Episoden aus dem bayerischen Sport:Wir packen unseren Koffer...

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Episoden aus dem bayerischen Sport: Klippenspringerin Iris Schmidbauer, hier in Budapest, musste zunächst wegen eines Corona-Lockdowns in Neuseeland bleiben - und lernte dann dort ihren Mann kennen.

Klippenspringerin Iris Schmidbauer, hier in Budapest, musste zunächst wegen eines Corona-Lockdowns in Neuseeland bleiben - und lernte dann dort ihren Mann kennen.

(Foto: Andrea Staccioli/Insidefoto/imago)

...und nehmen mit: einen Trainer, der gar nicht erst auspackt, einen Stadionsprecher, der nach 28 Jahren einpackt, einen Volleyball-Profi, dessen Ära nach einem Punkt endet, und ein paar andere Kuriositäten des Jahres 2021.

Von Christian Bernhard, Katrin Freiburghaus, Stefan Galler, Christoph Leischwitz, Sebastian Leisgang, Ralf Tögel und Sebastian Winter

Quarantäne, Geisterspiele, Impfdebatten - vieles, was das Jahr 2021 brachte, war vorhersehbar. Die Renaissance des Phantomtors zählte eher nicht dazu. Im deutschen Profi-Eishockey tauchte es gleich zweimal auf. Im März schoss Crimmitschaus Travis Ewanyk daneben, doch da das Tornetz der Bayreuth Tigers wackelte, entschieden die Schiedsrichter auf Tor. Auf dem Eis beschwerte sich niemand, erst in der Drittelpause wurde allen klar, was geschehen war. "Ich bin vom Glauben abgefallen", sagte Schiedsrichter Jens Steinecke später - und entschuldigte sich für Bayreuths 0:3-Pleite. Das Phantomtor aber fand offenbar Gefallen an seiner Rückkehr, wobei es eine Vorliebe für Franken entwickelte. Als Augsburgs Adam Payerl die Scheibe sieben Monate später - von außen - durch das Tornetz der Nürnberg Ice Tigers drosch, leitete die Fehlwahrnehmung auch deren Niederlage ein. Die Tatsachen waren andere - die Tatsachenentscheidungen blieben. cbe

Stuhl in Flammen

Dass der Trainerstuhl der Bamberger Basketballer als heißester der Bundesliga gilt, dürfte Johan Roijakkers gewusst haben. Dennoch traute sich der Niederländer aus dem beschaulichen Göttingen nach Freak City, wo er den verrückten Fans des einstigen Serienmeisters den Erfolg zurückbringen sollte. Das gelang - mäßig. Mit Ach und Krach die Playoffs erreicht, in der folgenden Spielzeit nach gutem Start das Aus in der Champions League - schon stand der Stuhl des 41-Jährigen in Flammen. Roijakkers kann sich nun einen neuen Klub suchen oder bis Vertragsende die Füße hochlegen. Ein Umzug immerhin dürfte ihm wenig Mühe bereiten: In weiser Voraussicht hatte er seine Wohnung erst gar nicht eingerichtet, verriet er im SZ-Interview. Roijakkers saß also nicht nur auf dem heißen Stuhl, sondern auch auf gepackten Koffern. toe

Episoden aus dem bayerischen Sport: Nadine Nurasyid.

Nadine Nurasyid.

(Foto: Claus Schunk)

Eine ganz normale Sensation

Diese Personalie ist aufsehenerregend, aber eigentlich wäre es Nadine Nurasyid anders viel lieber. Wenn es eben nur ein ganz normaler Trainerwechsel wäre. Die Münchnerin ist aber nun mal die erste Frau an der Spitze eines männlichen Erstliga-Footballteams. Für Außenstehende macht sie das zur Pionierin, für die Munich Cowboys war ihre Beförderung dagegen nur ein logischer Schritt. Die 35-Jährige war Co-Trainerin beim Zweitligisten Straubing Spiders, ehe sie als Defensiv-Spezialistin zu den Münchnern kam, wo sie auch im Bundesliga-Frauenteam spielte. Sie absolvierte dieselben Lehrgänge wie ihre männlichen Kollegen, und als Cheftrainer Garren Holley zurück in die USA ging, ist sie eben eine Stufe aufgerückt. Nun stehen Frauen im Football eben nicht nur als Cheerleader am Spielfeldrand, sondern auch als Verantwortliche - und Nurasyid wird sich neben der sportlichen allmählich auch ihrer gesellschaftlichen Rolle bewusst. "Ich habe mir darüber bisher nicht so viele Gedanken gemacht", sagt sie, "aber es ist auch schön, wenn Frauen und Mädchen, die jetzt anfangen, sehen, was man schaffen kann." Ihre erste Cheftrainer-Saison beginnt im Mai. cal

