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Deutsche Nationalmannschaft:Nicht mal der Eremit darf rein

Fußball EM - Training deutsche Fußball-Nationalmannschaft

Serge Gnabry ist dabei und hat einen Freund: den Ball.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Ein Turnier ohne Heimat und Mittelpunkt: Unter den Bedingungen der Pandemie muss die Stimmung bei der Nationalmannschaft mehr denn je von innen kommen.

Von Philipp Selldorf, Herzogenaurach

Ilkay Gündogan ist es zuletzt offenbar ähnlich ergangen wie manch anderem Fußballfan, der sich etwas schwergetan hat, die richtige Einstellung zur Europameisterschaft zu finden. Von klassischer EM-Stimmung war im öffentlichen Leben bisher nicht viel zu spüren, vermutlich wegen der diffusen Umstände im Jahr der Seuche. Zwar ist Gündogan als Nationalspieler von Berufs wegen mit dem Thema befasst, weshalb er sich bereits seit einer Woche mit den Kollegen in Klausur befindet, aber mit den Einzelheiten hat er sich erst jetzt detailliert befasst, wie er am Donnerstag aus dem Teamquartier in Herzogenaurach berichtete.

Womöglich hat dann auch Gündogan gestaunt, dass an diesem Turnier eine Mannschaft namens Nordmazedonien teilnimmt, dass sich endlich mal wieder die Schotten qualifiziert haben, und dass es diesmal während der Vorrunde lediglich eine Todes- respektive Hammergruppe gibt - und dass diese kannibalische Gruppe F leider genau die Gruppe ist, der Deutschland angehört. Spätestens da ist auch Gündogan von EM-Stimmung und Vorfreude ergriffen worden. "Ich hab' auf den Spielplan geschaut und gesehen, dass man ständig Fußball schauen kann", berichtete er, und genau das sei ja "das Schöne an diesem Turnier".

Die größte Fußball-Schau des Kontinents ist diesmal gegen ihre bewährten Traditionen ein Gipfel ohne Heimat und Mittelpunkt, umständehalber in ein Konstrukt aus Vorschriften und Einschränkungen gezwungen. Den Verantwortlichen im Büro der Nationalmannschaft ist daher bewusst, dass es unter den komplizierten Bedingungen des Turniers noch mehr als sonst auf die Stimmung im Teamquartier und innerhalb der wochenlang isolierten Zweckgemeinschaft ankommen wird. Eine eingeschlossene Gesellschaft kann eine starke Genossenschaft bilden - oder an sich selbst scheitern wie bei der WM 2018, als es zwar keine Blase mit Ausgangssperre für die Akteure gab, aber ein Quartier im Nirgendwo, wo der Ausgang nicht lohnte.

Diesmal muss die Stimmung mehr als je zuvor von innen kommen, es wird keine Bilder von den Fanmeilen im Frühstücksfernsehen geben, und es werden auch keine Menschenmengen Spalier stehen, wenn sich der Team-Bus auf den Weg zu den Vorrundenspielen im Münchner Stadion begibt. Gündogan erzählte, man rede "viel über Stimmung und Atmosphäre", aber dies sei auch eine Aufgabe für alle Beteiligten: "Wichtig ist, dass man sich im Team gemeinsam wohlfühlt - von der Nummer 1 bis zur Nummer 26."

"Eine deutsche Nationalmannschaft muss immer liefern", sagt Oliver Bierhoff

Wie im Trainingslager in Tirol gibt es für die Spieler und die Betreuer auch in Herzogenaurach kein Reinkommen für Auswärtige und kein Rauskommen für die Insassen. Oliver Bierhoffs Schilderungen zufolge besteht allerdings gar kein Anlass, das Gelände des Gastgebers Adidas verlassen zu wollen. Das am Dienstagabend bezogene Mannschaftsheim biete "traumhafte Voraussetzungen" sowie "ein wunderbar designtes und wohliges Ambiente", schwärmte der Planer und Bauherr Bierhoff womöglich auch in eigener Sache.

Am Tag nach der Ankunft hatte der Trainerstab die Spieler erstmal in Ruhe gelassen, es gab kein Training, keine Termine und Ansprachen, und Teammanager Bierhoff hat den Fußballern am Abend auch keinen Extrem-Bergsteiger, Goldgräber oder Eremiten präsentiert, der sie mit inspirierenden Vorträgen animiert. Man habe "einen Tag des Einfindens" gewährt, erklärte er am Donnerstag, nun sei die Schonfrist jedoch vorbei. "Ab heute gilt: Fokus, Fokus - die Aufmerksamkeit hochfahren." Die Favoritenstellung sieht er für das Auftaktspiel zwar beim Gegner Frankreich, der schließlich amtierender Weltmeister sei. Der Anspruch bleibt jedoch unverändert: "Eine deutsche Nationalmannschaft muss immer liefern." Die Gefangenschaft im fränkischen Camp nehme man dafür gern in Kauf: "Wir wollen lange hierbleiben", erklärt Bierhoff.

Ein Turniersieg würde nicht nur Ruhm und Ehre bescheren, sondern sich auch finanziell lohnen, den deutschen Spielern winkt eine Rekordprämie für den Titel. 400 000 Euro stünden ihnen als Turniersieger zu - pro Kopf selbstverständlich, der um drei Spieler erweiterte EM-Kader wäre somit ein teurer Luxus. Der Bonus sei höher als sonst, weil es keine Entlohnung für die Qualifikation gegeben habe, erläuterte Bierhoff: "Die Prämie ist mit Sicherheit hoch - aber ich würde sie als DFB gern bezahlen."

Ob das beim von der Pandemie gebeutelten Verband alle so sehen wie der DFB-Direktor Bierhoff? Andererseits hat zum Beispiel Ilkay Gündogan gezeigt, was ein Profi mit solchen Zugaben Sinnvolles unternehmen kann. Die Gratifikation für den Gewinn der Meisterschaft mit Manchester City spendete er seinem Heimatverein SV Heßler 06 in Gelsenkirchen. Mit der Gabe - und Anteilen von Klub und Kommune - kann dort nun ein Kunstrasenplatz gebaut werden. Gündogans Onkel Ilhan nahm am ersten Spatenstich teil, und zumindest in Gelsenkirchen-Heßler herrschte in diesem Moment garantiert hervorragende Fußball-Stimmung.

© SZ/ska
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