DFB-Elf:Wohin mit Kimmich?

EM 2021: Joshua Kimmich beim Spiel gegen Frankreich

Wo wird Joshua Kimmich gegen Portugal spielen?

(Foto: Matthias Schrader/AFP)

Braver Soldat statt Monsieur 1000 Volt: Wortführer Kimmich erfüllt seine Rolle am rechten Rand, fehlt aber als Mann für die entscheidenden Momente im Mittelfeld. Wo wäre er gegen Portugal wertvoller?

Von Philipp Selldorf

Mit seinen 1,77 Metern ist Joshua Kimmich keine so imposante Erscheinung wie zum Beispiel Paul Pogba mit seinen 1,91 Metern. Aber er kann beim Gegner sehr viel Eindruck machen, wenn er den grimmigen Blick aufsetzt, sobald er im Zustand der Hochspannung in die Schlacht zieht. Kimmichs aggressive Ermunterungen an die Mitspieler, sein wütender Tor- und Siegesjubel tragen Züge einer Verbissenheit, die an Versessenheit grenzt, längst ist er dafür jenseits der Grenzen bekannt. Zuletzt hat ihn dafür nach dem Ausscheiden des FC Bayern gegen Paris Saint-Germain der brasilianische Lebemann Neymar verspottet. Mit seiner Karikatur nahm der Brasilianer Revanche an diesem erbarmungslos ehrgeizigen Deutschen, der noch im Moment der größten Freude so aussieht, als wollte er eine Schlägerei anfangen.

Natürlich drückte sich in der hämischen Pantomime auch Respekt vor einem gefürchteten Gegner aus. Sollte Neymar am Dienstag daheim in Brasilien Bilder aus München empfangen haben, dürfte er sich daher gewundert haben über diesen bewundernswert verrückten Mann vom FC Bayern. Wo war der Starkstrom geblieben, der Kimmich normalerweise glühen lässt? Wo war er geblieben, der deutsche Monsieur 1000 Volt?

Kimmich war beim Spiel gegen Frankreich des Öfteren in Großeinstellung zu sehen, in der zweiten Halbzeit hat er auf der rechten Seite einige Vorstöße inszeniert und Flanken in großer Zahl geschlagen, nach Ansicht des Bundestrainers hat er - wie Robin Gosens auf links - "unglaublich viel gemacht in der Offensive". Aber wenn der Anschein aus der Nahbetrachtung im Stadion nicht getrogen hat, dann war all das Machen zwar ehrenwert, doch nicht mehr als eine Pflichterledigung zur Erfüllung der Rollenerwartung. Die für Kimmich typische radikale Überzeugung fehlte, er befolgte die Dienstanweisung, die rechte Seite zu bespielen, dahinter schien ein gewisser Widerwille durch. Gelegentlich ließ er gegen alle ihm zugehörigen Sitten die Schultern sinken, wenn er sich ordnungsgemäß auf seinem randständigen Posten einfand.

Über seine Versetzung an die rechte Außenbahn hat sich Kimmich später nicht geäußert, er hat lediglich und gegen den im Team vorherrschenden nachsichtigen Tenor eine allgemeine Diagnose vorgenommen. Die fiel auffallend deutlich aus: "Unter dem Strich war das dann doch zu wenig, weil wir vorne zu harmlos waren", sagte er. Nach tröstenden Floskeln stand dem frustrierten Münchner nicht der Sinn, stattdessen stellte er eine Generalkritik in den Raum, die jeder annehmen durfte, der sich - inklusive Bundestrainer - angesprochen fühlte: "Wir haben es verpasst, komplett ins Risiko zu gehen und noch mehr auf das 1:1 zu drücken."

Die Idee hinter Löws taktischem Eingriff war natürlich verführerisch.

Das Schweigen über die eigene Situation gleicht der Wahrnehmung zum Recht auf Aussageverweigerung. Kimmich sieht seinen Platz im Zentrum, das ist bekannt, den unerwünschten Umzug auf die Außenbahn vollzog er ohne vernehmliches Murren. Der Bundestrainer bemühte sich um den Eindruck, die Maßnahme sei im gemeinsamen Dialog verabschiedet worden, in Wahrheit regelte sie aber die Formel vom braven Soldaten. "Der Jo", so Joachim Löw, "spielt da, wo es das beste ist für die Mannschaft." Ob das im Spiel gegen Frankreich der Fall war, das darf nicht nur deshalb bezweifelt werden, weil Kimmich in der Szene, die zum Eigentor führte, die Orientierung verloren hatte und viel zu tief in die Mitte eingerückt war. Der deutschen Mannschaft kam ohne ihn Antriebskraft und ein Mann abhanden, der entscheidende Momente erzwingt.

Die Idee hinter Löws taktischem Eingriff ins Rollengefüge war natürlich verführerisch. Kimmich an die Linie zu schieben würde Platz machen für ein Zentrum mit dem zwar nicht hochgeschwinden, aber ballgewandten Duett Toni Kroos und Ilkay Gündogan. Letztlich war dies auch eine Kompromisslösung zwecks Unterbringung der besten Fußballer. Glücklich ist damit letztlich aber keiner der Beteiligten geworden. Kroos musste im Bemühen um eine bodenständige Interpretation seiner Position regelmäßig in den Nahkampf einziehen, er versah eine Aufgabe, die gegen seine Natur sprach.

Während Frankreich aus einer Ordnung spielt, die am Dienstag so eingeübt und etabliert erschien, als hätte es sie schon im napoleonischen Zeitalter gegeben, befindet sich Joachim Löw nach wie vor auf einer überaus komplizierten Suche nach der bestmöglichen Statik. Er hätte am Dienstag auch den schnellen Lukas Klostermann an die rechte Seite beordern und Mittelfeld wie Offensive in einem anderen Maßstab ordnen können (etwa mit lediglich zwei Angreifern), aber die Formation stand offenbar spätestens seit einer Woche - seit dem 7:1 gegen Lettland - fest. Um Reformen wird Löw aber nicht herumkommen, wenn er die Elf gegen Portugal bastelt, denn die Voraussetzungen haben sich jetzt geändert. Es genügt nicht mehr, die defensive Stabilität in den Vordergrund zu stellen, wie er es gegen Frankreich proklamiert hatte.

Das eigentlich gesetzte Mittelfeld-Duo hieß vor ein paar Wochen noch Joshua Kimmich und Leon Goretzka. Dessen Verletzung in der Schlussphase der Liga setzte eine Kette von Überlegungen in Gang, mit partieller bis ganzheitlicher Bedeutung. Nun steht Goretzka, offenkundig hinreichend erholt, vor der Rückkehr in den Kader. Am Samstag gegen Portugal könne er theoretisch von Anfang an spielen, sagt der Bundestrainer, dann geht Löws Aufstellungspuzzle womöglich erst richtig los. Von alles wird anders bis alles bleibt gleich ist jede Lösung denkbar. Das ist allerdings eine Perspektive, die im Moment eher beunruhigend als anregend erscheint.

© SZ/ebc
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