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Englische Klubs in der Champions League:Suche nach dem gewissen Etwas

Moyes erzählte, dass sein Vorgänger Alex Ferguson ihn telefonisch vor dem "härtesten Los" seit langem gewarnt habe. Das klang in doppeltem Sinn verdächtig. Zum einen wirkte der 50-Jährige, der bis auf eine erfolglose Playoff-Runde mit dem FC Everton über keinerlei Erfahrung auf diesem Level verfügt, arg bemüht, die Erwartungen kleinzureden. Darüber hinaus offenbarte der Verweis auf die Bedenken von Sir Alex auch Schwäche: seine eigene Einschätzung der Ausgangslage erschien Moyes für das Gespräch mit den Reporten offenbar nicht überzeugend genug zu sein.

Die Red Devils haben eine Mannschaft, die funktioniert, weil sie mental gefestigt ist und im Sturm der Niederländer Robin van Persie und Wayne Rooney das kreative Defizit auf den Flügeln und in der Zentrale ausgleichen. Das gewisse Etwas aber geht dem Team ab, aus den enormen finanziellen Möglichkeiten wurde diesen Sommer zu wenig gemacht.

United scheiterte beim Versuch, Gareth Bale, Cristiano Ronaldo oder Cesc Fàbregas ins Old-Trafford-Stadion zu locken. Am Ende wurde der belgische Kraftprotz Marouane Fellaini für 32 Millionen Euro aus Everton geholt. Der 25-Jährige steht für Präsenz und Torgefahr, aber United hätte noch ein bisschen mehr gebraucht.

Die Lokalrivalen von Manchester City gaben 110 Millionen Euro für neue Spieler aus, kein englisches Team verfügt über mehr Offensivqualität. Und als Trainer führt ein ruhiger, seriöser Chilene die Geschäfte, der sich in Europa auskennt: Manuel Pellegrini, der zuvor beim FC Malaga wirkte. In der Abwehr drückt zwar eine Verletzungsmisere auf die Stimmung, aber der Scheich-Klub sollte anders als in den beiden Jahren zuvor die Gruppenphase überstehen.

Misere in der Mitte

Nicht zu unterschätzen ist der FC Chelsea. Coach José Mourinho ist bekanntlich ein Spezialist für Champions-League-Fußball; die Konterwucht der Blues wird den Favoriten aus Spanien und Bayern zusetzen. Ob Veteran Samuel Eto'o die Misere in der Sturmmitte beheben kann, ist allerdings fraglich, und die 0:1-Niederlage in der Liga gegen Everton am Samstag ließ erste Zweifel aufkommen, ob die mit vielen Technikern besetzte Mannschaft und der ultrapragmatische Trainer zusammenpassen.

Eigentümer Roman Abramowitsch hatte für seinen Wunschtrainer Pep Guardiola, den er nicht bekam, in West-London ein hübsch verziertes, elegantes Häuschen gebaut - eingezogen aber ist die alte Flamme Mourinho, der lieber in Trutzburgen aus Beton residiert. "Dieses Team hat einen anderen Charakter als das von früher", sagt der Portugiese etwas traurig.

Größer ist der Optimismus beim FC Arsenal. Arsène Wenger erinnert heute noch stolz an den 2:0-Sieg vom März in München gegen die späteren Champions-League-Sieger; 50-Millionen-Euro-Mann Mesut Özil beflügelt zudem seit seinem Wechsel von Real Madrid die Mitspieler und die Phantasie der Fans. "Er gibt allen mehr Zeit am Ball", lobte Wenger den Zugang nach dessen 3:1-Debüt beim FC Sunderland. Özil ist der perfekte Arsenal-Spieler, was aber gleichzeitig heißt, dass er das Grundproblem von Wengers Elf nicht lösen kann: das Spiel ohne Ball.

Ein Sieger aus England lässt sich angesichts dieser Lage kaum vorstellen, aber als echtes Problem gilt das nicht. Trost spendet eine These, die nicht nur bequem ist, sondern wohl auch wahr: Die Qualität an der Tabellenspitze und der Kampf um die Champions-League-Qualifikation sind in der Premier League schlicht zu groß, um es in Europa mit Teams aufzunehmen, die ihre Ligen nach Belieben beherrschen.