Österreich bei der EM:Mit derben Grüßen

Fußball EM - Österreich - Nordmazedonien

Marko Arnautovic (rechts) will etwas sagen, David Alaba (vorne) versucht dies zu verhindern.

(Foto: Robert Ghement/dpa)

Österreichs Nationalteam startet zwar fehlerhaft, aber mit drei Punkten ins Turnier. Die Stimmung ist gut - nur als Marko Arnautovic etwas loswerden will, rammt Kapitän David Alaba dem Kollegen sicherheitshalber die Finger in die Wangen.

Von Javier Cáceres, Bukarest

Marko Arnautovic ist ein Fußballprofi, der sich mitunter in der Wortwahl vergreift. Unvergessen, wie der ehemalige Bremer und heutige China-Legionär den Hut vor dem Torwart Heinz Lindner zog: "Shampoo!" Oder auch, als er unterstrich, dass er seine Singularität bei jeder Aktivität unterstrichen sehen will: "Ich will kein Getränk machen, das was 08/50 ist, das bin ich nicht", sagte er, als er neulich seine eigene Gin-Marke vorstellte. Allerdings hat es auch schon Bemerkungen gegeben, die zu Verwicklungen führten.

So gesehen war es wohl ganz gut, dass diesmal Kapitän David Alaba herbeieilte - und Arnautovic nach dessen Tor gegen Nordmazedonien zum 3:1-Endstand in die Wangen griff, den Kiefer des zu Schimpftiraden aufgelegten Kameraden fixierte - und damit den Lippenlesern den Spaß weitgehend verdarb.

Es wurde aber auch so noch bunt genug.

Die Vermutungen waren zunächst in die Richtung gegangen, dass er seinen Unmut über Trainer Franco Foda geäußert haben könnte, oder über Mitspieler. Als Arnautovic anderntags im Teamquartier im österreichischen Seefeld noch schlief, kursierten dann Meldungen serbischer Medien, wonach Arnautovic sich rassistisch und unflätig über die Nordmazedonier geäußert habe. Unter anderem soll er zu verstehen gegeben haben, er wisse, dass die Mütter der Rivalen Berufen nachgingen, die gesellschaftlich, nun ja, nicht anerkannt sind.

Kurz nach dem Aufstehen und im Lichte des Wirbels trommelte Arnautovic die Presse im Trainingslager in Seefeld zusammen, in das der Tross unmittelbar nach dem Spiel zurückgekehrt war. Dass er derb geworden war, das leugnete er nicht. Doch die Gegner hätten ihm in nichts nachgestanden. "Natürlich sind da Worte gefallen, die auch mir wehgetan haben. Es war einfach ein emotionales Gefecht", sagte Arnautovic. "An alle Leute, die sich angesprochen gefühlt haben: Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid."

Aber Rassismus? "Ich bin kein Rassist und werde niemals einer sein", beteuerte Arnautovic. Er erhielt Rückendeckung von seinem Verband, die Europa-Union Uefa teilte mit, dass man keine Untersuchungen einleiten werde. Dass der Ruf der Blätter, die ihn der Verfehlungen ziehen, nicht der beste ist, spricht zumindest nicht gegen Arnautovics Version.

Und dennoch: Dass der Stürmer, der mit seinem Treffer in der ewigen Goalgetter-Liste des ÖFB mit dem "Wunderteam"-Spieler Toni Schall gleichzog (27 Tore), arg geladen in die Partie gegangen war, das darf man wohl unterstellen. Denn seine Rolle als Joker gefällt ihm nicht.

Die Führung durch Gladbachs Stefan Lainer gibt den Österreichern keine Sicherheit

"Dass er nicht zu 100 Prozent zufrieden ist, das kann ich schon so sagen. Wir Spieler wollen immer spielen", sagte Kapitän David Alaba. Aber: "Man hat gesehen, was für ein Charakter er ist. Er ist reingekommen und hat direkt 100 Prozent gegeben. Deshalb habe ich ihn positiv wahrgenommen. Er war immer für die Mannschaft da, auch als der Trainer ihm die Entscheidung mitgeteilt hat, dass er erst auf der Bank sitzt."

