Erfolgreiche Teenager in London:Jugend schwimmt bei Olympia

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Erst bricht eine 16 Jahre alte Chinesin den Weltrekord über 400 Meter Lagen, dann gewinnt eine 15-jährige Litauerin Gold über 100 Meter Brust: Jugendliche Athletinnen prägen die ersten Tage beim Schwimmen. "Ist doch schön", findet die Amerikanerin Missy Franklin. Sie ist 17 Jahre alt - und hat natürlich auch Gold gewonnen.

Jürgen Schmieder, London

Vor vier Jahren in Peking gewann eine junge britische Schwimmerin eine Goldmedaille. Es war ein wenig überraschend, womöglich auch für sie selbst, also sagte sie auf der Pressekonferenz: "Hi, ich bin Rebecca Adlington, wahrscheinlich kennt mich keiner."

Erfolgreiche Teenager in London: Olympiasiegerin Ruta Meilutyte: "Alles zu viel für mich"

Olympiasiegerin Ruta Meilutyte: "Alles zu viel für mich"

(Foto: AP)

Vier Jahre später gewinnt die litauische Schwimmerin Ruta Meilutyte die Goldmedaille über 100 Meter Brust. Diesmal fragen sich selbst diejenigen, die sich seit Jahren mit dem Schwimmsport beschäftigen: Wer ist Ruta Meilutyte? Ein Blick auf den Zettel mit Informationen verrät: 15 Jahre ist sie alt, sie ist die jüngste Olympiasiegerin seit 1972.

Das lässt einen doch erst einmal innehalten: Hatte nicht einen Tag zuvor die 16-Jährige Chinesin Ye Shiwen mit einem unglaublichen Weltrekord Gold über 400 Meter Lagen gewonnen und war dabei in manchen Passagen schneller geschwommen als Ryan Lochte und Michael Phelps? Und gewann nicht wenig später die 17 Jahre alte Missy Franklin über 100 Meter Rücken? Heißt das Motto im Aquatic Centre etwa "Jugend schwimmt bei Olympia"?

Bei der Siegerehrung jedenfalls sah Ruta Meilutyte aus wie ein junger Teenager, der sich auf einen Partyabend vorbereitet: knallbunte Fingernägel in den Farben der olympischen Ringe, strähnige blonde Haare, kleine Zahnlücke, schelmisches Grinsen. Dann legte sie ihre rechte Hand aufs Herz, sie schluchzte, die Augen füllten sich mit Tränen - doch Meilutyte mühte sich redlich, dass zumindest während der Siegerehrung keine über ihr Gesicht lief.

Nach der Ehrung agierte sie recht abgeklärt, als hätte sie bereits Medaillen im Phelps'schen Bereich gewonnen. Sie sagte ein paar Sätze in der Mixed Zone, erst bedankte sie sich bei der litauischen Präsidentin Dalia Grybauskaite, die das Rennen im Aquatic Centre verfolgt hatte und Zeugin war, wie Meilutyte erste Schwimmolympiasiegerin aus der Baltenrepublik wurde: "Es ist eine große Ehre, dass die Präsidentin da war." Dann widmete sie ihren Sieg schnell noch "Familie und Freunden" und schickte eine Botschaft an die Jugend, zu der sie ja eigentlich selbst noch gehört: "Schwimmen ist in meinem Heimatland nicht besonders populär. Vielleicht ändert sich das jetzt ja."

Der Pressekonferenz indes blieb sie fern, über die Gründe durfte gerätselt werden. Es passieren recht skurrile Dinge beim Schwimmen in diesen Tagen: Da gewinnt die 16 Jahre alte Ye Shiwen und schwimmt teils schneller als Männer. Wie das geht? Die Times erinnerte daran, dass im März die ebenfalls erst 16 Jahre alte Li Zhesi positiv auf Epo getestet worden war. Ye Shiwen und Li Zhesi seien "früher Teamkolleginnen" gewesen, schrieb das Blatt.

Zwei Sekunden in vier Monaten

Einen Tag später plaudert Lu Ying, Silbermedaillengewinnerin im 100-Meter-Schmetterling-Rennen, über die Unterschiede zwischen China und Australien: "In anderen Ländern haben die Sportler auch mal Freizeit, in China gibt es nur: lernen, lernen, lernen, trainieren, trainieren, trainieren, schlafen, schlafen, schlafen."

Dann sagte sie: "In China, egal vor welchem Wettkampf, musst du dich ausruhen und konzentrieren und darfst an nichts anderes denken. Die Australier gehen auch mal aus und haben Spaß, ohne sich gleich davor zu fürchten, dass sie dann müde sind im Training." Sie sagte aber auch: Der chinesische Ansatz "hat viele Grenzen. Und wir setzen diese Grenzen."

Zweifel bestehen, besonders bei der Konkurrenz. Für John Leonard, den Generaldirektor der internationalen und US-Schwimmtrainervereinigung ist die Leistung der Olympiasiegerin Ye Shiwen "unglaubwürdig".

Und nun die junge Litauerin Ruta Meilutyte. Die blieb zwar deutlich über dem Weltrekord, doch der stammt auch aus einer Zeit, in der Schwimmer noch Hightech-Anzüge trugen. Verwunderlicher ist vielmehr, dass sie ihre Zeit innerhalb von vier Monaten um zwei Sekunden verbessert hat. Wie das geht? Vielleicht liegt es daran, dass sie seit zwei Jahren in England trainiert, in Plymouth beim Leander Swimming Programme. Dorthin folgte sie dem Ruf ihres Vaters, der bereits dort lebte. Ihre Mutter starb vor zehn Jahren.

"Es ist doch schön, dass so viele junge Schwimmerinnen so erfolgreich sind", sagte Missy Franklin. Sie hatte zuvor über 100 Meter Rücken gewonnen. "Für mich war es ein Schock, das ist alles zu viel für mich", sagte Meilutyte nach dem Rennen. Es ist durchaus anzunehmen, dass es in den kommenden Tagen beim Schwimmen noch einige Schockmomente geben wird.

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