hauptversammlung am 10. April 1951 im Unionsbräu in der Einsteinstraße wird dann erwartungsgemäß der komplette Vorstand im Amt bestätigt. Mit einer Ausnahme: Kurt Landauer. Mag sein, dass die Vereinsmitglieder weniger ihren Präsidenten abgewählt haben als die tägliche Konfrontation mit ihrer eigenen mörderischen Vergangenheit. Millionen Deutsche meinten damals, irgendwann müsse doch mal Schluss sein mit den alten Geschichten. Es könnte aber auch, wie ein Gerücht sagt, die Handballabteilung hinter dieser Intrige gesteckt haben, weil sie den Einfluss der Fußballer eingrenzen wollte.

Das Ende der Amtszeit des bedeutendsten Präsidenten, den der FC Bayern je hatte, beschreibt der Autor Dirk Kämper in seiner vorzüglichen Biografie Kurt Landauers: "Als das Ergebnis feststeht, erhebt sich der 66-jährige Landauer, Ehrenmitglied und Ehrenvorsitzender, in seinem 50. Mitgliedsjahr, davon 18 an der Spitze des Vereins, vom Vorstandstisch, zieht die ihm als einzigem Mitglied verliehene Brillant-Ehrennadel vom Revers, lässt sie in der Tasche verschwinden und verlässt die Versammlung."

© SZ vom 23.05.2015
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