Neu ist der Ausdruck wahrlich nicht, mit dem Georgia Stanway vor einer Woche Englands EM-Teilnahme prägte: „Proper England“ wolle man sein bei diesem Turnier, sagte Stanway, und das wurde in den Tagen danach zum Credo. „So richtig England“, so wie man die Nationalmannschaft mit drei Löwen auf der Brust im Gedächtnis hat – und so wie es die Innenverteidigerin Millie Bright bereits im Februar beschrieben hatte, nach einem unschön erkämpften 1:0 gegen Weltmeister Spanien in Wembley: „Dieser Kampfgeist und der Wunsch, füreinander einzustehen, hart füreinander zu arbeiten und schwer zu schlagen zu sein.“
Dass England echt England sein will, genauso wie Italien echt Italien und Spanien echt Spanien, wäre nicht weiter erwähnenswert – hätten die Engländerinnen ihr Image nicht in den Jahren davor erfolgreich verändert gehabt. Unter Trainerin Sarina Wiegman waren es Spielfreude, taktische Brillanz und hohe Siege, die das Bild dieser extrem erfolgreichen Mannschaft prägten. England war oft mehr als England, es war stilbildend in seiner Art, modernen Fußball zu spielen. Und das war in gewisser Weise ein höchst lohnender Bruch mit der Tradition der eigenen simplen Fußballkultur.

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Man kann sich daher durchaus fragen, warum Stanway und ihre Mitspielerinnen nun beim Versuch der Titelverteidigung für die Rückkehr zu alten Tugenden, zu Kampfgeist und Physis werben. Warum „proper England“ zum geflügelten Wort wurde bei einem EM-Favoriten, der seiner hohen Spielkunst nun ein wenig abgeschworen hat – und damit womöglich schon wieder richtig liegt.
Es war nicht so, dass die Engländerinnen es nicht anders probiert hätten. In der Auftaktpartie der Gruppe D gegen Frankreich wollten 22 Spielerinnen Fußball zelebrieren. Kurze Pässe aus der Abwehr heraus, dazu im Mittelfeld, schnelle Kombinationen, viele Dribblings – so duellierten sich die beiden Favoriten, mit einer klaren, auf der Insel womöglich etwas erschreckenden Erkenntnis: Andere Mannschaften können mit diesem Stil inzwischen erfolgreicher sein als die Engländerinnen selbst.
Man musste nur Keira Walsh zuhören, als sie im Rückblick über die Lehren dieser für England fast schockierenden 1:2-Startniederlage sprach: „Wir waren ziemlich naiv darin, immer weiter kurze Pässe zu spielen.“ Zweieinhalb Jahre hat die ehemals teuerste Fußballerin der Welt im Mittelfeld des FC Barcelona gespielt, dem stilprägenden Frauenfußball-Klub der vergangenen Jahre. Unendlich viel Fachwissen hat sie in dieser Zeit gesammelt, aber sich nach eigener Aussage in Katalonien auch selbst verändert, nicht nur zum Besseren: „Es ist eigentlich eine meiner Stärken, auch längere Pässe zu spielen. Ich habe das ein wenig verloren, als ich für Barcelona gespielt habe.“

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Knochentrockene Siege scheinen der neue Trend zu sein – aber defensiv stabil ist bisher keiner der EM-Favoriten
Eine ähnliche Entwicklung wie Walsh haben viele Spielerinnen und Teams hinter sich. Der aufwendige Kurzpass-Stil wurde unter den besten Nationalteams der Welt in den vergangenen Jahren genauso vorherrschend wie einst im Männerfußball, als zwischen 2008 und 2012 Spanien drei Turniere in Serie gewann. Die Frage ist allerdings zunehmend: Liegt darin auch die Zukunft?
Grund zum Gegenbeweis lieferte nicht nur das knochentrockene 1:0 der Engländerinnen gegen Spanien im Februar, sondern auch das Champions-League-Finale, das der FC Arsenal gegen Barcelona ebenso knochentrocken 1:0 gewann. Die zweite Gruppenpartie der Engländerinnen bei dieser EM wurde dann zu einer Art Neuerfindung: Alte Tugenden in moderner Interpretation waren beim 4:0 gegen die Niederlande zu sehen – und dieser Sieg war auch eine klare Antwort auf die Frage, ob Wiegmans Elf weiterhin konkurrenzfähig ist. Seitenverlagerungen auf die Flügelspielerinnen Lauren Hemp und Lauren James, Distanzschüsse wie beim 2:0 durch Stanway, hohe Bälle auf Stürmerin Alessia Russo – das waren nun Englands taktische Mittel der Wahl. „Wir spielen so unsere Stärken viel besser aus“, sagte Walsh. Unter anderem führte das zu einem der bisher wenigen Zu-Null-Spiele eines Turnierfavoriten.
Auch das ist bislang eine Erkenntnis dieser EM: Defensive Stabilität ist bei kaum einer Mannschaft vorhanden. Fast alle dominanten Nationen ringen mit ihrer Abwehr-Struktur: Deutschland mit seinem mutigen bis naiven Verzicht auf eine defensive Ausrichtung ist das eindrücklichste Beispiel der Vorrunde, auch Frankreich spielte in keiner Partie bislang zu Null. Nicht mal die überragenden Spanierinnen konnten Gegentore verhindern, gegen Belgien und Italien wirkte ihre Defensive häufig anfällig gegen genau jene Stilmittel, die Wiegmans Engländerinnen ab dem zweiten Spiel anwendeten. Gepaart mit hoher individueller Qualität in allen Mannschaftsteilen und mit Spielerinnen wie Stanway, die nach Verletzungsproblemen überraschend schnell zu beeindruckender Form fand, ist England deshalb wieder erstarkt.
Schwer schlagbar zu sein, das könnte zum Trumpf werden in der Endphase des Turniers, auch wenn den Engländerinnen ein Problem droht. Die eine Mannschaft nämlich, die die klassischen englischen Eigenschaften vielleicht noch besser verkörpert als die Three Lionesses selbst, kommt aus Schweden – und ist Englands Gegner im Viertelfinale an diesem Donnerstag (21 Uhr). Stabilität, Einsatz und Disziplin sind im Team von Trainer Peter Gerhardsson die obersten Gebote. „Proper England“, könnte man sagen, ist in Schweden schon seit Langem die Maxime.

