Fußball-EM:Österreich deutet an, was es kann

Fußball EM - Ukraine - Österreich

Christoph Baumgartner (2.v.r) aus Österreich feiert mit seinen Teamkollegen das 1:0.

(Foto: Vadim Ghirda/dpa)

Christoph Baumgartner schießt Österreich erstmals in ein EM-Achtelfinale. Nach einer Systemumstellung zeigt das Team gegen die Ukraine sein bisher bestes Turnier-Spiel.

Von Felix Haselsteiner

Die eine große Frage, die sich vor dem dritten Gruppenspiel der österreichischen Nationalmannschaft gestellt hatte, wurde bereits am Tag vor dem Spiel von Franco Foda beantwortet. "Er wird spielen", sagte Foda über Marko Arnautovic, den Stürmer, der die österreichische EM bisher mit seinem Tor und seinem beleidigenden Jubel im ersten Spiel und mit seiner Sperre im zweiten Spiel geprägt hatte. "Rette uns!" hatte die Kronen Zeitung vielleicht etwas zu pathetisch getitelt vor dem Gruppenfinale gegen die Ukraine, den punktgleichen Gegner.

Es hatte aber noch eine andere, für den österreichischen Fußball wesentlich entscheidendere Frage gegeben: Könnte diese Mannschaft, die mit so viel Bundesliga-Erfahrung und nachweisbar enormen Talent ausgestattet ist, ihr Potential auch einmal ausschöpfen? Zumindest für die ersten 45 Minuten des 1:0-Sieges über die Ukraine beantwortete die Mannschaft diese Frage mit einem recht deutlichen "Ja". Den historischen Erfolg, zum ersten Mal ins Achtelfinale einer Europameisterschaft einzuziehen, hatten sich die Österreicher damit verdient. Auch wenn die zweite Halbzeit dann erneut eher Fragen aufwarf.

Zu Beginn stellte sich erst einmal schnell heraus, dass Foda vor dem Spiel nur scheinbar mit offenen Karten gespielt hatte: Dass die Ukrainer sich auf Arnautovic im Sturmzentrum einstellen konnten, war ab Sonntagnachmittag als kleiner Vorteil gewertet worden. Unklar war, ob sie auch die Gelegenheit fanden, sich auf die österreichische Systemumstellung vorzubereiten: Foda gab die vielkritisierte Fünferkette aus den ersten beiden Spielen auf und setzte stattdessen auf eine Viererkette mit David Alaba als Linksverteidiger und Florian Grillitsch im Mittelfeld. Das war am Ende die viel größere Überraschung als die Personalie Arnautovic - und die, die das Spiel entschied.

Die erste Halbzeit des Spiels war dann eine wahrhafte Schau dessen, was möglich wäre. Im neuen System und zum ersten Mal in den roten Heimtrikots spielte Fodas Mannschaft ihren bisher besten Fußball. Grillitsch verteilte im Mittelfeld mit viel Ballsicherheit die Bälle und wurde dafür später zu Recht zum Mann des Spiels gewählt. Immer wieder fanden Christoph Baumgartner und Marcel Sabitzer mit guten Vorstoßen Lücken, die steilen Zuspiele in den Strafraum - zuletzt noch Mangelware - fanden diesmal Abnehmer. Und David Alaba stellte sich auf seiner ungeliebten Position als Linksverteidiger in den Dienst der Mannschaft, wagte über links immer wieder Vorstöße - während er aber gleichzeitig in Jarmolenko den nominell gefährlichsten Ukrainer auf dem Platz kontrollierte.

Es dauerte nicht lang bis zu den ersten Szenen im Torraum, die Führung entstand schließlich aus einer Standardsituation: Nach einer Alaba-Ecke sprang Baumgartner in den Ball hinein und lenkte ihn mit der Fußunterseite ins Tor (21. Minute). Es war die verdiente Führung gegen schwache Ukrainer, die nur einmal in der 29. Minute gefährlich vor Torwart Daniel Bachmann auftauchten. Allein: Sie hätte bis zur Halbzeit noch höher ausfallen müssen. Arnautovic hatte in der 42. und in der Nachspielzeit die Gelegenheit zu Toren, vergab allerdings so, als hätte ihn die Debatte um seine Person doch ein wenig verunsichert. Arnautovic wurde aber auch nicht als Retter gebraucht, sondern eher als kämpferische vorderste Speerspitze im Pressing zwischen den Innenverteidigern.

Die österreichische Überlegenheit hielt auch nach der Pause an, die uninspiriert spielende Ukraine kam nur selten zu längeren Ballbesitzphasen und setzte höchstens Nadelstiche - einen gefährlichen Freistoß in der 62. Minute hätte Österreichs Außenverteidiger Stefan Lainer beinahe ins eigene Tor geköpft. Den Österreichern fehlte allerdings die Courage, so weiterzuspielen wie in der ersten Halbzeit: Fahrig ausgespielte Offensivszenen gegen eine ab der 70. Minute auch sichtlich müde Mannschaft aus der Ukraine ergaben in der Schlussphase das komische Bild, dass beide Mannschaften kaum noch Fußball spielten, obwohl beiden noch ein Tor gutgetan hätte.

Die Österreicher konnten damit am Ende besser leben. "Wir sind extrem happy, dass wir das geschafft haben. Das war unser großes Ziel", sagte David Alaba. Torschütze Baumgartner, der vor seinem Tor in einem Luftzweikampf einen Schlag auf den Kopf bekommen hatte und daher noch vor der Pause ausgewechselt werden musste, berichtete zwar von Kopfschmerzen, sagte dann aber: "Wir haben Geschichte geschrieben, und die Geschichte ist noch nicht vorbei." In der Euphorie von Bukarest samt tanzender Spieler und jubelnder Fans warnte nur einer: "Wahrscheinlich müssen wir in der zweiten Hälfte noch nachlegen und das 2:0 erzielen", sagte Florian Grillitsch. Es waren wahre Worte, denn im Achtelfinale wartet mit Italien eine Mannschaft, gegen die eine gute erste Halbzeit mit Sicherheit nicht reichen wird.

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