Süddeutsche Zeitung

Erfolg des FC Bayern:Dem Fußball wird alles verziehen

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Dem Steuersünder Uli Hoeneß wird noch immer zugejubelt, der Fußball-Weltverband schlittert von Skandal zu Skandal - und der FC Bayern frisst alle auf. Wo der Ball rollt, sieht man über manches hinweg in Deutschland. Zumindest solange der Sport Event ist.

Ein Kommentar von Boris Herrmann

Man hätte die vergangenen Tage wohl als Eremit in einer Tonne verbringen müssen, um nichts mitzubekommen vom allgemein grassierenden Ballfieber. Jedes noch so sportfremde Gespräch scheint im Moment unweigerlich auf Fußball hinauszulaufen. Und zwar bei Männern wie Frauen, in allen Altersklassen, in allen Gesellschaftsschichten.

Auch am Samstagabend rückten wieder zwölfeinhalb Millionen Deutsche vor den Bildschirmen zusammen, um sich das DFB-Pokalfinale zwischen dem FC Bayern München und dem VfB Stuttgart anzusehen. In vielen Fußballkneipen, die einmal das Habitat von milde belächelten Nerds waren, musste man sich um 18 Uhr einen Platz erkämpfen, wenn man um 20 Uhr den Anpfiff sehen wollte. Natürlich sind daran auch die Triple-Bayern schuld, diese Allesfresser. Aber nicht nur sie alleine.

Der kleine Münchner Kapitän Philipp Lahm hat im Frühsommer 2013 drei Trophäen in die Luft gestemmt, die aufeinandergetürmt größer sind (1, 84 Meter) als er selbst (1,70 Meter). Sein Team hat niemandem etwas zum Gewinnen übrig gelassen und es scheint auch alle Aufmerksamkeit zu absorbieren. Hat in dieser offenbar so sportbegeisterten Republik schon jemand mitbekommen, dass in Paris ein wichtiges Tennisturnier begonnen hat? Dass die Basketball-Bundesliga in der entscheidenden Phase steckt? Ein paar milde belächelte Nerds vielleicht. Wenn überhaupt, dann ist es der Rest des Fußballgeschäfts, der im Glanz der Bayern ein bisschen mitboomen darf.

Zu den beiden Zweitliga-Relegationsspielen zwischen Dresden und Osnabrück kamen insgesamt fast 50.000 Menschen ins Stadion. Vereine wie Borussia Dortmund oder Eintracht Frankfurt vermelden Mitgliederrekorde. Der Deutsche Fußball-Bund wächst ohnehin in einem Maße, von dem die SPD nur träumen kann. Sicher, die SPD hat schon mal ein besseres Bild abgegeben als im Jahr ihres 150. Geburtstags.

Der moderne Fußballsport aber ist ungefähr genauso alt - und ihm geht es eigentlich noch viel schlimmer. Er wird von einem skandalumtosten Weltverbandspräsidenten regiert, von Wettskandalen, Doping, Rassismus, Homophobie und Fangewalt erschüttert. Und das Erstaunliche ist, dass ihm das alles verziehen wird. Immer wieder.

Nach dem Pokalfinale in Berlin sangen Tausende Menschen ein Loblied auf Uli Hoeneß, das er sich als Sportfunktionär gewiss verdient hatte. Beim anschließenden Festbankett saß der Steuerhinterzieher Hoeneß neben Hans-Peter Friedrich, dem auch für den sauberen Sport zuständigen Bundesinnenminister (CSU). Sie schienen sich glänzend zu unterhalten. Wo der Ball rollt, sieht man eben über so manches hinweg in Deutschland.

Zweifellos gab die WM 2006 den Anstoß für eine allgemeine, gesamtgesellschaftlich akzeptierte Fußball-Eventkultur. Die Stadien wurden familienfreundlicher, das Publikum wurde weiblicher, der Diskurs allumfassender. Damals lernten die Deutschen, dass es hierzulande nicht nur Rumpelfüßler gibt, und dass man das sogar öffentlich sagen darf.

Die gegenwärtige Leistungsschau des FC Bayern hat das Interesse noch einmal in neue Sphären gehievt, bei Fans wie bei Bayern-Hassern. Je mehr die Münchner gewannen, umso mehr wollten ihnen beim Gewinnen zusehen.

Das erhärtet den Verdacht, dass der einstige Bundestrainer Sepp Herberger doch danebenlag, als er behauptete, die Leute kämen zum Fußball, weil sie nicht wüssten, wie es ausgeht. Tatsächlich scheinen viele gerade dann zu kommen, wenn Dauersieger wie Michael Schumacher, Vitali Klitschko oder der FC Bayern einen Rekord nach dem nächsten aufstellen.

Ein sportlicher Wettkampf auf Augenhöhe ist etwas für Sportfans. Das Spiel mit den Grenzen interessiert offenbar alle.

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Quelle:
SZ vom 03.06.2013
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