Sicherheit bei der EM:Kraftakt für die Behörden

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24 Teams, 51 Spiele, zehn Standorte: Der Aufwand der Sicherheitsbehörden ist hoch, während und auch schon vor der EM. (Foto: Andreas Rentz/Getty)

Geheimdienste, Polizei und Organisatoren kämpfen mit enormem Aufwand gegen mögliche Terrorakte während der EM. Eine Festnahme kurz vor dem Turnier zeigt, wie kritisch die Sicherheitslage ist. 

Von Markus Balser, Berlin

Es war nur eine Bewerbung von vielen, die deutsche Sicherheitsbehörden in diesen Wochen überprüfen. Ein 23-jähriger Mann mit deutsch-marokkanisch-polnischer Staatsbürgerschaft hatte sich kürzlich als Sicherheitskraft für Events rund um die Fußball-EM beworben. Doch daraus wurde nichts. Am Freitag wurde er auf dem Flughafen Köln/Bonn verhaftet.

Polizei und Staatsschutz bekamen bei der Sicherheitsüberprüfung eine Warnung und stießen dann darauf, dass der Mann die Terrorgruppe Islamischer Staat Provinz Khorasan (ISPK) finanziell unterstützt haben soll. Jene IS-Gruppe also, die nicht nur für die geplanten Anschläge in Köln und Wien zum Jahreswechsel vor einem Jahr verantwortlich sein soll, sondern auch für das Massaker in einer Konzerthalle in Moskau. Der Generalbundesanwalt beantragte Haftbefehl gegen den Mann, der seither in Untersuchungshaft sitzt.

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Dass ein IS-Unterstützer Teil der EM-Schutzmaßnahmen werden wollte, lässt in diesen Tagen die Behörden aufhorchen. Es ist eine Nachricht, die noch schwieriger macht, was der Kanzler gerade von den Deutschen einforderte: unbeschwerte Lust auf das Fußballfest. „Ich bin überzeugt: Unser Land wird sich in diesem Fußballsommer von seiner besten Seite zeigen“, sagte Olaf Scholz am Donnerstag vergangener Woche bei einer Regierungserklärung im Bundestag. Die Sicherheitsbehörden hätten sich sorgfältig vorbereitet. „Lassen Sie sich die Vorfreude auf dieses Fußballfest, auf diesen Sommer nicht nehmen“, riet der SPD-Politiker.

In den Stadien werden knapp drei Millionen Besucher erwartet – weitere zwölf Millionen auf den Fanmeilen

Doch das größte Sportereignis in Deutschland seit Jahren trifft auf eine heikle Sicherheitslage: die Eskalation im Nahen Osten, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, geplante Sabotageakte in Deutschland im Auftrag russischer Agenten, der von einem IS-Ableger verübte Anschlag bei Moskau und zuletzt auch noch das mutmaßlich islamistisch motivierte Attentat von Mannheim. Die Vorfreude in den für die Polizei zuständigen Landeshauptstädten klingt jedenfalls gedämpft. Für die Sicherheitsbehörden stehe kein fröhliches Fest an, sondern vor allem ein anstrengendes, sagte etwa Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU).

Vor allem das Attentat von Mannheim hat die Sicherheitskräfte nervöser werden lassen. Offenbar hatte sich der 25-jährige Angreifer mit afghanischer Staatsbürgerschaft von den Behörden unbemerkt radikalisiert. Seit Monaten warnen Sicherheitsbehörden genau vor diesem Risiko auch für die EM. Einzeltäter seien vorher schwer ausfindig zu machen, warnt Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU). Wer kommuniziere oder in Netzwerken aktiv sei, falle den Behörden früher oder später auf. „Wo keine Kommunikation stattfindet, kann man auch keine Kommunikation überwachen.“

Aufrufe des IS-Ablegers ISPK zu terroristischer Gewalt gab es vor der EM, die Gruppe hatte auf einem ihrer Kanäle ein Bild veröffentlicht, das einen Mann in einem Stadion mit einer automatischen Waffe zeigte. Diese Propaganda solle Einzeltäter anstacheln, heißt es aus Sicherheitskreisen. Die EM sei in der Logik von Terroristen ein lohnendes Ziel, um die eigene Macht zu demonstrieren. Konkrete Hinweise auf einen Anschlag aber gebe es derzeit nicht. Die Terrorgefahr sei „angespannt“ und „abstrakt hoch“, sagt Innenministerin Nancy Faeser (SPD). Klar sei, dass es „100-prozentige Sicherheit nicht geben“ könne.

Fans müssen sich auf Kontrollen in drei Wellen einstellen

Schon die Dimension des Turniers macht klar, um welchen Kraftakt es geht: 24 Teams, 51 Spiele, zehn Standorte. Allein in den Stadien rechnet die Regierung mit knapp drei Millionen Besuchern – und weiteren zwölf Millionen auf den Fanmeilen. Zehntausende Sicherheitskräfte werden im Einsatz sein. Bei der Bundespolizei und in einigen Bereichen der Landespolizeien gelten Urlaubssperren, um den Personalbedarf decken zu können. Rund 350 Einsatzkräfte der Polizei aus den europäischen Teilnehmerländern werden die deutschen Beamtinnen und Beamten unterstützen.

Besonders intensiv geschützt werden die Stadien. Fans müssen sich auf Kontrollen in drei Wellen einstellen. Schon weit vor den Stadien sollen die meisten Autos abgefangen werden. Wer mit dem eigenen Fahrzeug anreise, müsse abseits des Stadions parken und mit dem ÖPNV weiterfahren, heißt es beim Organisationskomitee. In einem „äußeren Sicherheitsring“ vor dem Stadion beginnen die Taschen-, im „inneren Sicherheitsring“ folgen die Ticketkontrollen.

Bereits seit dem vergangenen Freitag laufen Kontrollen an den Außengrenzen, um Gefährder und Hooligans an der Einreise zu hindern. Auch die Teams, deren Hotels und Trainingsbereiche muss die Polizei sichern.

Zu den Teilnehmern gehört auch die Elf der Ukraine, die unter Sonderschutz durchs Land reist. Sie schlägt ihr Lager in Hessen bei Wiesbaden auf. Wie genau die Mannschaft geschützt wird, halten die Behörden aber unter Verschluss. Sicher ist sicher.

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