Eröffnungsfeier der Paralympics:Atom-Schiff als Friedensbringer

Und für die Ukraine war nur der Fahnenträger da. Langsam und ernst rollte der Biathlet Michailo Tkatschenko ins Buntlicht, die blau-gelbe Fahne an seinem Rollstuhl befestigt. Die Zuschauer jubelten mehr als bei anderen Teams, als die Ukraine aufgerufen wurde. Und Tkatschenko sagte: "Ich will meinem Land sagen, dass es stark beiben soll. Dass es einfach nur stark bleiben soll."

Aber im Grunde geschah alles, wie es Putin gerne sah. Russland war schön. Auf seine Künste kann es sich verlassen. Auf seinen Tschaikowski, auf seinen Mussorgski. Auf die Tanzkunst, die nirgends mit einer solchen Tiefe und Präzision gepflegt wird wie in Russland. Die mächtige Attrappe eines Eisbrechers glitt langsam und grollend ins Stadion, die Opernsängerin Maria Gulegina stand auf dem Deck und sang ein russisches Wiegenlied.

"Mir" stand auf dem Schiff, was auf Russisch sowohl Welt als auch Frieden heißt. Mir hieß auch Russlands frühere bemannte Raumstation. Das Schiff sollte eine Anspielung auf Russlands exklusive Ingenieurskunst sein, auf den mit Kernenergie betriebenen Rekord-Eisbrecher, der in drei Jahren unter russischer Flagge die gefrorenen Wellen der arktischen See durchbrechen soll. Ein Atom-Schiff als Friedensbringer? Der Gedanke verschwand hinter der beeindruckenden Inszenierung.

Und Sir Philip Craven, der britische IPC-Präsident, hielt eine Rede, die weit an der weltpolitischen Lage vorbeizielte. Er dankte Putin, er dankte der "ganzen russischen Regierung", er mahnte das an, was ein Sportpolitiker mit Behinderung eben anmahnt: "So wie Sotschi eine barrierefreie Umwelt für Athleten und Funktionäre gebaut haben, rufe ich all jene auf, die diese Spiele erfahren, im Geiste ebenso barrierefrei zu sein." Er rief: "Willkommen zu den Spielen. Zu Spielen, bei denen der Sport der Gewinner sein muss."

Zur Krim-Krise hatte Craven vor der Feier gesagt: "Das ist etwas, dessen sich die Welt bewusst ist. Dessen sich die paralympische Bewegung bewusst ist. Und wir beobachten das. Aber wir müssen unserer Vision treu bleiben, unserem Auftrag, und der heißt: hier in Sotschi erfolgreiche Winter-Paralympics auf die Bühne zu bringen."

Produkt einer Gute-Laune-Industrie

So funktioniert der Sport als Produkt einer Gute-Laune- und Harmonie-Industrie, mit der die Putins dieser Welt ihre eigene Mission ausschmücken können. Waleri Suschkewitsch, der Präsident des Paralympischen Komitees der Ukraine, hatte vor der Feier am Freitag die Sprachlosigkeit des Sports für ein paar Augenblicke durchbrochen, als er in einer emotionalen Pressekonferenz erklärte, seine Mannschaft trete bei den Sotschi-Spielen für die Friedenssehnsucht einer toleranten, souveränen Ukraine.

Dann begann die Russland-Show. Staunend und strahlend schauten die Athleten ins weite Rund der glitzendern Fischt-Arena. Ihnen gefiel dieses Fest. Alpin-Skifahrerin Anna Schaffelhuber, die am nächsten Tag Paralympics-Siegerin in der Abfahrt wurde, sagte zu ihrer Erfahrung im Olympiastadion: "Die ganzen Jahre Training haben sich genau in diesem Moment schon gelohnt gehabt." Niemand konnte sich der beschwingten Atmosphäre voller Musik und Bewegung entziehen.

Putin lächelte.

Und am nächsten Morgen kam die Nachricht aus der Ukraine, dass prorussische Kämpfer auf der Krim in einen Stützpunkt der ukrainischen Luftwaffe vorgedrungen seien.

© SZ.de/jkn
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