Englands Trainer Southgate:Leben und vergeben lassen

Lesezeit: 5 min

Gareth Southgate

Es wäre wohl mutiger gewesen, nicht zu schießen, sagte Gareth Southgate, nachdem er 1996 als elfter Schütze mit seinem Strafstoß an Andy Köpke gescheitert war.

(Foto: Bernd Weissbrod/dpa)

25 Jahre nach seinem Elfmeter-Fehlschuss im Halbfinale trifft Englands Nationaltrainer Gareth Southgate bei der EM wieder auf Deutschland. Zeit, den Makel "miss" abzulegen.

Von Sven Haist, London

Vermutlich gibt es keine größere Sünde, die ein Engländer begehen kann, als einen Elfmeter für die Nationalmannschaft bei einer Welt- oder Europameisterschaft zu verschießen. Die Historie lehrt, dass sich in das Gedächtnis der Nation fast unwiderruflich die Spieler einprägen, die den Ball aus elf Metern nicht im Tor unterbringen. Bei großen Turnieren zog England bereits in sechs von acht Elfmeterschießen den Kürzeren. Zwölf Spieler sind aus zwölf Yards gescheitert, ihre Namen sind so geläufig wie der bislang einzige Titelgewinn bei der Heim-WM 1966: Stuart Pearce und Chris Waddle (WM-Halbfinale 1990), Gareth Southgate (EM-Halbfinale 1996), Paul Ince und David Batty (WM-Achtelfinale 1998), David Beckham und Darius Vassell (EM-Viertelfinale 2004), Frank Lampard, Steven Gerrard und Jamie Carragher (WM-Viertelfinale 2006) sowie Ashley Young und Ashley Cole (EM-Viertelfinale 2012).

Alle Erinnerungen an diese Fehlschüsse werden in England regelmäßig zu den entscheidenden Turnierspielen aus dem Archiv gekramt, als wären sie Sammlerstücke - auch jetzt wieder: vor dem Achtelfinalklassiker gegen Deutschland in Wembley am Dienstag. Besonders der vergebene Elfmeter des ehemaligen Nationalspielers Southgate steht ganz oben in den Schlagzeilen, was weniger daran liegen dürfte, dass er seit viereinhalb Jahren englischer Nationaltrainer ist, sondern eher daran, dass er damals das Erreichen des Finales bei der Heim-EM ̓96 versemmelte. Noch dazu gegen die Deutschen, den ärgsten Widersacher im Fußball, weil Schottland, der "Auld Enemy" (der "alte Feind"), bisher nie über die Vorrunde eines Turniers hinausgekommen ist (auch bei dieser EM nicht).

In einem Werbespot nahm Southgate sich selbst auf den Arm - und machte alles nur noch schlimmer

Die Frage des zu dieser Zeit tätigen Nationaltrainers Terry Venables vor dem Shootout, ob Southgate einen Elfmeter übernehmen wolle, traf diesen laut eigener Aussage wie "ein Blitz aus heiterem Himmel". Trotzdem versicherte er damals, schon Elfmeter ausgeführt zu haben (in Wahrheit war seine Bilanz: ein vergebener Elfer für Crystal Palace). Als elfter Schütze (zuvor trafen alle zehn Spieler auf beiden Seiten) setzte Southgate den Ball mit rechts hastig in die linke Ecke, in der Deutschlands Torwart Andreas Köpke - mittlerweile Torwarttrainer der DFB-Elf - parieren konnte. Danach traf Andreas Möller für Deutschland, und England war raus. Er habe sich charakterlich verpflichtet gefühlt, sich stellen zu müssen, erklärte Southgate. Wahrscheinlich wäre es jedoch "mutiger" gewesen, es nicht zu tun. Um der Häme der teils vernichtend urteilenden britischen Presse entgegenzuwirken, nahm er sich nach dem Turnier in einem Werbefilm für die Firma Pizza Hut selbst auf den Arm - wodurch sein Missgeschick wohl nur noch zeitloser wurde.

In einer Filiale der Imbisskette saß Southgate mit den beiden ̓90-Fehlschützen Pearce und Waddle an einem Tisch, die jede Chance nutzten, das Wort "miss" (englisch für: Fehlschuss) unterzubringen: als sie die Bedienung riefen ("Miss, Miss!"), die Pizza serviert bekamen ("Pan Pizza, unless I am mis(s)taken" - Pfannenpizza, wenn ich mich nicht irre) und sich bei der Kellnerin bedankten ("Thank you, Miss!"). "Come on, Gareth", feixte Pearce und lieferte das berühmte Zitat, dass es bei ihm "nur sechs Jahre" gedauert habe, um den eigenen Fehlschuss zu überwinden - jene sechs Jahre natürlich, bis Southgate als nächster Engländer einen entscheidenden Strafstoß nicht verwandelte. Als Pearce seinen Landsmann in dem Clip aufforderte, ein Stück Pizza zu essen, nahm Southgate seine aus Scham über den Kopf gezogene Papiertüte ab und sagte nach einem Happen gequält: "Vielen Dank, Männer. Ich fühle mich jetzt um einiges besser." Anschließend lief er auf dem Weg zum Ausgang gegen eine Wand. Pearce johlte: "Dieses Mal hat er den Pfosten getroffen!" Nebenmann Waddle schmiss sich weg vor Lachen. Ein köstliches Amüsement, wenn der Trailer nicht so sehr zum Schaden von Southgate gewesen wäre. Im Rückblick wünschte er, dem Werbefilm nie zugestimmt zu haben.

