EM 2008 Grüezi, Gummihälse!

Die Deutschen sind bei der EM erstmals zu Gast in der Schweiz - sonderlich beliebt sind sie dort nicht.

Von Gerd Zitzelsberger

Sie kommen in Scharen, sprechen laut und wissen alles besser - so beschreibt der Zürcher Schriftsteller Bruno Ziauddin die Deutschen. In seinem Buch "Grüezi Gummihälse" analysiert er, warum die Deutschen die Schweizer so nerven. Den Spitznamen "Gummihälse" haben die Deutschen sich bei den Schweizern eingebrockt, weil sie laut Ziauddin unentwegt nicken, wenn der Chef etwas sagt. Ziauddin gilt durch sein Buch als Experte in Sachen deutsch-schweizerisches Verhältnis, also urteilt er auch über das deutsche Fußballteam: "Eure Mannschaft ist zwar kampfstark, aber bieder, und sie hat ihren Schrecken als Fußballgroßmacht verloren."

Unter Schweizern gilt der deutsche Fußball als kampfstark, aber bieder. An diesen beiden Fans kann das nicht liegen.

(Foto: Foto: dpa)

Die Sympathien im Stadion werden also ungleich verteilt sein, wenn am Donnerstagabend die deutsche Elf im Basler Joggeli gegen Portugal antritt. Bislang jedenfalls gilt als gesicherter Erfahrungsschatz: "Wenn die Deutschen verlieren, jubeln die Schweizer". Fußball ist eine gute Bühne für die nachbarschaftlichen Reibereien zwischen Deutschland und der Schweiz.

"Hauptsache, die Deutschen verlieren"

"Leichtfüßig spielen sie, intelligent und kreativ, einfach bezaubernd", findet Bruno Ziauddin, und er spricht damit der Schweizer Volksseele aus dem Herzen. Das Lob gilt allerdings nicht der deutschen Elf, sondern den Portugiesen. Speziell sie und die Holländer haben sich in der Vorrunde der EM in die Herzen der Schweizer gespielt. Auf sie projizieren die Eidgenossen nach dem eigenen Ausscheiden den Traum, als kleines Land zu den wichtigen Nationen auf dem Rasen zu gehören - oder der Außenseiter zu sein, der jeden verblüfft.

Gleichsam stellvertretend vollbringen die niederländischen Fans, was den Eidgenossen selbst manchmal schwer fällt: Sie können extrovertiert und ausgelassen feiern. Tageweise haben die Holländer bei der Europameisterschaft ganz Bern orange gefärbt. Sie haben heftig getrunken und sind trotzdem friedlich geblieben.

Deutschland dagegen empfinden die Schweizer beim Fußball als eine Großmacht, die sogar dann gewinnt, wenn sie nicht brillant spielt. "Wir sind immer neutral. Uns ist es gleich, wer die Deutschen schlägt", frotzelte die Schweizer Illustrierte. Das Fachblatt Sport stimmte ein: "Hauptsache, die Deutschen verlieren".

Schadenfreude in Österreich

Mit Schrecken erinnert sich der Wahlschweizer und EDV-Berater Jens-Rainer Wiese aus Norddeutschland noch an die Weltmeisterschaft vor zwei Jahren: "Wir hatten deutsche Flaggen am Auto und waren schockiert über die Ressentiments. Einmal wurde meine Frau auf der Autobahn abgedrängt." Ein deutscher Neu-Einwanderer gab vor laufender Fernsehkamera zu Protokoll: "Es ist die Hölle, als Deutscher in der Schweiz Fußball zu gucken. Egal, gegen wen Deutschland spielt, die sind immer für das andere Land. Immer!" "Groß wäre die Schadenfreude, wenn Deutschland frühzeitig aus dem EM-Turnier ausscheiden würde", fasste das Boulevard-Blatt Blick die Stimmung vor dem Österreich-Spiel zusammen.

Das klingt hart, aber das Verhältnis zu den Deutschen hat sich trotzdem etwas entschärft. Denn die Schweizer haben einen anderen Lieblingsfeind ausgemacht - den europäischen Fußballverband Uefa. Die Uefa, die in der Schweiz ihren Sitz hat, heimse ihren Profit steuerfrei ein, während die Schweizer Austragungsorte auf den Kosten sitzen blieben, heißt es. Nicht einmal genügend Luftverschmutzungszertifikate habe die Uefa gekauft, kritisierte selbst der Schweizer Umweltminister Moritz Leuenberger.

Deutschland ist im Vergleich zur Uefa als Feindbild verblasst. Ohnedies tun sich die Schweizer immer schwerer mit dem geliebten Feindbild. Schließlich arbeiten einige Schweizer Trainer in Deutschland, mehr als ein Dutzend Schweizer Profis spielen in der Bundesliga. "Eine schleichende Helvetisierung des deutschen Fußballs" sei im Gange, diagnostiziert Ziauddin. Umgekehrt hat die Schweiz unter dem einhelligen Beifall der Fans den bisherigen Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld als neuen National-Coach angeheuert. Aber das werden die Schweizer Fußballbegeisterten am Donnerstagabend in Basel lieber verdrängen.