Torwart im DFB-Team:Neuer hält die Debatte klein

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Manuel Neuer im Training in Herzogenaurach. (Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Zahlreiche schwere Fehler vor der EM, im Spiel gegen Schottland dann beschäftigungslos: Fest steht nur, dass Manuel Neuer solche Diskussionen kennt – und ihnen begegnet, wie er es immer getan hat.

Von Martin Schneider

Es ist ja nicht so, als ob es für Manuel Neuer eine neue Situation wäre, dass vor einer EM oder WM über ihn debattiert wird. Genau genommen war es nur vor drei seiner bisher acht großen Turniere ruhig um seine Person. 2010 war es vor der WM noch eine erwartungsfrohe Diskussion, weil er als junger Schalker und Erbe der Alphatorhüter Oliver Kahn und Jens Lehmann spontan für den verletzten René Adler ins Tor rückte. 2014 rätselte die Fußballnation dann schon, ob er mit seiner verletzten Schulter überhaupt abwerfen kann und ob, wenn nicht, dann wirklich Roman Weidenfeller ins Tor muss.

2018 bekam er trotz seiner Mittelfußverletzung eine Stammplatzgarantie von Joachim Löw, die von Teilen der Mannschaft als Aufhebung des Leistungsprinzips interpretiert wurde. Und auch zur WM in Katar reiste Neuer mit einer Schulterverletzung. Er wurde dann aber, vom zweiten japanischen Gegentor 2022 vielleicht mal abgesehen, nie zum Problem-, sondern in der Regel zum Erfolgsfaktor.

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Auch deswegen begegnet Neuer der Kritik so, wie er es schon immer getan hat und wie er auch auf dem Fußballplatz auf Szenen reagiert: Er tut alles, um die Situation zu entschärfen. Deswegen reklamiert er stets nach Gegentoren, weil es eben seine letzte Option ist, das Gegentor zu verhindern, auch wenn er dadurch den berühmtem „Reklamierarm“ erschaffen hat. Und wenn er einen Fehler gemacht hat, dann redet er nicht mehr darüber, weil er weiß, dass die Debatte noch größer wird, wenn sogar er ihn zugibt.

Torhüter und Schiedsrichter haben eins gemeinsam: Ein einziger Fehler kann alles zunichtemachen

Er habe die Diskussion „eher von außen betrachtet und nichts durchgelesen“, sagte er am Montag beim Pressetermin in Herzogenaurach. Und selbst, wenn das gelogen wäre und er doch die eine oder andere Kritik studiert hätte, dann gilt für Neuer noch einen Tick mehr, was für fast alle Torhüter gilt: Sie denken, dass Fachfremde – und fachfremd ist im Prinzip jeder, der nicht selbst Torwart ist – ihr Spiel nicht wirklich bewerten können: zu speziell, zu viele Faktoren, eine zu hohe Gewichtung einzelner Szenen.

Aber es hilft ja nix, auch Neuer weiß, dass er unmittelbar vor dem Turnier je nach Zählung drei bis vier Schnitzer eingebaut hatte, die auch jeder Laie als solche identifizieren kann. Im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid ließ er einen Ball fallen, am 34. Spieltag gegen Hoffenheim ging ein Ball an ihm vorbei ins Tor, den er neben dem Pfosten vermutete, gegen die Ukraine chippte er einen Pass direkt zum Gegner und gegen Griechenland ließ er wieder einen harmlosen Fernschuss nach vorn abprallen. Dass all diese Fehler von teils spektakulären Paraden eingeklammert wurden, ging in der Debatte ein wenig unter, Torhüter sind in der Hinsicht wie Schiedsrichter. Von Bundestrainer Julian Nagelsmann bekam er jedenfalls unmittelbar und öffentlich das Vertrauen ausgesprochen.

Das Besondere an seinem Fall ist nun, dass die Diskussion durch das Schottlandspiel quasi auf Pause gestellt wurde. Während etwa Ilkay Gündogan durch mehrere Torbeteiligungen die Zweifel an seiner Rolle ausräumte, hatte Neuer zu wenig zu tun, um Rückschlüsse in die eine oder andere Richtung zuzulassen. Am Gegentreffer, einem Eigentor von Antonio Rüdiger, war er schuldlos, aber es habe ihn gefreut, sagte Neuer, dass sich jeder „über das Eigentor geärgert hat, das ist ein gutes Zeichen“. Auch da lieferte er mal eine historische Vorlage, als er beim berühmten 7:1 gegen Brasilien glaubhaft über den späten Gegentreffer grummelte. Generell sieht er sich im Vergleich zu 2014 allerdings in einer leicht anderen Rolle auf dem Feld, da die Innenverteidigung diesmal „mehr Geschwindigkeit“ habe.

Angesprochen auf die Situation innerhalb der Torhütergruppe sagte Neuer nur allgemein, es sei wichtig, dass eine Mannschaft zusammenhalte. Marc-André ter Stegen, erneut der Leidtragende von Neuers Stammplatzgarantie, hatte als einziger DFB-Ersatzspieler seinen Frust öffentlich kommuniziert und von einem „Schlag ins Gesicht“ gesprochen. Für ter Stegen hatte Neuer allerdings indirekt auch noch eine Botschaft. Gefragt, ob dies sein letztes Turnier sein wird, antwortete er, das könne er jetzt noch nicht sagen. Beim WM-Turnier in den USA wäre Neuer übrigens 40 Jahre alt. Vermutlich würde es dann eine Debatte um ihn und sein Alter geben.

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