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Englische Fußball-Nationalmannschaft:Der Pirlo von Yorkshire

"Seine stille Exzellenz bietet dem Team etwas Neues und Hoffnungsvolles": Die englische Presse überschlägt sich wegen Kalvin Phillips.

(Foto: Glyn Kirk/AP)

Vor einem Jahr spielte Kalvin Phillips noch in der zweiten englischen Liga. Nach seinem ersten EM-Auftritt gilt der 25-Jährige schon als unverzichtbar für das Mittelfeld der Three Lions. Vergleiche mit den Größten scheinen angebracht zu sein.

Von Sven Haist, London

Über einen Mangel an schlauen Tipps kann Gareth Southgate nicht klagen. Trotz Englands erfolgreicher Entwicklung hat der Nationaltrainer auf der Insel noch nicht die Akzeptanz erreicht, dass man ihm bei der Wahl der Startelf bedenkenlos vertrauen würde. Die Enttäuschungen aus der Vergangenheit und das Überangebot an hochbegabten Spielern verleiten die ebenso beträchtliche Expertenriege auf der Insel dazu, Southgate vor jedem Länderspiel ausführlich in die Aufstellung zu reden. Nur zu einer Prognose auf die elementare Frage, ob das Mittelfeld bei dieser EM in der Lage sein würde, den Ton anzugeben, wollte sich niemand hinreißen lassen.

Aufschluss musste daher das Auftaktspiel geben - und das souveräne 1:0 gegen Kroatien im Wembley -Stadion zeigte, dass England in Southgates viereinhalbjähriger Amtszeit tatsächlich erstmals in der Lage war, das Zentrum im Duell mit einem etablierten Gegner zu dominieren.

Trainerurgestein Marcelo Bielsa drillte Phillips bei Leeds United

Im Halbfinale der WM 2018 wurde England gegen denselben Gegner noch ein beklagenswerter Mangel an Spielwitz zum Verhängnis. Damals fehlte ein Profi, der die Defensive mit der Offensive in Einklang bringen konnte. Eine schnelle Lösung schien sich nicht zu eröffnen, bis Trainerurgestein Marcelo Bielsa bei Leeds United auf einmal einen Spieler präsentierte, den zuvor kaum einer gekannt hatte: Kalvin Phillips.

Als erstem Engländer seit David Beckham vor 21 Jahren gelang es dem 25-Jährigen in seinem Premierenspiel bei einer EM umgehend ein Tor vorzubereiten. Nach einer wunderbaren Ballstafette spielte Philipps in der 57. Minute den entscheidenden 17. Pass für Raheem Sterling zum Siegtreffer. Mehr Zuspiele vor einem EM-Tor schaffte England zuletzt 2004, als Steven Gerrard gegen die Schweiz traf. In dieser Szene lief sich Philipps nicht nur exzellent im Rücken seiner Gegenspieler frei, sondern besaß obendrein die Gabe, im richtigen Moment nach innen zu dribbeln und den Pass in die kleine Lücke zu spielen, die Harry Kane mit seinem Laufweg für Sterling gerissen hatte.

"The Leeding Man", wortspielte das Massenblatt Sun in fetten Buchstaben - weil der in Leeds geborene Phillips seine Karriere bislang ausschließlich dort verbracht hat. Die Fans verehren ihn im Klub als "Yorkshire Pirlo", in Erinnerung an den italienischen Mittelfeldmaestro Andrea Pirlo. Sein Spitzname wurde in den sozialen Medien umgehend zum Trendthema, sogar die Kommentatoren aus Italien verwendeten ihn. "Ich habe einen Blick auf Twitter geworfen und es mitbekommen", gab Phillips zu. Das Gefühl sei "sehr schön" gewesen, aber über allem stehe das gewonnene Spiel. Der Guardian attestierte dem "unangekündigten" Mittelfeldmann, dass "seine stille Exzellenz dem Team etwas Neues und Hoffnungsvolles" biete, eine Vision, die nicht "auf Hollywood-Pässen oder blutigen Kopfverbänden oder 30-Meter-Schlägen" basieren würde. Erst nach 30 Zuspielen leistete sich Phillips gegen Kroatien einen Fehlpass. Auch deswegen befand die Times, dass er von nun an "nicht mehr auswechselbar" sei. Das könnte noch zum Konflikt führen, wenn der an der Hüfte verletzte Vizekapitän Jordan Henderson für die EM bald fit würde.

Als Scharnierspieler zwischen den Strafräumen weckt Phillips Erinnerungen an David Beckham und Frank Lampard

In seinem gerade mal neunten Länderspiel agierte Phillips im dreiköpfigen Mittelfeld auf der halbrechten Position neben den 22-jährigen Declan Rice (West Ham) und Mason Mount (FC Chelsea). In dieser Anordnung konnte England sogar das viel gelobte kroatische Mittelfeldtriumvirat Brozovic-Kovacic-Modric übertrumpfen. Die Aufgabenverteilung sah Rice als Absicherung vor der Abwehr und Mount im Ballbesitz in der Rolle des Spielmachers vor. Dazwischen war Philipps stationiert: als klassischer "Box-to-Box"-Spieler, wie Profis in England genannt werden, deren Arbeitsbereich hauptsächlich zwischen den Strafräumen liegt. Eine Position, die bei den Three Lions historisch oftmals gut besetzt gewesen ist; zuletzt mit dem Altinternationalen Frank Lampard, der über seinen Nachfolger in der BBC vor einem Millionenpublikum schwärmte. Auch Southgate lobte, Phillips habe "bärenstark" gespielt.

Kurz vor Beginn der Pandemie im März 2020 berief ihn Southgate zur Nationalelf ein, obwohl Philipps bis dahin noch kein einziges Spiel in der Premier League absolviert hatte, auch keines für die englischen Juniorenteams. Seinen Einstand fürs Nationalteam gab er dann im vergangenen September beim 0:0 gegen Dänemark in der Nations League. Kurz darauf debütierte er in der Premier League, nachdem Leeds nach 16 Jahren die Rückkehr ins Oberhaus gelungen war. Frühzeitig war Southgate schon die immense Physis aufgefallen, die Philipps in knallharten Trainings unter Bielsa eingedrillt bekam. Neben seiner Aggressivität und Dynamik verfügt er über eine erstaunliche Technik, auf die er sich selbst in Bedrängnis verlassen kann. Die Analyse des Guardian: "Phillips hat nicht die Passgenauigkeit eines Jordan Henderson, nicht die makellose Übersicht eines Declan Rice oder die mühelose Klasse eines Jude Bellingham. Aber im engsten Bereich des Spielfelds fordert er den Ball, bekommt ihn und macht fast immer etwas Sinnvolles damit. Je weniger Zeit man ihm gibt, desto mehr scheint er es zu genießen."

Mit seiner Leistung rechtfertigte Kalvin Phillips auch das Vertrauen seines Trainers, der die Personalie entgegen anfänglicher Skepsis immer forcierte. Die richtige Personalwahl im Auftaktspiel dürfte Southgate helfen, sein Profil in England zu schärfen - um in Zukunft noch mehr Vertrauen zu genießen.

© SZ/sjo/jkn
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