Spanien im Viertelfinale:Ein erinnerungswürdiges Spektakel

Lesezeit: 4 min

Spain s Alvaro Morata (L) celebrates after scoring the 3-4 lead during the UEFA EURO, EM, Europameisterschaft,Fussball

Die Verneigung: Der Spanier Alvaro Morata mit der Geste und dem Tor des Spiels.

(Foto: Kiko Huesca/Agencia EFE/imago)

Acht Treffer, ein kurioses Eigentor, eine Aufholjagd, ein Traumtor: Das Achtelfinale zwischen Spanien und Kroatien ist "loco, loco" - und bringt überraschende Hauptdarsteller hervor.

Von Javier Cáceres, Sevilla

In einem dramatischen Achtelfinale, in dem beide Teams den Schuss ins eigene Knie zur eigenen Kunstform erhoben und am Ende dennoch ein auch fußballerisch erinnerungswürdiges Spektakel boten, hat sich Spanien fürs EM-Viertelfinale qualifiziert. Die Spanier setzten sich in Kopenhagen mit 5:3 nach Verlängerung durch, nachdem sie sich in den letzten Minuten der regulären Spielzeit eine 3:1-Führung hatten entreißen lassen.

Erst in der 114. Minute, nach einem Traumtor des zuletzt vielkritisierten Álvaro Morata (100.) und einem weiteren Treffer von Mikel Oyarzabal nach Vorlage des Leipzigers Dani Olmo zum Endstand konnte der WM-Zweite Kroatien als geschlagen angesehen werden. Kapitän Luka Modrić, 35, wurde am Ende eines passionierten Kampfes ausgewechselt und erntete die Ovationen des Parken-Stadions von Kopenhagen. Spanien trifft nun am Freitag in Sankt Petersburg auf die Schweiz, die gegen Frankreich gewann

Zu den Helden der Partie zählte, drei Gegentoren und einem monumentalen, sogenannten Blooper zum Trotz, Spaniens Torwart Unai Simón von Athletic Bilbao. Seine Leistung gemahnte anfangs daran, dass er zu den umstrittensten Personalentscheidungen von Trainer Luis Enrique zählte. Doch am Ende sorgte er mit zwei, drei brillanten Rettungstaten für die Qualifikation der Spanier für die nächste Runde. In einem fürwahr "sensationellen Spiel", wie Kapitän Sergio Busquets zu Protokoll gab.

Simón kann mit dem Ball am Fuß weit weniger anfangen als Marc-André ter Stegen

Nicht weniger als neun Gegentore wurden Simón in der abgelaufenen Saison bei Athletic angelastet. Doch keines davon war so dramatisch bizarr wie der Treffer, den er in Kopenhagen kassierte und die Weltbevölkerung erheiterte. Rund 40 Millionen Spanier ausgenommen, versteht sich. Spanien hatte die ultradefensiven Kroaten anfangs an die berühmte Wand gespielt, und durch Koke (16.) und Morata (19.) exzellente Torgelegenheiten vergeben, als Spaniens Megatalent Pedri fast von der Mittellinie einen Rückpass spielte. So wie er beim FC Barcelona gewohnt ist, weil dort der DFB-Keeper Marc-André ter Stegen im Tor steht. Doch diese Idee war ein krasser Fehler.

Simón kann mit dem Ball am Fuß weit weniger anfangen als Kollege ter Stegen. Der Ball rutschte dem zuvor völlig vereinsamten Simón über den Spann und rollte dann ins Tor. Das Eigentor wurde offiziell (dem übrigens brillanten) Pedri zugesprochen, weil Simón den Ball nur berührte, nicht entscheidend abfälschte. Doch der Fehler lag bei Simón. So oder so: Es war das Eigentor Nummer neun der laufenden EM. So viele hatte es zuvor in allen Europameisterschaften zusammen gegeben. Der Schock darüber steckte den Spaniern erkennbar in den weißen Shirts, in denen sie nicht zum ersten Mal ausgeschieden waren. Doch die Mannschaft von Luis Enrique erholte sich. Dank der Mithilfe des früheren kroatischen Bundesligaprofis Ante Rebić.

Ante Rebić bekommt die Wut von Luka Modrić ab

Just als die Spanier noch tragische Gedanken sortierten, verließ Rebić den Platz, um die Schuhe zu wechseln. Die Spanier nutzten die kurzzeitige Überzahl, um die kroatische Defensive ins Chaos zu stürzen; am Ende stand ein Schuss von José Luis Gayà, den Torwart Dominik Livaković noch abwehren konnte. Den Abpraller aber verwandelte Pablo Sarabia (38.) zum Ausgleich. Kapitän Luka Modrić und Trainer Zlatko Dalić waren außer sich - und stauchten Rebić zusammen.

Modrić und Dalić wussten: Das war der Fehler, der die Spanier zurück ins Spiel holte. Und siehe: Sie behielten nach der Halbzeitpause recht. Nach einer Flanke von Ferran Torres köpfelte César Azpilicueta den Ball aus drei Metern zum zwischenzeitlichen 2:1 ins Tor. Das dritte Tor der Spanier war einem neuerlichen kroatischen Fauxpas geschuldet. Nach einer Trinkpause blieb Kroatiens Linksverteidiger Joško Gvardiol, genannt "Pep", zu lange an der Tränke, sodass Ferran nach einem von der linken Außenbahn auf die gegenüberliegende Seite getretenen Freistoß von Pau Torres auf der rechten spanischen Angriffsseite mehr oder weniger freie Bahn hatte (77.). Spaniens Torwart Unai Simón hatte zuvor teilweise hervorragende Szenen gehabt, unter anderem gegen Ante Rebić und später bei einer großkalibrigen Chance von Gvardiol. Aber erst nach dem 3:1 brüllte er seine Erleichterung heraus, ballte er die Fäuste, als sei der Sieg gesichert.

Croatia v Spain - UEFA Euro 2020: Round of 16

Nah dran am Tor, aber da steht ja noch Unai Simón. Der Kroate Andrej Kramaric scheitert am spanischen Torhüter.

(Foto: Wolfgang Rattay /Pool/Getty)

Verlängerung. Und noch mehr Drama

Das war, wie sich zeigen sollte, voreilig. Luis Enrique hatte in Koke, Sarabia und Gayà zu viele Spieler ausgewechselt, die seiner Mannschaft als Referenz gedient hatten. Die Kroaten klammerten sich an das Spiel, als wäre es das letzte ihrer Karrieren. Und nachdem der spät eingewechselte Leipziger Dani Olmo, der lange in Kroatien bei Dinamo Zagreb gespielt hatte, mit einem Lupfer gescheitert war, krönten die Kroaten ihren leidenschaftlichen Kampf gegen das Aus mit Toren. Erst stocherte Mislav Oršić den Ball nach einem Tumult zum 2:3 ins Tor (85.). Doch es kam für die Spanier noch deutlich schlimmer: Denn in der zweiten Minute der Nachspielzeit flankte Oršić von links - und dort köpfelte Mario Pašalić den Ball ins Tor. Verlängerung. Und noch mehr Drama.

Vor allem, als der Hoffenheimer Andrej Kramarić aus sieben Metern freie Schussbahn hatte und doch scheiterte - an Unai Simón, der eine linke, rettende Hand ausfuhr. Dann kamen die Tore von Morata und Oyarzabal. In einem Spiel, das loco, loco war, wie man in Spanien sagen würde; verrückt, verrückt. Und an dessen Ende Olmo noch den Posten traf, Morata zwei gute Chancen hatte - aber vor allem Unai Simón unter Umarmungen begraben wurde. "Wir stehen alle zu Unai", sagte Kapitän Busquets.

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