EM-Qualifikation: Deutschland - Türkei Falsche Pfiffe

Es sollte ein doppeltes Heimspiel werden: Deutschland gegen die Türkei! In Berlin! Wir gegen uns sozusagen. Doch viele Türken haben Mesut Özil die Entscheidung für den DFB nicht verziehen - und pfiffen ihn aus.

Ein Kommentar von Thomas Hummel

Ein paar Unverdrossene wollten einfach nicht mit dem Pfeifen aufhören. Immerhin waren es in der 89. Minute nur noch wenige Türken, die bei Mesut Özils Auswechslung ihrer Missgunst Luft machten. Viele im rot-weißen Gewand auf den Tribünen im Berliner Olympiastadion applaudierten dem Gelsenkirchener mit den türkischen Eltern, der sich entschieden hat, für Deutschland Fußball zu spielen. Oder hielten wenigstens still.

Verhaltener Jubel: Thomas Müller streichelt dem Torschützen Mesut Özil nach dem 2:0 über den Kopf.

(Foto: REUTERS)

Die Pfiffe gegen Mesut Özil während des Spiels wollten so gar nicht passen zum verkündeten Fußballfest-Integrationsgipfel. Deutschland gegen die Türkei in Berlin - das war ja praktisch ein doppeltes Heimspiel. Wir gegen uns sozusagen. Doch während sich kein Deutscher daran störte, dass der Lüdenscheider Nuri Sahin, der Kasselaner Ömer Erdogan oder die Gelsenkirchener Zwillinge Altintop für die Türkei spielten, haben viele Türken dem 21-jährigen Özil die Entscheidung für den DFB offenbar nicht verziehen.

Der Druck auf Özil war enorm vor und während dieser 90 Minuten. Was er unter diesen Umständen zeigte, ist umso höher zu bewerten. Denn gerne wird der 21-Jährige die Ablehnung seiner türkischen Freunde nicht gehört haben. Mit zunehmender Spieldauer aber ignorierte er Pfiffe und Druck, mit ihm als dominanter Figur in der Zentrale beherrschte seine deutsche Mannschaft zunehmend die Partie. Dass er das entscheidende 2:0 schoss, ist die eigentlich fast übertriebene Pointe dieser Begegnung.

Özils Auftritt steht symbolhaft für die deutsche Mannschaft, die in diesen Wochen nichts stören kann. 3:0 gegen den wohl stärksten Gegner in der Gruppe A der EM-Qualifikation - das erinnert fast an die rauschhaften Tage von Bloemfontein und Kapstadt bei der WM.

Mit Philipp Lahm, Holger Badstuber, Toni Kroos, Thomas Müller und Miroslav Klose hetzten fünf angeblich hundemüde Bayern-Profis plötzlich über den Platz wie einst im südafrikanischen Juni.

Klose trifft, wie sollte es anders sein, wieder im Nationaltrikot und ist mit 57 Länderspiel-Toren nun zweitbester Schütze des Landes. Der 20-jährige Kroos spielt auf der ungewohnten Position im defensiven Mittelfeld als hätte er nie was anderes gemacht, und hinten steht Torwart Manuel Neuer 96 Spielminuten lang rum, um in der einen Szene fantastisch gegen Halil Altintop den Ausgleich zu verhindern.

"Unsere Mannschaft ist so erfolgsbesessen und zielorientiert, dass sie in so einem Spiel alles abruft", kommentierte Bundestrainer Joachim Löw die Verwandlung seiner Spieler von Bundesliga-Schlaffis zu Länderspiel-Kolossen. Es sagte es so, als wäre das für ihn das Selbstverständlichste der Welt. Der weitsichtige Trainer hat seiner Gruppe ein Grundmuster antrainiert, das ihr Sicherheit und Stabilität gibt. Da können selbst ein Nach-WM-Loch oder Pfiffe gegen den 21-jährigen Spielmacher nichts dagegen ausrichten.

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