Enteignungen in Sotschi:Olympische Ruinen

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Nina Toromonjan (r.) und Tochter Karina auf dem enteigneten Grundstück. 1400 Häuser wurden in Sotschi in den vergangenen zwei Jahren zerstört. (Foto: Johannes Aumüller)

Die Familie Toromonjan lebte in ihrem alten Haus in Sotschi. Dann wurde sie verjagt und das Haus wegen der Olympischen Spiele abgerissen. Alle wundern sich, warum eigentlich - denn gebaut wurde an der Stelle gar nichts.

Von Johannes Aumüller, Sotschi, Sotschi

Schutt, jede Menge Schutt. Ein verwilderter, steil abfallender Garten mit vielen Bäumen. Und ein paar Tiere, zwei Hunde, vier Katzen. Das ist alles, was hinter dem weißen Tor zu finden ist, das zum Grundstück Uliza Sanatornaja 33 in einem hügeligen Viertel Sotschis führt. Ein paar Hundert Meter Luftlinie entfernt liegt Wladimir Putins große Sommerresidenz, daneben ein Datschen-Kollektiv, wo sich andere Mächtige und Reiche Russlands einquartiert haben, um in der Nähe des Präsidenten zu sein. Und hinten am Horizont ist von der Schutthalde aus das glitzernde Schwarze Meer zu sehen. Es ist ein wunderbarer Ausblick. "Ein Freund hat gemeint: Wegen dieses Ausblicks haben sie euch aus dem Haus gejagt", sagt Nina Toromonjan, 62.

Bis vor wenigen Monaten stand hier das Haus der Familie Toromonjan, jetzt steht hier nichts mehr. Die Familie musste umziehen, das Haus wurde abgerissen - und alles unter dem Deckmantel der Olympischen Spiele.

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Mit dieser Klage sind die Toromonjans nicht alleine. Im Stadtteil Adler, wo die Organisatoren den Olympischen Park aus dem Boden gestampft haben, hat es diverse Fälle gegeben, in denen die Menschen aus ihren Häusern vertrieben und zwangsumgesiedelt wurden. Aber auch in dem knapp eine Autostunde entfernt gelegenen Zentrum von Sotschi ist von der Willkür staatlicher Stellen vor Putins Prestige-Spielen zu hören.

Mehr als 1400 zerstörte Häuser in zwei Jahren

Zum Beispiel von dem Haus in der Uliza Winogradnaja, wo früher einmal eine armenische Familie gelebt habe und jetzt eine schicke Kirche steht - damit Putin auf dem Weg zu seiner Residenz seinen Gästen auch ein paar schöne Bauten zeigen könne, wie sie in Sotschi lästern. Von dem Haus, das während der Bauarbeiten für einen neuen Tunnel zu kippen begann, und für das die Eigentümer keine ausreichende Entschädigung bekommen hätten. Von der Familie, deren Drei-Etagen-Haus abgerissen wurde, weil auf einmal der Keller als zusätzliche vierte Etage zählte und Vier-Etagen-Häuser in diesem Viertel nicht erlaubt seien.

Mehr als 1400 Häuser seien in den vergangenen zwei Jahren in Sotschi zerstört worden, sagt die Stadtverwaltung. Nicht bei allen gab es Auseinandersetzungen, manche Bewohner nahmen dankend die finanzielle Kompensation und zogen um; doch Bürgerrechtsaktivisten am Ort berichten von 600 bis 700 problematischen Fällen.

Nina Toromonjan und ihre Tochter Karina kommen noch oft zum Grundstück in der Uliza Sanatornaja 33, um die Tiere zu füttern; für die ist in ihrer neuen kleinen Wohnung kein Platz mehr. Hier war die Küche, erzählen sie bei einem Rundgang über die Ruinen, hier das Schlafzimmer, und dort auf der Veranda haben wir im Sommer morgens Kaffee getrunken. Es war ein altes hölzernes Haus, in seinem Kern bereits 1947 erbaut, später erweitert, am Ende lebten dort 13 Menschen, insgesamt vier Familien.

Auf konkrete Nachfragen antwortet die Stadt nicht, aber allgemein weist sie in derartigen Fällen alle Beschwerden zurück. Alles sei rechtmäßig abgelaufen, heißt es. Allerdings konnten sich staatliche Stellen und Gerichte auch leicht auf eine Art Blankoscheck berufen: das Gesetz 310 über die Organisation, die Vorbereitung und die Durchführung der Olympischen Spiele.

Das erleichterte Enteignungen und Umsiedlungen und diente in vielen Fällen als Begründung, und so hieß es auch im Fall der Familie Toromonjan: Wegen der geplanten zusätzlichen Straße von Sotschi nach Adler, dem sogenannten Dubljor, müssten sie Haus und Grundstück hergeben. Allein: Die Straße verläuft ein paar Hundert Meter von der Uliza Sanatornaja 33 entfernt, und rechts und links davon stehen noch alle Häuser.

Die Toromonjans glauben, dass es hier mal eine kleine Straße und ein mehrstöckiges Haus geben soll. Irgendeine einflussreiche Person habe es auf ihr Haus und vor allem auf ihr Grundstück abgesehen, sagt Nina Toromonjan: "Sie sind wie Zecken, die saugen und saugen, sich aber nicht satt saugen können." Insgesamt zirka 2500 Quadratmeter umfasst das Grundstück. Alles unser Eigentum, behaupten die Toromonjans.

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Doch die Behörden sehen das anders. In ihrer Welt gehörte der Großteil des Grundstücks der Stadt - und nur etwa 500 Quadratmeter den Toromonjans. 5,2 Millionen Rubel, umgerechnet 133 000 Euro, überwiesen sie als Entschädigung; laut Toromonjan hätte die Summe acht Mal so hoch sein müssen. Für das, was überwiesen wurde, "gibt es in Sotschi nur eine Drei-Zimmer-Wohnung".

Video dokumentiert Rausschmiss durch maskierte Polizisten

Ein paar Monate lang widersetzte sich die Familie dem Druck, doch am 23. Oktober musste sie das Haus verlassen. Die Nachrichtenseite Kawkaskij usel hat eine Videoaufzeichnung von jenem Tag veröffentlicht. Polizisten mit schwarzen Masken sind darauf zu sehen. Den Kindern, so sagt Nina Toromonjan, hätten sie erzählt, dass hier nur ein Film gedreht werden würde.

Sie hatten noch nicht einmal ihre Sachen alle rausgeholt, da gingen die Abrissarbeiten schon los. Und die Polizei war schon da, als Karina Toromonjan über das nachbarliche Grundstück noch einmal ins Haus ging, um die Dokumente zu sichern, die belegen würden, dass sie im Recht sind.

Am 6. Februar fand die bisher letzte Gerichtsverhandlung statt - die Toromonjans verloren. "Als Sotschi die Spiele bekommen hat, hat Putin gesagt, dass kein einziger Bewohner von Sotschi darunter zu leiden hat. Und was ist jetzt?", fragt Nina Toromonjan. Kürzlich hat sich der Staatspräsident noch einmal an alle gewandt, die sich über die Folgen der Olympia-Vorbereitung beschweren. Er gehe davon aus, dass zwangsenteignete Bürger heute in neuen Wohnungen "viel besser leben" würden als früher, sagte Putin der Agentur Interfax zufolge. Aber er sei zur Erörterung dieser Frage noch einmal bereit.

Vielen fällt es schwer, Putin zu glauben. "Sie haben mir mein Haus und meinen Kindern die Zukunft genommen", sagt Nina Toromonjan.

© SZ vom 18.02.2014 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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