Frisch vom Bildschirm

Zwei Juniorenspiele hatte er erst gecoacht (die die A-Jugend immerhin in die Bundesliga führten), schon wurde Sandro Wagner, 34, bei der SpVgg Unterhaching zum Cheftrainer befördert. Blitzkarriere? Klar, Franz Beckenbauer und Jürgen Klinsmann würden darüber müde lächeln, beide stiegen gleich als Teamchefs der Nationalelf ins Business ein und hielten sich mit Lappalien wie Trainerscheinen gar nicht erst auf. Wagner braucht sie, und er will sich hochkämpfen bis in die Bundesliga. Die A-Lizenz hat er mittlerweile, der Fußballlehrer soll folgen. Mit Haching hat er eine durchwachsene Regionalliga-Halbserie hinter sich, wobei er überwiegend junge Talente zur Verfügung hat. Wenn sich der ehemalige Nationalspieler zwischen zwei TV-Expertenauftritten kurz in Buchbach, Schalding-Heining oder Eltersdorf materialisiert, wird er dort bestaunt wie eine seltene Spezies. Jüngster Bundesligacoach der Historie kann er aber nicht mehr werden, diesen Titel hat sein alter Lehrmeister Julian Nagelsmann sicher. Der coacht mit 34 bereits seinen dritten Erstligaklub. So viel zur Blitzkarriere. stga

Landung am Ende der Welt

Iris Schmidbauer war gerade in Abu Dhabi, wo die Kurzbahn-Schwimm-WM stattfand. Die 26-Jährige aus Pähl ist keine Schwimmerin, wobei Grundkenntnisse in dieser Disziplin auch ihr nicht schaden: Für eine Klippenspringerin, die von 20 Meter hohen Podesten, Brücken und Felsen hüpft, ist auch die Fortbewegung im Wasser hilfreich. In Abu Dhabi hat sie die Qualifikation für die Weltmeisterschaft nächsten Mai in Fukuoka (Japan) geschafft, unter anderem mit einem Doppelsalto rückwärts mit drei Schrauben. Nicht nur weil sie den 1000. Sprung einer Frau bei der Red Bull Cliff Diving World Series absolvierte, der Königsserie ihres Sports, war es ein besonderes Jahr für Iris Schmidbauer: Sie saß in Neuseeland fest. Ende 2019 war sie zum Urlaub ans andere Ende der Welt gereist, letztlich blieb sie eineinhalb Jahre. Erst zwang ein Corona-Lockdown sie zum Bleiben, dann lernte sie dort ihren jetzigen Mann kennen. Schmidbauer lebte in einer WG in Auckland. Als sie doch Heimweh bekam und die Wettkämpfe starteten, flog sie zurück. Ihren Chris hat sie geheiratet, am liebsten würden sie sich in München niederlassen. Mangels eines 20-Meter-Sprungturms wird es aber wohl doch ein anderes Fleckchen werden - wo es unter Felswänden idealerweise auch Wasser gibt. sewi

T-Rex geht nicht in Rente

Eine Klarstellung war Tom Rowe wichtig. Er sei weit davon entfernt, in Rente zu gehen, betonte der Eishockey-Trainer, als er Mitte Oktober die Nürnberg Ice Tigers übernahm. Das Thema ist bei ihm ja nicht wegzudiskutieren, der US-Amerikaner ist 65 Jahre alt. Oder jung, wenn man sieht, welchen Schwung er in die Kabine der Franken gebracht hat. Als er kam, standen die Ice Tigers in der Abstiegszone der Deutschen Eishockey Liga. In der "Tom-Rowe-Tabelle" belegen sie seitdem Rang drei, deutlich vor Titelaspiranten wie Mannheim - und auch München, dessen Rekordtrainer Don Jackson in den Siebzigern noch in der NHL gegen Rowe spielte. Nürnbergs Co-Trainer Manuel Kofler lobt Rowes "unglaubliche Selbstsicherheit". Neben seiner Erfahrung scheint der 65-Jährige nicht mehr jener harte Knochen zu sein, der ihm einst den Spitznamen T-Rex einbrachte. In Nürnberg strahlt er Empathie aus und sagt: "Ich liebe die Spieler hier wirklich." cbe

Episoden aus dem bayerischen Sport: Stefan Schneider.

Stefan Schneider.

