Emre Can beim FC Liverpool "Yes he Can" verzückt Liverpool

Emre Can, der Artist: Der Deutsche in Liverpool in stabiler Seitenlage.

(Foto: Getty Images)
Von Sven Haist, Watford

Wer nicht an Zufälle glaubt, konnte denken, dass selbst die Stadionregie des FC Watford irgendwie Gefallen gefunden hatte an diesem wundervollen Treffer. Sie spielte über die Lautsprecher "Rocket Man" von Elton John, als Liverpools Emre Can nach der ersten Hälfte den Rasen Richtung Kabine verließ. In dem Welthit geht es um die gemischten Gefühle eines Astronauten vor einer neuen Mission. Als Inspiration für den Text diente die Aufbruchsstimmung der Menschen in den 1970er Jahren, den Weltraum erobern zu wollen.

Dem Anlass am Montagabend im Premier-League-Spiel zwischen Watford und Liverpool (0:1) war das durchaus angemessen. Wie ein Astronaut war der deutsche Nationalspieler in der Nachspielzeit der ersten Hälfte abgehoben, um dann völlig losgelöst von der Erde im gegnerischen Strafraum zum Fallrückzieher anzusetzen. Eine sehenswerte Leistung, die mit einem Treffer belohnt wurde. "Das ist das beste Tor, das ich je geschossen habe", meinte Emre Can zu dem Tor, mit dem er den dritten Platz seiner Mannschaft in der Tabelle festigte.

Aus der Spielfeldmitte heraus hatte Can eine Lücke erspäht in Watfords Defensivreihe zwischen Sebastian Prödl und Nordin Amrabat - und lief mutig hinein. Das folgende Zuspiel von Lucas Leiva aus dem Halbfeld hätte der 23-Jährige nun per Kopfball aufs Tor bringen können - oder den Ball erst mal mit der Brust annehmen. Was ein Fußballer halt so macht, wenn er nicht Lionel Messi heißt.

Doch Can spürte, dass dieser Moment ein spezieller werden könnte, sein persönlicher Messi-Moment, also schwang er in einer Akrobatikeinlage sein linkes Bein in die Luft. Mit dem anderen Fuß holte er in einem Bogen aus, um den Ball letztlich aus 14 Metern in einer Höhe von 174 Zentimetern mit einer Geschwindigkeit von 64 Stundenkilometern zum Siegtreffer in den Torwinkel zu setzen. Selbst Watfords Fans staunten ob der Schönheit dieses Treffers und verharrten mit offenen Mündern einige Sekunden auf ihren Sitzen. Cans Tor reiht sich ein in die Hitliste der schönsten Tore dieser Premier-League-Saison. Sogar eine Stufe über den Hackentreffern von Henrikh Mkhitaryan (Manchester United) und Olivier Giroud (FC Arsenal).

Für Can ist es der siebte Ligatreffer im Liverpooler Trikot, doch keines davon reicht an dieses Kunststück heran. "Mein erster Gedanke war, den Ball zu köpfen. Danach habe ich nicht mehr so viel gedacht", beschrieb er die Sekunden vor seinem Zaubertor. Die englischen Zeitungen konstruierten aus seinem Nachnamen jede denkbare Lobpreisung. Von "Cantastic" (Daily Star), über "Magi-Can (The Sun) bis hin zu "Rocket Can" (Daily Mail), die markanteste war in jedem Fall: "Yes he Can."

Premier League Verschieben sich die Kräfte im Londoner Fußball?
Premier League

Verschieben sich die Kräfte im Londoner Fußball?

Das erste Mal seit 22 Jahren wird Tottenham Hotspur in der Tabelle vor dem FC Arsenal stehen. Trainer Mauricio Pochettino hat ein Team mit einer Jeder-für-jeden-Mentalität gebaut - und die Meisterschaft ist noch möglich.   Von Sven Haist

Unmittelbar nach seinem Treffer sprintete Can wie von Sinnen auf die Ersatzbank zu und rutschte auf den Knien vor die Füße von: Jürgen Klopp. Von Liverpools Trainer hatte es zu Beginn der Partie ein paar harsche Worte gegeben, weil seine Spieler in den vergangenen Wochen einige Punkte im Wettstreit um eine direkte Champions-League-Qualifikation verschenkt haben.

Das Tor kam aber nicht nur für Liverpool zur richtigen Zeit, sondern auch für Can selbst. Der Vertrag des Mittelfeldspielers bei den Reds läuft im Sommer 2018 aus.Bisweilen überdeckt seine sehr physische Spielweise seine technischen Fertigkeiten, die er zweifelsfrei besitzt. Mit seiner wuchtigen Zweikampfstärke hat sich Can in seiner dritten Saison auf der Insel vor der Abwehr zu einem Leistungsträger entwickelt, der dem Liverpooler Team die so dringend notwendige Balance zu den spielstarken Offensivreihen garantiert. Auch deshalb drängte Klopp darauf, ihn trotz Wadenproblemen in die Startelf zu nehmen.

Eine weitsichtige Entscheidung, wie sich heraustellen sollte. "Unglaublich", lobte Klopp später, als er gebeten wurde, den Treffer mit einem Wort zu beschreiben. Dann lachte der frühere Dortmunder Trainer sein typisches, lautes Klopp-Lachen, und ergänzte: "Herausragend, Weltklasse, ein Mordsding!"

Premier League Die Wandlung des Pep Guardiola

Manchester City

Die Wandlung des Pep Guardiola

Sportlich läuft es bei Manchester City holprig, Trainer Guardiola überzeugt aber zwischenmenschlich. Er hat aus seiner Zeit bei Bayern gelernt.   Von Sven Haist