England verliert im Elfmeterschießen gegen ItalienUnvermeidliches Drama

Lesezeit: 3 Min.

Wer gewinnt, wenn England in einem Elfmeterschießen dabei ist? Die anderen. Am Ende steht es 4:2 für die Italiener, die im Halbfinale von Warschau auf die deutsche Mannschaft treffen. Zuvor zeigen die Azzuri ein gutes Spiel und erspielen sich zahlreiche Chancen - England kann sich nur mit Glück über die 120 Minuten retten.

Claudio Catuogno

SZ bei Google bevorzugen

Die Zuschauer auf den Rängen des Olympiastadions hatten ihre Zuneigung klar verteilt, sie riefen: "Ukraina, Ukraina!" Das war einerseits logisch, das Spiel fand in Kiew statt. Es war aber auch seltsam, denn die ukrainische Mannschaft spielte nicht mit, als am Sonntagabend im letzten Viertelfinale dieser EM der deutsche Halbfinalgegner ermittelt wurde. Italien gegen England lautete die amtliche Spielpaarung, und es sollte Zeit genug für alle bleiben, das zu verinnerlichen: Das Spiel ging ebenso torlos in die Verlängerung wie es torlos ins Elfmeterschießen ging.

Und wer gewinnt, wenn England in einem Elfmeterschießen dabei ist? Richtig: die Anderen. Immer. 2:4 lautete das Ergebnis am Ende - am Donnerstag trifft Italien in Warschau auf Deutschland.

Diese Mannschaft hat den Sieg verdient", sagte Italiens Cesare Prandelli hinterher. "Wir haben mit viel Geduld gegen eine starke und solide Mannschaft gespielt und diese ständig unter Druck gesetzt. Der Zusammenhalt der Mannschaft hat für den Sieg gesorgt. Deutschland ist im Halbfinale Favorit."

Roy Hodgsons Engländer gegen Prandellis Italiener, das versprach schon qua Ansetzung so schwere Kost zu werden wie Salsiccia mit Yorkshire- Pudding. Hodgson, der einst bei Inter und in Udine den Catenaccio studierte, hat die Three Lions in seiner kurzen Amtszeit zur lauernden Kontertruppe getrimmt. Die echten Italiener wiederum, denen Prandelli eigentlich einen frischen, unitalienischen Offensivstil beigebracht hat, würden ja ohnehin zu bewährten Defensiv-Rezepten greifen, sobald es um alles geht. Oder etwa nicht?

Dann aber: Kein Abwarten, Riegel-Zuschieben. Sondern: Attacke. Auf beiden Seiten. Wobei nicht ganz klar wurde, ob das so geplant war, oder ob es sich bloß nicht verhindern ließ. Die Engländer schienen jedenfalls überrascht zu sein, wie viel Raum die Italiener ihnen ließen, umgekehrt galt das gleiche, und so lief es bald eher auf ein frühes 4:4 hinaus als auf ein ewiges 0:0.

Daniele De Rossi eröffnete den erstaunlichen Torschussreigen mit einem Volleykracher an den Pfosten aus gut 20 Metern (3.). Im Gegenzug rutschte Englands Rechtsverteidiger Glen Johnson eine abgefälschte Hereingabe auf den Spann: Johnson schoss auf das sich weit öffnende Tor, Gianluigi Buffon streckte seine Torwartpranke in die Luft - und gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit blieb Johnsons Schuss darin hängen (5.). Dann scheiterte Danny Welbeck (11.), dann strich Rooneys Flugkopfball knapp über die Latte (14.), dann misslang Mario Balotelli ein Lupfer über John Terry (25.), dann misslang Balotelli eine Flugeinlage nach hübschem Zuspiel aus dem Mittelfeld (32.), dann schoss Welbeck nach Doppelpass mit Rooney knapp drüber (33.), dann lenkte Englands Torwart Joe Hart einen Schlenzer von Cassano aus der Gefahrenzone (38.). Dann, dann, dann, das war der Rhythmus dieser Partie. Ihr Motto war allerdings: Jeder Schuss kein Treffer.

Also doch nicht 4:4 zur Halbzeit. Die Zuschauer fühlten sich auch von diesem torlosen Unentschieden großartig unterhalten. So ging aber nicht ewig weiter. Sondern noch irrer: Als Balotelli den Ball nicht an Hart vorbeibrachte und Riccardo Montolivo den Abpraller über die Latte jagte (52.) - da begann ein neues Szenario Gestalt anzunehmen. Verlängerung? Elfmeterschießen? So kam es, trotz bester Gelegenheiten bis in die Verlängerung hinein, als ein Kopfballtor von Nocerino zu Recht annulliert wurde (115.).

Die Ukrainer riefen inzwischen: "Italia, Italia". Englands Fanblock hatte sich mehrmals der Welle verweigert, die durch den Rund schwappte - schon waren die Weißen untendurch in Kiew. Das passte ins Bild. Es reichen ja immer Kleinigkeiten im englischen Fußball, um die Sache zu vermasseln. Und nun also mal wieder ein Elfmeterschießen.

Balotelli macht den Anfang für die Italiener, Gerrard gleicht aus, 1:1. Dann Montolivo: links vorbei. Wer schon ein paar Fußballspiele der Engländer gesehen hat, der ahnt: Das würde ihr unvermeidliches Drama nur vergrößern. Rooney bringt sie 2:1 in Führung, Andrea Pirlo chippt den Ball lässig in die Tormitte zum 2:2. Young trifft die Latte, Nocerino verwandelt sicher. Dann hält Buffon den schwachen Versuch von Cole - und Diamanti macht mit dem 4:2 alles klar.

Italien also. Wenn man es böse formuliert, können sich Jogi Löws Männer auf einen windschiefen Halbfinalgegner einstellen, der hinten Chance um Chance zulässt, vorne aber keine rein macht. Man darf aber auch gerne von einem bärenstarken Halbfinalgegner sprechen, der Torschüsse im Minuten-Takt abgibt, während er hinten unglaublich schwer zu bezwingen ist.

© SZ vom 25.06.2012 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Presseschau zu Deutschland gegen Griechenland
:"Oh nein, die Deutschen"

Deutschland spielt Tiki-Taka: Nach dem Viertelfinal-Sieg gegen Griechenland überschlägt sich die Presse mit Lob für die DFB-Elf. Voller Ehrfurcht wird die "deutsche Walze" gelobt. Die Engländer fürchten sich schon jetzt vor dem möglichen Halbfinalgegner Germany, die Griechen sind trotz der Niederlage stolz auf ihre Mannschaft.

zum Spiel

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: