Spanien bleibt ohne Punktverlust:Olmo und der gelbe Hai

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Traumpass und Bestnoten: Dani Olmo (Mitte) überzeugt gegen Albanien. (Foto: Kenzo Tribouillard/AFP)

Spaniens Nationalteam zeigt beim 1:0 gegen Albanien, dass es nicht nur mit zehn Neuen in der Startelf souverän gewinnen kann – sondern dass seine Bank Trainer de la Fuente viele taktische Varianten bietet.

Von Javier Cáceres, Düsseldorf

Alejandro Grimaldo kann sich schlecht größer machen, als er ist, und so fragte er fast schon belustigt lachend, ob er nicht das Mikrofon ein wenig nach unten ziehen dürfe. Denn als er am Dienstagabend nach dem 1:0-Sieg gegen Albanien das Podium betrat, das in den Mixed Zones für die Befragung von Protagonisten aufgebaut ist, war das Mikrofon auf der Höhe seiner akkurat gepflegten Augenbrauen.

Natürlich durfte er das Mikrofon richten, und als er sprach, blieben Fragen zur Größe in gewisser Hinsicht akut. „Als wir zur EM anreisten, sagten alle, dass wir nicht unter den Favoriten sind“, sagte der Linksverteidiger von Bayer Leverkusen und stellte fest, dass sich der Wind, der nun vom Kreis der Medienschaffenden herweht, gedreht hat: „Jetzt anscheinend doch.“

Grimaldo schloss das aus den Fragen, die er mittlerweile hört, und aus den Kommentaren, die er liest. „Spanien siegt sogar im Pyjama“, schrieb etwa am Dienstag Marca und leistete damit einen gelungenen Versuch, zwei oder drei Fliegen auf einmal zu erschlagen. Die Bemerkung zielte einerseits darauf ab, die bei der EM uraufgeführten, pastellgelben Ausweichtrikots als Schlafanzüge für Neugeborene abzukanzeln – und andererseits zu markieren, dass es nicht mal nötig war, die Elite in Kampfkleidung zu werfen, um Albanien zu besiegen und die Vorrunde ohne Punktverlust und Gegentor zu beenden. Spaniens Trainer Luis de la Fuente hatte zehn Spieler aufgeboten, die beim vorangegangenen, glänzenden 1:0-Sieg gegen Italien nicht in der Startelf gestanden hatten. Und er erbrachte den Nachweis, dass Spanien nicht nur eine „tiefe Bank“ hat. Sondern auch eine Bank, die es möglich macht, das Spiel variabel zu gestalten.

Grimaldo ist dafür ein gutes Beispiel. Er sei „ein anderer Typ“ als der bislang als Stammkraft aufgebotene Marc Cucurella (FC Chelsea), sagte der Leverkusener, und er bezog das nicht darauf, dass er selbst die Haare kurz trägt, während Cucurella frisurentechnisch an Rowlf erinnert, den Pianisten aus der „Muppet Show“. Er spielte damit auf die Interpretation der Rolle als Linksverteidiger an. Grimaldo ist ein viel offensiver ausgerichteter Außenbahnspieler, der sehr gute Flanken schlägt oder im Mittelfeld ins Zentrum einrückt; Cucurella schließt Räume besser und orientiert sich ungleich stärker an der Außenlinie.

Vor allem der Leipziger Dani Olmo verändert das Angriffsspiel

Auch die Anatomie des Angriffsspiels änderte sich – durch den Torschützen Ferran Torres, der anstelle von Lamine Yamal begann und seinem Spitznamen „Tiburón“ Ehre machte, als er wie ein Hai im Strafraum der Albaner auftauchte und mit links das einzige Tor des Spiels erzielte (13.). Vor allem aber änderte es sich durch den Leipziger Dani Olmo, der den Traumpass zu Ferrans Treffer lieferte. Man konnte ihn für eine Spur übermotiviert halten; jenseits der Pyrenäen und der Alpen heimste er gleichwohl beste Noten ein. Ob in Sport oder El Mundo Deportivo, ob in der Gazzetta oder in der Corriere dello Sport, überall wurde er zum besten Spieler der Partie gekürt. „Er ist ein fantastischer Teamplayer, der zuerst an die Mannschaft und dann an sich denkt“, lobte de la Fuente.

Ob Olmo mit seiner Leistung Pedri (FC Barcelona) aus der Startelf fürs Achtelfinale verdrängt hat, ist mindestens offen, vielleicht sogar fraglich. Die Ungewissheit speist sich auch aus dem Umstand, dass die Spanier erst am Donnerstag wissen werden, gegen wen sie am Sonntag in Köln um den Viertelfinaleinzug spielen müssen. Unabhängig davon scheint für viele Spanier außer Frage zu stehen, dass de la Fuentes Team mindestens ins Finale einziehen wird. Der Trainer selbst nimmt das mit Genugtuung, aber auch mit Gelassenheit zur Kenntnis. „Die Hoffnung ist frei“, sagte er, „sie ist ein Motor, um positive Dinge zu erschaffen.“ Dass seine Mannschaft nun abhebt, fürchte er hingegen ausdrücklich nicht. Sein Team sei in unersättlicher Weise hungrig. Nach jedem Training schare er die Spieler um sich, bedanke sich für Arbeit und Leistung und verabschiede sie mit dem immer gleichen Satz: „Das kann man morgen noch ein wenig besser machen.“ Der Achtelfinalgegner darf sich gewarnt fühlen, wer immer es am Ende wird.

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