(Foto: Markus Fischer/Passion2Press/imago)

Und es war still

Stefan Schneider hat seine Ankündigung wahr gemacht. Im Herbst, als kurzzeitig Zuschauer zugelassen waren, mischte sich der ehemalige Stadionsprecher des TSV 1860 München unter die Fans, sein Nachfolger Sebastian Schäch begrüßte ihn via Mikrofon herzlich. Doch es war ein Schock gewesen, als Schneider am 22. März kurz vor Schluss der Partie gegen Dynamo Dresden seinen Abschied per DIN A4-Ausdruck bekannt gab, nach über 600 Spielen in 28 Jahren ohne Pause sagte er "Servus als Stadionsprecher von 60 München". Schlagartig wurde es im Grünwalder Stadion noch geisterspielhafter. Seltsam war an dem Abschied, dass Schneider in seinem Dank nur eine einzige Person namentlich erwähnte, die erst seit Kurzem da ist: Geschäftsführer Marc Pfeifer. Offensichtlich war dieser Dank ironisch gemeint. Zwar war es nach allem, was im Nachhall zu hören war, zu keinem direkten Streit zwischen Pfeifer und Schneider gekommen - den gab es eher auf der organisatorischen Ebene, aber die Rückendeckung des Vereins vermisste Schneider. cal

Kurze Blasenschwäche

Nachverpflichtungen sind schon unter normalen Bedingungen eine heikle Angelegenheit. In einer Pandemie, wenn Vereine kleine Blasen aufbauen, in denen peinlich genau auf Hygienekonzepte geachtet wird, birgt jeder Neuankömmling ein Zusatzrisiko. Vilsbiburgs Erstliga-Volleyballerinnen mussten es gleich zweimal eingehen, weil erst eine Mittelblockerin nach der anderen ausgefallen war und sich dann die halbe Angriffsabteilung verletzte. Die Roten Raben erreichten eine Erfolgsquote von 50 Prozent: Was im Mittelblock mit Beta Dumancic gut klappte, geriet im Angriff zum Eigentor. Katharina Schwabe kam mit einer nur für November geltenden Vereinbarung als Aushilfe - und half exakt einen Punkt lang im Pokal. Vor ihrem ersten Ligaspiel wurde sie positiv auf das Coronavirus getestet, reiste ab - und hinterließ neben der Lücke, die sie eigentlich hatte schließen sollen, einen verunsicherten Kader, der seine Trainingsgruppen halbierte und sich in Isolation begab. kf

Episoden aus dem bayerischen Sport: Marius Funk.

Marius Funk.

(Foto: Thilo Schmuelgen/Reuters)

Spannender Arbeitsplatz

Als Torwart der SpVgg Greuther Fürth hat man ständig was zu tun. Das ist ja das Gute daran, wenn man auf das Tor des Tabellenletzten der Bundesliga aufpasst: Langweilig wird's nie. Genau genommen ist der Job sogar ziemlich abwechslungsreich. Als Fürther Torwart geht es ja nicht nur darum, zu verhindern, dass die anderen treffen - es geht auch darum, zu verhindern, dass die eigenen Spieler den Ball ins Tor schießen. Marius Funk, 25, hat lange darauf gewartet, zwischen den Fürther Pfosten zu stehen. In seinen ersten fünf Jahren bei der Spielvereinigung kam er zu exakt acht Einsätzen. Anfang Oktober in Köln schlug seine Stunde: Funk löste Sascha Burchert ab als Nummer eins. Auf einmal war er Bundesliga-Torwart und brauchte nur zwei Monate, um so viele Spiele zu bestreiten wie in den fünf Jahren zuvor. Aber: Zuletzt war Funk wieder außen vor. Wegen einer Knieverletzung fällt er ein halbes Jahr aus. Zumindest ist er nun vor seinen Mitspielern sicher. Vier Eigentore in der Vorrunde - in dieser Kategorie hat den Fürthern keiner was vorgemacht. slei

Mehr Sein als Schein

Erinnert sich noch jemand an den Passierschein A38, der sogar den schlauen Asterix fast in den Wahnsinn trieb? Mit dem A-Trainerschein im deutschen Fußball verhält es sich ähnlich. Andreas Pummer - und mit ihm vermutlich viele andere - können nämlich nicht genau sagen, wie man diese Lizenz erhält. Erst Mitte Dezember flatterte bei ihm wieder eine Absage ins Haus, und aus dem Brief darf man schließen, dass die Nachfrage ungemein höher ist als die Zahl der Lehrgangsplätze. Dabei war der 39-Jährige 2021 gleich zweimal Cheftrainer im Profifußball, jeweils für einige Wochen als Interimscoach beim Drittligisten Türkgücü. Streng genommen dürfte er ohne A-Schein auch den Viertligisten FC Pipinsried nicht trainieren, wo er im November anheuerte. Es genügt allerdings, sich für den Schein zu bewerben, dann darf man weitermachen. Verrückt. cal

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