Es darf vermutet werden, dass Arnautovic dort schlimme Qualen litt. So zufrieden Foda nach der Partie mit der Leistung seiner Mannschaft war, so unzulänglich wirkte der Vortrag gerade in der ersten Halbzeit, die Arnautovic komplett auf der Reservistenbank ansehen musste.

Den Nordmazedoniern war die Feierlichkeit des Moments anzumerken, und das gab bei ihnen augenscheinlich ein Plus an Motivation. Die Österreicher legten eine frappierende Trägheit und Ideenarmut im Aufbau an den Tag. Erstaunlich ist das nicht zuletzt deshalb, weil es dem ÖFB-Team wahrlich nicht an Begabung gebricht. Foda hat eine großartige Generation zur Verfügung, nahezu alle sind in der deutschen Bundesliga Stammspieler. Alaba konzedierte, "dass wir nicht die Lösungen im letzten Angriffsdrittel hatten".

Auf der anderen Seite zeigten die Nordmazedonier, wie eine klare Spielidee hilft, individuelle Schwächen zu überwinden. Nicht einmal die Führung durch Gladbachs Stefan Lainer nach formidabler Flanke von Marcel Sabitzer (18.) gab dem ÖFB-Team Sicherheit. Und als gelte es, das zu unterstreichen, reihten die Österreicher beim zwischenzeitlichen Ausgleich durch Goran Pandev Fehler an Fehler: Martin Hinteregger schoss seinen Kumpanen Sabitzer an, der Ball flog in den Strafraum, Torwart Daniel Bachmann konnte ihn nicht festhalten und stand dann Alaba im Weg. Pandev schob ein, zum ersten Treffer für die Nordmazedonier bei einem Turnier überhaupt (28.).

In der zweiten Halbzeit mühten sich die Österreicher ab, doch zu Überraschungsmomenten kam es erst, als Alaba, der in der Dreierabwehrkette die zentrale Rolle übernommen hatte, die gegnerischen Defensivlinien mit machtvollen Vorstößen pulverisierte. Er schuf damit dort Räume, wo vorher keine zu finden waren.

"Ich habe noch keine Kinder, aber ich stelle mir vor, dass das genauso schön ist wie Kinder zu kriegen."

Der Augenschein suggerierte, dass Alaba aus eigenem Antrieb agierte, oder auch aus Ärger über das Chaos aus Zweikämpfen und unzulänglichen Pässen, das sich vor ihm aufgetürmt hatte. Aber die Variante hatte man vorher schon besprochen, "weil der Trainer, glaube ich, auch den Gegner analysiert hat", sagte Alaba später. Mit seinem Drang belebte er das Spiel und erschuf vor allem den entscheidenden Moment: mit einer präzisen Flanke an den Fünfmeterraum, die der ebenfalls eingewechselte Augsburger Michael Gregoritsch zur Führung verwertete (78.).

Er habe ein schweres Jahr hinter sich, sagte Gregoritsch nach der Partie, er habe nicht mal gewusst, ob er berufen wird. "Es ist so schön, für sein Land bei einer EM zu treffen. Ich habe noch keine Kinder, aber ich stelle mir vor, dass das genauso schön ist wie Kinder zu kriegen."

Und dennoch: Haften blieb das Tor von Arnautovic zum 3:1-Endstand, oder genauer: sein gestenreicher Jubel. Im EM-Trainingslager hatte Arnautovic nicht nur Aufsehen erregt, weil er im Rolls-Royce angereist war, sondern auch, weil er mit einer Muskelverletzung zu kämpfen hatte. Trainer Foda war das Risiko deshalb zu groß, ihn starten zu lassen. "Ich weiß, Spieler sehen solche Situationen immer etwas anders", sagte Foda. Festlegen, ob Arnautovic im zweiten Gruppenspiel gegen die Niederlande von Beginn an spielt, wollte er sich nicht.

Arnautovic formulierte diesbezüglich keine Ansprüche, zumindest nicht, als das Adrenalin aus seinem Körper gewichen war und Alaba ihm nicht mehr die Finger ins Gesicht rammte. Der Sieg sei "ein riesengroßer Schritt", sein Tor sei egal. "Ich freue mich, dass die Mannschaft gewonnen hat", sagte Arnautovic. Und: "Wir sind bereit für mehr."

© SZ/ebc/lib/jkn
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