DFB-Gegner Ungarn:Alles hängt an Szoboszlai

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Was kommt da noch bei der EM und im Leben? Dominik Szoboszlai riskiert einen Schlüsselloch-Blick. (Foto: Tom Weller/dpa)

Der ehemalige Leipziger gilt in Ungarn als Nachfolger des legendären Ferenc Puskas. Fachleute prophezeien dem Kapitän des deutschen Gruppengegners eine Weltkarriere – wenn er sich nicht zu viel zumutet.

Von Sven Haist

Immer wieder Ferenc Puskas. Der Name des größten ungarischen Fußballers fällt in der Heimat so häufig, als wäre er immer noch am Ball. Und in gewisser Weise ist er das auch: Der ehrwürdige Spielmacher von Real Madrid ist die ständige Referenz für seine Landsleute, weil er der Anführer der erfolgreichsten Fußballgeneration seines Landes war. Die Ungarn gewannen mit ihm 1952 Olympiagold und blieben 31 Länderspiele nacheinander unbesiegt – bis das epochale WM-Finale 1954 gegen Deutschland in Bern 2:3 verloren ging. Puskas begründete in dieser Phase die bis heute gültige Reputation der Trikotnummer 10. Sie ist den Künstlern vorbehalten.

Mit Puskas’ Emigration nach Spanien endete damals die Dominanz der Ungarn. Anschließend erreichten sie nur noch zweimal ein WM-Viertelfinale und konnten sich seit der WM 1986, bei der sie als Mitfavorit gehandelt und im Auftaktspiel von der Sowjetunion 6:0 deklassiert wurden, nicht mehr für ein Weltturnier qualifizieren. Deshalb sehnen sie sich nach den Erfolgen von einst und insbesondere nach einem Nachfolger für Puskas: In Dominik Szoboszlai vom FC Liverpool glauben sie ihn endlich gefunden zu haben. Der Mittelfeldspieler ist der erste Ungar bei einem internationalen Spitzenklub, seit Puskas in den Sechzigerjahren das Real-Trikot trug.

Im November 2022 machte Ungarns Nationaltrainer Marco Rossi den gerade erst 22 Jahre alten Szoboszlai überraschend zum Kapitän. Der Posten war durch den Rücktritt des ehemaligen Mainzers Adam Szalai frei geworden. Zu dieser Zeit spielte Szoboszlai seine zweite Saison bei RB Leipzig in der Bundesliga. Sein damaliger Kollege Marcel Halstenberg, neunmaliger Nationalspieler für Deutschland, erinnert sich am Telefon, dass Szoboszlai im Kreise der Vereinskollegen sofort gesagt habe, er übernehme das Amt. Zwar hätte er, Halstenberg, prinzipiell auf seine routinierteren Teamkollegen Peter Gulacsi und Willy Orban als Spielführer Ungarns getippt, aber wegen seines Selbstbewusstseins und Werdegangs sei die Entscheidung für Szoboszlai plausibel gewesen. Dieser sei ein „super Kerl“, der immer gute Laune und einen Spruch parat habe, berichtet der 32-Jährige.

Mit 16 Jahren verließ Szoboszlai seine Heimat – bislang hält er dem öffentlichen Druck stand

Wie viele andere ungarische Spieler verließ Szoboszlai mit 16 Jahren das Land, um seine Profikarriere im Ausland zu starten. Er tat das im Fußballkosmos von Red Bull, zunächst in Salzburg, später in Leipzig. Der frühere RB-Trainer Jesse Marsch, der ihn hier wie dort trainiert hat, sagte dem Telegraph mal, Szoboszlai sei stets für diesen Karrierepfad auserkoren gewesen. Er sei die Hoffnung und der Stolz der Nation. In gewisser Weise verkörpert Szoboszlai den Fußballboom in Ungarn. Er begann mit den Millioneninvestitionen der Regierung Viktor Orbans in die Spielerausbildung und Fußball-Infrastruktur des Landes. Nationalismus in Verbindung mit Sport werde als „unproblematisch“ wahrgenommen, so analysierte die Neue Zürcher Zeitung Orbans Kalkül.

Dem Druck der Landsleute scheint Szoboszlai standzuhalten. Im Sommer 2023 wechselte er für rund 75 Millionen Euro von Leipzig nach Liverpool – so viel Geld hatte nie zuvor ein Verein für einen ungarischen Spieler ausgegeben. Auf Anhieb gelangen dem Nationalteam mit ihm als Kapitän 14 Länderspiele ohne Niederlage. Eine solche Serie hatte Ungarn zuletzt in den Puskas-Jahren hingelegt. Die Nation fing plötzlich an, vom ersten Sieg in einem K.-o.-Spiel seit der EM 1972 zu träumen.

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Doch der EM-Auftakt brachte eine 1:3-Niederlage hervor, sodass eine weitere Pleite im Duell mit den Deutschen am Mittwoch fast schon das Aus bedeuten würde. Der heute 23-jährige Szoboszlai krönte sich zwar im Duell mit der Schweiz zum jüngsten EM-Kapitän der Turnierhistorie. Allerdings bescheinigte ihm die New York Times, dass er sich nach dem Rückstand als Aufbauspieler, Ideengeber und Vollstrecker versucht habe, was unhaltbar gewesen sei. Man könne den Ball stets nur mit einem Fuß kicken, sonst falle man auf den Hintern, betonte Puskas einst – als er kritisiert wurde, fast alle Aktionen immer mit dem linken Fuß auszuführen.

Wie Puskas verfügt auch der Rechtsfuß Szoboszlai über die Gabe, bemerkenswert hart und präzise aufs Tor schießen zu können. Halstenberg beobachtete im Leipzig-Training, dass der Ungar den Ball immerzu mit Voll- und Innenspann zu treffen versuche. Dadurch bekomme das Spielgerät sowohl Power als auch dank Szoboszlais kleiner Füße – Schuhgröße 41 bei 1,86 Meter Körpergröße – eine schwer einzuschätzende Flugkurve. Auch als Vorlagengeber weiß er zu glänzen: In den vergangenen acht Länderspielen war er an neun Toren beteiligt, unter anderem am Anschlusstreffer gegen die Schweiz. Dass er sich in der Premier League sofort als Stammkraft etablierte, liegt an seiner für einen Offensivspieler ungewöhnlichen Laufstärke. Szoboszlai gilt als klassischer Umschaltspieler. Von ihm geht die größte Gefahr für die DFB-Elf aus.

Zuletzt wurde er gefragt, ob er es auch mit Ferenc Puskas aufnehmen könne. Szoboszlai übte sich in Zurückhaltung, ein sehr sensibles Thema, antwortete er. Es habe keinen Sinn, schon jetzt Vergleiche anzustellen, wo er gerade mal am Anfang seiner Karriere stehe. Einer großen, da sind sich immerhin alle einig.

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