Englische Nationalmannschaft:Der DFB-Elf in ein paar Punkten voraus

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Einmal jubeln für einen Punkt: Harry Kane (rechts) und Kollegen nach dem Ausgleichstreffer. (Foto: Marc Schüler/Imago)

Die englische Mannschaft ist ein halbes Jahr vor der WM schon weiter als das Team von Hansi Flick: Weil sie niemals hektisch agiert. Und einen echten Mittelstürmer hat.

Von Sven Haist, München

Der englische Nationaltorwart Jordan Pickford ließ sich nicht aus der Ruhe bringen - weder durch die dröhnenden Pfiffe der deutschen Fans im Stadion noch durch die Proteste des Bundestrainers Hansi Flick am Seitenrand, und auch nicht durch die Ermahnung des Schiedsrichters, das Spiel unverzüglich fortzusetzen. Als der Ball kurz vor dem Ende der vierminütigen Nachspielzeit an der Eckfahne über die Torauslinie rollte, lief er zu seinen dort postierten Mitspielern. Zunächst kümmerte sich Pickford um Jude Bellingham, der sich entkräftet übergeben musste. Dann lobte der Schlussmann ausführlich Rechtsverteidiger Kyle Walker für dessen vorherige Klärungsaktion.

Auf dem Rückweg zu seinem Tor ließ sich Pickford ebenfalls nicht hetzen, genauso wie beim Abschlag selbst, den er mit einem Flachpass antäuschte, aber letztlich weit in die andere Spielhälfte drosch. Auf diese Weise vertrödelte er rund eine Minute. Wertvolle Zeit, die Deutschland mindestens einen weiteren Angriff kostete, um doch noch das Siegtor zu erzielen. Fast direkt nach dieser Szene war der Länderspiel-Klassiker zwischen Deutschland und England vorüber.

Pickfords ungeahndete Spielverzögerung lieferte der DFB-Elf gewissermaßen eine exemplarische Anleitung zur Verwaltung eines genehmen Resultats. Und nicht nur diese Gewieftheit hat England momentan seinem Fußball-Dauerrivalen voraus - wie das 1:1 in München bestätigte. Nach der Auftaktpleite in Ungarn waren die Three Lions am zweiten Nations-League-Spieltag gefordert, eine weitere Niederlage zu vermeiden, um das immerzu aufgeregte Mutterland des Fußballs nicht aufzuschrecken. Ein Unentschieden schien dabei das vermeintlich beste Preis-Leistungs-Verhältnis zu sein, weil Nationaltrainer Gareth Southgate nach einer strapaziösen Saison bei der Wahl seiner überspielt wirkenden Akteure personell Abstriche machen musste.

Der DFB-Elf fehlt ein Stürmer der Güteklasse von Harry Kane

So wartete England mit einer Abwehrreihe auf, bei der alle vier Verteidiger kürzlich wochenlang ausgefallen waren. Beispielhaft schleppte sich der wegen eines Mittelfußbruchs in der Rückrunde knapp drei Monate nicht einsetzbare Linksverteidiger Kieran Trippier durch die Partie, weil sowohl Ben Chilwell als auch Luke Shaw als Alternativen nicht zur Verfügung standen. Welche Gefahr die Nominierung frisch genesener Profis für Southgate barg, verdeutlichte die frühe Auswechslung des erneut verletzten Kalvin Phillips, den seinerseits eine Oberschenkelblessur fast die gesamte zweite Saisonhälfte außer Gefecht gesetzt hatte.

Daher war es aus englischer Sicht die vermeintlich einzig richtige Strategie, sich die Bemühungen der hochmotivierten DFB-Delegation aus der Defensive anzusehen. Die Deutschen gingen auch prompt mit 1:0 in Führung - ehe die Engländer dann mit einer Tempoerhöhung am Spielende zu verstehen gaben: Wir haben euch jetzt machen lassen, aber verlieren werden wir hier sicher nicht! Personifiziert durch Harry Kane, der sich quasi im Energiesparmodus übers Spielfeld bewegte, bis er im Strafraum plötzlich schneller reagierte als Gegenspieler Nico Schlotterbeck, der ihm in die Fersen lief. Abgebrüht versenkte Kane den anschließenden Elfmeter zum 1:1 in der 88. Minute, sein 50. Länderspieltreffer.

Zu Recht, befand Southgate, stehe sein Kapitän deshalb "im Mittelpunkt der Geschichte", aber "sein gesamtes Repertoire" sei außergewöhnlich. Kane selbst bezeichnete sein Torjubiläum als "wirklich schönes Gefühl". Das Ergebnis zeige, wo England momentan stehe: nämlich vor Deutschland, mitunter weil der DFB-Elf ein Stürmer seiner Güteklasse fehlt.

Zudem bewiesen die Engländer eine Autorität, mit der sie sich den Spielverlauf untertan machten. Zu keiner Zeit brach Hektik aus, selbst nach dem Rückstand nicht. Stattdessen herrschte eine Gelassenheit vor, die aus dem Vertrauen der Spieler resultiert, sich aufeinander verlassen zu können - weil sie gemeinsam allerhand gute wie schlechte Zeiten durchlebt haben. Die Reaktion auf die Auftaktniederlage in Ungarn und den erneuten Rückstand in München sei "fantastisch" gewesen, lobte Southgate. Er habe versucht, den Spielern klarzumachen, dass ein Spitzenteam keine zwei Partien "in Serie" verliere.

Als Grund für die erfolgreiche Umsetzung des Vorhabens führte Southgate jene sieben Spieler aus der Startelf an, die bereits zum Kern des Teams bei der WM 2018 zählten. Die Konstanz hat dazu geführt, dass England schon jetzt, fünf Monate vor dem Start der WM, über eine eingespielte Mannschaft verfügt. Anders als in den zurückliegenden Jahren besitzen die Three Lions dabei eine hohe taktische Flexibilität, die es Southgate erlaubt, je nach Ausrichtung zwischen mehreren Anordnungen zu wechseln - ohne dass sich die Spieler jeweils erst an die neue Ausrichtung gewöhnen müssen.

Wie zum Beweis agierte England in den beiden Duellen mit Deutschland bei der EM 2021 und jetzt in der Nations League in zwei unterschiedlichen Formationen, die Erkenntnis: Beides funktioniert annähernd gleich gut. Die Darbietungen haben nichts mehr gemein mit dem schmeichelhaften 0:0 gegen Deutschland im Herbst 2017, das als Geburtsstunde des aktuellen Southgate-Teams gilt. Damals gab Jordan Pickford im Tor der Engländer sein Länderspieldebüt.

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