Fußball-EM:Tor in der zehnten Minute der Nachspielzeit

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Das späteste Tor dieser EM: Kevin Csoboth schießt Ungarn tief in der Nachspielzeit zum Sieg gegen Schottland. (Foto: Lluis Gene/AFP)

Schottland ist raus, die Ungarn dürfen dagegen nach einem späten Treffer aufs Achtelfinale hoffen. Überschattet wird die Partie von einem heftigen Zusammenprall, Stürmer Varga wird vom Feld getragen.

Von Sven Haist, Stuttgart

Der schottische Ehrenbürger Alex Ferguson, dessen Laufbahn als Spieler und Trainer sieben Jahrzehnte umspannt, dürfte auf dem grünen Rasen so ziemlich alles gesehen haben, was der Fußball an Geschichten hervorbringt. Aber eine Sache hat auch der Sir mit seinen stolzen 82 Jahren noch nie erlebt – das Überstehen der Vorrunde einer schottischen Nationalmannschaft. Und so nahm Ferguson den weiten Weg aus der Heimat auf sich, um seinen Schotten im entscheidenden letzten Gruppenspiel gegen Ungarn vor Ort beizustehen. Insgesamt nahm das Land an elf Turnieren teil, acht Welt- und drei Europameisterschaften. Doch immerzu scheiterte es in der Vorrunde. Die finalen Gruppenpartien wurden oft vorab als wichtigstes Match in Schottlands Fußballgeschichte deklariert und erwiesen sich hinterher als leere Versprechen.

Auch diesmal konnte die Partie nicht mit dem Hype mithalten, und vor allem das Ergebnis nicht mit schottischen Erwartungen: Die Ungarn gewannen durch ein Tor des eingewechselten Stürmers Kevin Csoboth in der letzten Aktion des Spiels 1:0. Die Niederlage bedeutet das Aus für Schottland als Gruppenvierter. Dagegen haben die Ungarn mit drei Punkten und einem Torverhältnis von minus drei immerhin eine Restchance auf das Weiterkommen als einer der vier besten Gruppendritten. Enttäuscht sanken die Schotten nach Abpfiff auf den Rasen, während die ungarischen Spieler feierten, als wären sie schon sicher in der nächsten Runde.

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Dem Jubel gingen erschreckende Szenen voran. In der 68. Minute war der Ungar Barnabás Varga nach einer Flanke im Strafraum mit Schottland-Torwart Angus Gunn und einem weiteren Gegenspieler zusammengekracht. Der Stürmer von Ferencváros Budapest schlug mit dem Hinterkopf auf dem Rasen auf und wurde minutenlang notversorgt. Die Sanitäter brachten ihn mit einer Trage vom Platz. Auf den Tribünen herrschte bestürztes Schweigen. Nach Informationen von Magenta TV war er noch vor Schlusspfiff ansprechbar und auf dem Weg ins Krankenhaus.

Auch die Schotten zollten Respekt. Sie waren wie Ferguson zahlreich in Stuttgart erschienen. Niemand wollte sich hinterher den Vorwurf machen müssen, nicht alles versucht zu haben, um das Team zum Sieg gegen Ungarn zu schreien. Sie machten das Stuttgarter Neckarstadion am Sonntagabend zum größten Freiluftpub der Welt. Der Rest der Anhängerschaft ließ sich am Spieltag in den Fanzonen am Schlossplatz und Stadtgarten nieder – obwohl am Schlossplatz das Parallelspiel zwischen Schweiz und Deutschland gezeigt wurde.

Schottland brachte bis zum Schluss keinen Schuss aufs Tor zustande

Die Taktik für das Match gaben Schottlands Trainerlegenden Alex Ferguson und Gordon Strachan vor. Ferguson riet den Landsleuten, das Spiel unbedingt zu „genießen“. Und Strachan brannte den Schotten via Zeitungskolumne nochmals ins Gedächtnis: „We! Can! Do! It!“ – Wir können es schaffen. Der Glaube ans Achtelfinale wirkte tatsächlich wie der entscheidende Faktor für Schottland, das bei den vergangenen Turnieren, der Weltmeisterschaft 1998 und der EM 2021, in der Vorrunde jeweils weniger an den Gegnern als an der eigenen Nervosität scheiterte.

Auch diesmal entwickelte sich das Spiel schnell zur Zitterpartie. Die Mannschaft von Trainer Steve Clarke dominierte das Geschehen in der ersten Spielstunde und kombinierte ansehnlich nach vorn. Allerdings erwies sich das Toreschießen einmal mehr als großes Problem. Trotz der Offensivausrichtung brachte Schottland bis zum Schluss keinen Schuss aufs Tor zustande. Stattdessen kamen die abwartenden Ungarn nach Standardsituationen zu einigen vorzeigbaren Kopfbällen. Ungarn benötigte seinerseits zwingend drei Punkte, um sich eine Restchance auf das Achtelfinale zu erhalten.

Aus diesem Grund ging das Match mit zunehmender Spieldauer in einen offenen Schlagabtausch über. Die Hektik nahm zu, speziell nach der heftigen Kollision und Verletzung von Varga. Angriff folgte auf Angriff, das Spiel hatte in der Schlussphase keine Pausen mehr. Die Schotten ließen nichts unversucht, parkten mehrere Spieler ganz vorn, was den Ungarn diverse Konterchancen einbrachte. In der zehnminütigen Nachspielzeit traf der Ungar Kevin Csoboth zuerst den Pfosten – und kurz darauf zum Sieg.

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