Wenig überraschend fiel es Southgate lange schwer, mit der durch seinen verschossen Elfmeter eingeleiteten Niederlage abzuschließen. "Ich habe eine Million Dinge von diesem Tag und den darauffolgenden Jahren gelernt. Die wichtigste Sache ist, dass es nicht das Ende ist, wenn etwas im Leben schief läuft", sagte Southgate: "Es macht einen sogar fast frei, zu sagen: 'Lass einfach das Leben leben.'"

Euro 2020 - England Training

Als Trainer wie schon als Spieler widerlegt Southgate das Klischee von knallharten britischen Draufgängern. Sein Stil ist eher kontrolliert.

(Foto: John Sibley/Reuters)

Das erste Wiedersehen mit Deutschland in einem EM-Ausscheidungsspiel 25 Jahre nach der für England traumatischen Niederlage wird auf der Insel speziell für Southgate als Gelegenheit zur Revanche empfunden. In einem Kommentar schrieb die Times, dass es Zeit sei, "die Wunden der EM 1996" zu begraben: "Sei mutig, Gareth, und die Spieler werden es auch sein." Einer der Southgate persönlich gut kennt, ist Thomas Hitzlsperger (52 Länderspiele für Deutschland), weil er mit ihm einst als Teenager für eine Saison bei Aston Villa zusammen gespielt hat. "Auf mich wirkt Gareth nicht traumatisiert, und es wirkt auch nicht so, als hätte er mit Deutschland noch eine Rechnung offen", sagt Hitzlsperger am Telefon: "Er löst seine Geschichte von der Mannschaft. Vielleicht wird darüber mal im Training gewitzelt, aber das ist dann nicht mehr als eine Neckerei."

Seit Southgate im Amt ist, "ist es ruhiger geworden um das Nationalteam", findet der ehemalige Mitspieler Thomas Hitzlsperger

Die negative Erfahrung im Umgang mit seinem Fauxpas dürfte Southgate verstärkt dazu veranlasst haben, mit den typischen englischen Gepflogenheiten zu brechen. Schon als Abwehrspieler mit 57 Länderspielen (so viele wie nun als Trainer) widerlegte er das Klischee des knallharten englischen Abwehrrecken. In 16 Jahren spielte Southgate von 1990 bis 2006 für die Mittelklasseklubs Crystal Palace, Aston Villa und FC Middlesbrough, und er spielte dabei vorwiegend mit Köpfchen. Nach dem fließenden Übergang zum Chefcoach in Middlesbrough, wo er drei Jahre lang tätig war, gewann seine Trainerlaufbahn mit der Aufbauarbeit als englischer U-21-Trainer an Reputation. Wie beim Juniorenteam führt Southgate auch die A-Nationalmannschaft auf eher unenglische Weise. Hitzlsperger sagt: "Das Team hat jetzt ein anderes Gesicht. Die Spieler schlagen einen anderen Ton an, und keiner überstrahlt mehr die Mannschaft wie früher. Gareth geht nicht auf vermeintlich englische Art mit dem Kopf durch die Wand oder bemüht eine Haudrauf-Mentalität, sondern geht strategisch vor. Seit er sich im Amt befindet, ist es ruhiger geworden um das Nationalteam."

Trotz kürzlicher Verfehlungen einiger Spieler hat das Team zunehmend seine Wertevorstellungen adaptiert - und auch seine Spielweise. Obwohl der Kader über viele hervorragende Einzelkönner verfügt, liefert England statt berauschenden Offensivfußballs eher kontrollierte Defensive. Auch bei dieser EM war deswegen bereits ein Murren im Land zu vernehmen. "Lange Zeit hat sich das Nationalteam verleiten lassen, den Vorstellungen des Landes genügen zu wollen", meint Hitzlsperger. "Das hat nicht zum Erfolg geführt. Gareth setzt nun darauf, dass die Fans auf dem Weg zum Titel ab einem gewissen Punkt auch begeistert sein werden, wenn das eigene Team keinen begeisternden Fußball spielt." Erfolg macht attraktiv.

Dieser Effekt ließ sich schon bei der WM 2018 beobachten, als England sich mit einem eher biederen Stil bis ins Halbfinale vorkämpfte. Plötzlich wurde Southgate zum nationalen Liebling, und die Fast-Food-Kette Pizza Hut offerierte ihm kostenlose Pfannenpizza auf Lebenszeit. Seine an Spieltagen getragene Weste geriet zum Verkaufsschlager, und einige Fans möchten nun über eine Petition bewirken, dass er das Kleidungsstück auch im Achtelfinale gegen Deutschland trägt. Vermutlich würde England ihn sogar zum Ritter schlagen, wenn er das Land erstmals zum EM-Titel führt - und ihn von seinem verschossenen Elfmeter freisprechen.

Zur SZ-Startseite
30 04 2016 Fussball 1 Bundesliga 2015 2016 32 Spieltag FC Bayern München Borussia Mönchengladba; Domenec Torrent pep guardiola

SZ PlusAnalyse zu den Trends der EM
:"An Löws Stelle würde ich 3-4-1-2 spielen"

Domènec Torrent, lange der Taktik-Souffleur von Pep Guardiola, analysiert die Trends der EM. Ein Gespräch darüber, warum die Dreierkette wieder modern ist - und wie die DFB-Elf effektiver angreifen könnte.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB