Erfolg für Manchester United:Heldentaten am Boxing Day

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Hull City v Manchester United - Premier League

Goal for Manchester: Uniteds Spieler feiern einen Treffer am Boxing Day.

(Foto: Getty Images)

In England gibt es auch an Weihnachten Fußball: Dank einer spektakulären Aufholjagd kann Manchester United beim 3:2 in Hull seine strukturellen Schwächen kaschieren. Beim Verlierer protestieren die Fans gegen den Eigentümer, der den Klub umbenennen möchte.

Von Raphael Honigstein

Am Boxing Day, wenn überall sonst auf der Welt das Leder ruht, kommt der englische Fußball in maximalem Tempo ganz zu sich. Zelebriert wird eine einzigartige, Wind, Wetter und dem traditionellen Transportchaos trotzende Hingabe - die lustvolle, heroische Härte gegen sich selbst.

Die von Weihnachtsschmaus und Umtrunk noch etwas benommenen Zuschauer in den Stadien und zu Hause werden dabei sogar einen Tag lang mit den finanziell längst in aberwitzige Sphären entrückten Profis versöhnt. Wohlwollend nimmt man zu Kenntnis, dass die Millionäre für das Gemeinwohl auf die Feierlichkeiten in der Familie verzichten und am ersten Weihnachtstag in unselig hässlichen Mannschaftshotels kaserniert sind.

"Jesus würde nicht zu Hause sitzen oder Einkaufen gehen, er wäre beim Fußball", behauptete der Guardian - oder er würde für die an der Autobahn oder an Provinzbahnhöfen gestrandeten Fans "Kekse verteilen". Auch der Mannschaftsbus von Manchester United steckte am Donnerstag auf dem Weg nach East Yorkshire lange auf der M62 fest. Nur eine knappe Stunde vor Anpfiff traf der Meister im KC-Stadion von Hull City AFC ein, die Atmosphäre war dort trotz des guten Saisonstarts im Mittelfeld der Tabelle ungewöhnlich aufgeladen.

Wegen der zahlreichen Kinder in den Spielstätten geht es am Boxing Day normalerweise relativ entspannt zu, doch die Fans des Aufsteigers hatten zu Protestaktionen gegen Eigentümer Assem Allam aufgerufen. Der in Ägypten geborene Unternehmer, 74, will den Klub aus Marketinggründen in "Hull Tigers" umbenennen. (Das Team firmiert wegen seiner gestreiften Trikots unter dem Spitznamen "die Tiger") .

City sei als Teil des Vereinsnamens "lausig" und "irrelevant", hat der Motorenhersteller erklärt; Fans, die mit einem "City Till We Die"-Banner (City bis zum Tod) und mit Gesängen Widerstand leisteten, könnten von ihm aus "bald sterben". Die Football Association (FA), der englische Verband, muss nun nach Jahreswechsel über den offiziellen Antrag zur Umbenennung des Klubs entscheiden.

Von Trainer Steve Bruce, der ursprünglich auf Allam einwirken wollte, können die Fans keine Hilfe erwarten. Ohne den Eigentümer und sein millionenschweres Investment würde der Verein nicht existieren, sagte Bruce, deswegen gelte es, seine Wünsche zu respektieren: "Wenn er will, dass wir in rosa und weiß spielen, würden wir das auch tun."

Rückschlag nach nur vier Minuten

Vor den Augen von Allam, der mit seiner lilafarbenen Papierkrone auf dem Haupt zumindest dem landestypischen Brauchtum der komischen Kopfbedeckungen zu Weihnachten Rechnung erwies, wurde ein "Say No To Tigers"-Banner ausgerollt. Die für die ersten 19 Minuten und vier Sekunden geplanten Protestgesänge - der Klub wurde 1904 gegründet - fielen jedoch schnell dem überraschenden Spielgeschehen zu Opfer. Nach nur vier Minuten schoss Hull-Verteidiger James Chester nach einer Ecke das 1:0; Wayne Rooney hatte den ehemaligen Manchester-United-Spieler aus den Augen verloren.

Geschenke der Reichen an die Armen gaben dem Boxing Day seinen Namen, zu viktorianischen Zeiten wurden Fresspakete in Kartons verteilt. Im KC-Stadion deutete sich ebenfalls ein Akt der (fußballerischen) Nächstenliebe an. Jonny Evans stocherte im eigenen Strafraum zweimal höchst unglücklich gegen den Ball. Das Spielgerät drehte sich, von David Myler nur schwach geschossen, an Torwart David De Gea vorbei ins Netz zum 2:0 für Hull (13.)

Die verschlafene Auftaktviertelstunde verdeutlichte die strukturellen Probleme von United im Jahr eins nach Alex Ferguson. In der Zentrale fehlt der Elf von David Moyes die Autorität, die Defensive wirkt instabil, in der Offensive steht und fällt alles mit dem Duo Rooney/Robin van Persie. Letzterer verpasst jedoch das komplette Weihnachtsprogramm (Oberschenkel).

United fand in Hull mit ein bisschen Verspätung jedoch zumindest zur passenden Einstellung. Chris Smalling nutzte per Kopf die erste Chance zum 2:1 (19.); Rooney markierte mit einem wuchtig und präzise geschossenen Volley den schmeichelhaften Ausgleich (26.) "Es war wichtig, noch vor der Pause zurück zu kommen", sagte Rooney, 28, nach seinem 150. Ligator für United. Nach dem Wechsel drehten die Roten vollends die Partie, ohne dabei zu überzeugen. Chester köpfte eine Flanke ins eigene Netz (66.), danach rettete United die 3:2- Führung mit viel Mühe und in Unterzahl über die Zeit. Manchesters Antonio Valencia war in der 90. Minute mit Gelb-rot (Ballwegschlagen) vom Platz geflogen.

"Wir greifen wieder an", versprach Rooney nach dem dritten Sieg in Serie; Moyes scheint die Ergebniskrise vorerst überwunden zu haben - die nächsten Tage werden zeigen, ob die Zeit zwischen den Jahren tatsächlich das Ende seiner enttäuschenden Anfangszeit im Old Trafford markiert. Für die leidgeprüften Anhänger der Tiger geht 2014 der Ärger aber wohl erst richtig los.

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