Süddeutsche Zeitung

Eriks Zabels Dopingbeichte:Spiel mit dem Zauberfläschchen

Gedopt wird in vielen Sportarten. Die Radler samt ihrer unsäglich dreisten Verbände stellen sich so blöd bei der Aufarbeitung des Problems an, dass sie Abscheu erwecken. Erik Zabels Doping-Offenbarung gibt Einblicke in ein Geschäft, in dem die Gesundheit der Sportler keine Rolle spielt.

Erik Zabel hat im Interview mit der Süddeutschen Zeitung umfangreiches Doping zugegeben, von 1996 an bis 2003 habe er Epo, Cortison und dann auch Bluttransfusionen zur Leistungssteigerung benutzt. Dazu bis 2005 ein mysteriöses "Finalfläschchen, wovon ich aber nicht sagen kann, ob es sich um Doping handelte". Dieses Finalfläschchen sei der "Zaubertrank" des Betreuers Jef D'Hont gewesen und dessen "großes Geheimnis. Deshalb wusste ich nie, was drin ist."

Da stellt sich die erste von vielen Fragen: Was ist der Mensch bereit, sich anzutun, um Ruhm und Geld zu erlangen? Erik Zabel ist vermutlich nie aufgeklärt worden, welchen Schaden er seinem Körper mit all den Blutgefäßerweiterern, Asthma-Notfallmitteln, Sauerstoff-Transportbeschleunigern, Schmerzmitteln et cetera zufügen kann. Und dann trinkt er einen Zaubertrank, von dem er nicht mal weiß, was drin ist?

Es ist ein Spiel mit dem Schicksal, dass ein Sportler wie Erik Zabel da eingeht. Doch nicht nur Zabel macht das. Nicht nur Radsportler. Die künstliche Leistungssteigerung ist nicht einmal auf den Profisport einzugrenzen. Tausende Hobbyathleten vor allem in den Fitnesscentern versorgen sich mit Pillen und Zauberfläschchen aller Art, um im Sommer am Strand eine gute Figur abzugeben. Dahinter steckt eine Industrie, die Milliarden umsetzt.

Doch Zabels Beichte ist eine neue Wendung im großen Theater namens Sport. Es ist der vorerst letzte Akt einer Tragödie mit dem polarisierenden Gladiator in der Hauptrolle.

Die Geschichte des heute 43-Jährigen früheren Radrennfahrers könnte einen Filmregisseur inspirieren. Erst die Heldengeschichten mitten im deutschen Radsport-Hype zwischen 1996 und 2005, unter anderem sechsmal Gewinner des Grünen Trikots bei der Tour de France. Dann die Dopingbeichte 2007 vor Millionen TV-Zuschauern, Zabel weint, führt seinen Sohn Rick an, den er nicht mehr anlügen möchte - er rührt die Nation und diese verzeiht ihm. Doch: Er gibt nur den einmaligen Gebrauch von Epo 1996 zu, wegen erheblicher Nebenwirkungen habe er es danach nie wieder benutzt. Eine beachtliche schauspielerische Leistung war das damals, denn Erik Zabel log, dass sich die Balken hätten biegen müssen.

Er weiß: "Wer redet, ist draußen. Und wer beim Dopen erwischt wird, ist auch draußen", erklärt er nun im Interview. Weil er nur das sagte, was er sagen musste und niemanden anschwärzte, durfte er im System Radsport weiter arbeiten und sein Geld verdienen. Er wurde Berater beim T-Mobile-Nachfolger-Team Highroad, jetzt ist er Sportchef beim russischen Problemteam Katjuscha und Sportdirektor der Hamburger Cyclassics.

Dass er sich nun offenbart, liegt am französischen Senat, auf dessen Drängen hin die Dopingproben von 1998 mit den neuesten Methoden untersucht wurden. Dabei finden die Jäger Epo im Blut des inzwischen verstorbenen Siegers Marco Pantani, beim damaligen Zweiten Jan Ullrich, bei Erik Zabel und 60 weiteren Fahrern. Der Bericht ist ein Inferno für all die, die Doping immer abgestritten haben. Und noch schlimmer für die, die Doping für einen anderen Zeitraum zugaben, dies aber nur als Unfall deklarierten, als kleine menschliche Schwäche. Nur einmal ausprobiert, ganz bestimmt!

Zabel will innere Ruhe wiederfinden

Gedopt wird in vielen, vielen Sportarten. Die Radler samt ihrer unsäglich dreisten und dummen Verbände stellen sich nur so dermaßen blöd bei der Aufarbeitung des Problems an, dass sie Abscheu und menschliche Trauerspiele produzieren. Jan Ullrich zum Beispiel, einer der großen Helden und Geldbringer des Radsports, wird seit Jahren so falsch beraten, dass Depressionen und Burn-outs die logische Konsequenz der ewigen Lügerei sind. War er 1997 beim bislang einzigen Tour-Sieg eines deutschen Radsportlers gedopt? "Wir müssen ja jetzt niemanden mehr für dumm verkaufen, es gibt inzwischen genug Berichte, wie es damals war", antwortet der damalige Teamkollege Zabel.

Die alte Regel: "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht mehr", dürfte nun auch bei Zabel gelten. "Ich weiß, dass dieses Interview hier unangenehme Folgen haben kann", sagt er, er wolle aber jetzt seine innere Ruhe wiederfinden und wieder in den Spiegel schauen können. Wenn er das schafft, hat Erik Zabel wohl viel erreicht mit seiner Offenbarung. Beruflich muss er sich indes umstellen, in Hamburg wurde bereits sein Angebot angenommen, den Sportdirektor-Posten für die Cyclassics abzugeben.

Dass Erik Zabel nun die aktuelle Radsport-Generation vom Dopingverdacht praktisch freispricht, ist mindestens naiv. So hemmungslos wie zu Zabels Zeiten wird zwar nicht mehr am eigenen Körper herummanipuliert. Doch warum soll der Tour-Sieger 2013 Chris Froome ohne Hilfsmittel genauso schnell den Berg hinauftreten wie einst der König der Doper Lance Armstrong? Zabels Sohn Rick steht mit 19 Jahren am Anfang seiner Karriere, da müssen die alten Sünder nun retten, was zu retten ist. Immerhin versichert Vater Erik, dass er mit Sohn Rick zum Thema Doping "längst klar" ist.

Das System Radsport hat sich aber praktisch nicht verändert, überall arbeiten noch die gleichen Kader, der Weltverband UCI wird von Verharmlosern und Vertuschern geleitet. Bei der Tour de France steht keineswegs zur Debatte, das Streckenprofil abzumildern, um die Belastungen für die Athleten zu reduzieren.

Sind die Etappen spektakulär, kommen mehr Zuschauer, übertragen mehr Fernsehsender, zahlen mehr Sponsoren ein ins System der Sportler, Trainer, Betreuer, Funktionäre, Ärzte. Und weil die schnellsten Fahrer am meisten von diesem Kuchen abkriegen, wird die Neigung zum Zauberfläschchen systemimmanent gefördert. Da kann man auf seine Gesundheit nur noch am Rande achten und ein Verräter fliegt raus. Erik Zabels Offenbarung hat das eindrucksvoll belegt.

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